Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

In der Literatur geht es meist um Selbst- und Welterkenntnis und da sich in unserem Blog alles um das Schreiben und die Literatur dreht, dachte ich mir, ich lege gleich zu Anfang schonungslos offen, wie es um mich und meine Weltwahrnehmung beschaffen ist. Dieses Selfie ist also nicht nur der verzweifelte Versuch, sich einem Trend anzubiedern, es ist auch der adäquate optische Ausdruck für die Qualität meiner Selbsterkenntnis. Allgemein wird ja davon ausgegangen, dass Erkenntnis eine Art von Klarheit beinhaltet und meine Selbst- und Weltwahrnehmung mag deshalb zweifelhaft erscheinen, da man von Klarheit wohl nicht wirklich sprechen kann, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne.
Ich bin nämlich kurzsichtig.
Genauer gesagt “leide“ ich unter einer Hornhautverkrümmung, auch Astigmatismus genannt. Das bedeutet, meine Hornhaut hat sich zwar brav gekrümmt, allerdings in die falsche Richtung und deshalb sehe ich statt Punkte offenbar Stäbe, d.h. das würde ich, wenn ich nicht eine Sehhilfe besitzen würde.

Zu Anfang wirkte das Dasein als Brillenträgerin sehr befremdlich. Die Welt um mich her schien plötzlich schief und schräg und ich scheiterte an Steigungen, die keine waren und trat mehr als einmal ins Leere. Also zog ich den Optiker zur Verantwortung, musste mir aber sagen lassen, die Brille sei in Ordnung, meine krummen Augen müssten sich nur erst daran gewöhnen. Und in der Tat sah ich die Welt bald „normal“. Ich stellte das auch nicht weiter in Frage, bis mir vor einiger Zeit meine Brille abhandenkam.

Ich begab mich deshalb gezwungenermaßen sehhilfenlos hinaus in eine Welt mit verschwommenen Konturen und erriet die Dinge mehr als ich sie erkannte. Da sich die Dinge nicht mehr mit dieser normierten Selbstverständlichkeit aufdrängten, konnte ich ein neues Verhältnis zu ihnen entwickeln, ungetrübt von Gewohnheiten. Die Welt war nicht mehr dieselbe und brachte mich nach langer Zeit wieder zum Staunen. Und so kam mir die Idee, dieses optische Experiment noch in Richtung Akustik zu erweitern. Und sollte ich dieses neue Experiment verkehrstechnisch überleben, dann gibt es demnächst auch eine Fortsetzung …

2 Gedanken zu “Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

  1. Ich habe meist die falsche Brille auf. Deshalb sehe ich weder Krümel auf dem Boden, noch Haare in der Suppe oder Falten im Gesicht gegenüber. Dafür habe ich Augen an Fußsohlen, Lippen, Zunge und an jeder Fingerspitze. Welch fröhliches Pieken, Spucken, Streicheln, … würde mir entgehen, hätte ich stets die richtige Brille auf der Nase!

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  2. Ich sehe auch das, was du nicht siehst. Sie schwimmen vorbei, die Konturen der Welt. Fühle mich ohne Glas wie Fisch im Glas. Doch kein Bedauern nötig. Wer nicht gut sieht, umso besser hört. Oder?

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