Geheimnisse im Netz

Geheimnissuche
Wieder stülpe ich mir meinen Netzhut über, mache mich unsichtbar auf den Weg, wie im guten alten Märchen (wobei die guten alten Märchenmädchen dafür wohl immer zu sehr unter Beobachtung standen), um Geheimnisse aufzufinden im Netz. Wenn ich also herum surfe, ohne im wirklichen Leben surfen zu können, gerate ich manchmal mitten hinein in einen literarischen Blog. Und mir stellt sich die Frage, ob die Geschichten im Netz einen Anfang und ein Ende haben. Literarische Blogs haben meistens einen Anfang, der sich chronologisch ergibt. Wenn ich aber mitten hineinfalle in die Geschichte, habe ich die Vorstellung der Figuren verpasst, den Ort und die Zeit, muss mir alles dazu erfinden oder danach suchen.

Nichtlinearität
Natürlich – könnte man einwenden – hat es so etwas schon immer in der Literatur gegeben, nicht-lineare Texte, die herum mäanderten, intertextuelle Bezüge, die Parallelgeschichten eröffneten. Trotzdem sind in einem Buch die Seiten und Kapitel in eine Reihenfolge gebunden. Die Chronologie eines literarischen Blogs ist durch die Zeitpunkte der Entstehung seiner Blogbeiträge bestimmt. Aber die Beiträge ließen sich mischen, es ließe sich zufällig eine andere Reihenfolge erstellen, die durch Ort, durch Musik, durch Bilder oder einfach das Alphabet der Anfangsbuchstaben bestimmt ist. Man kann einen Blogbeitrag immer vorne anstellen, danach folgt der aktuellste Blog und dann lesen wir chronologisch gedacht von hinten nach vorne. Wir lesen einen Blog also, wenn wir mitten drin einsteigen, rückwärts, seiner Entstehung entgegen. Die wenigsten Leser und Leserinnen werden alles lesen, vielmehr verwenden sie Schlagworte, folgen Kategorien oder aber bleiben bei Bildern hängen. Der literarische Blog bleibt in scroll-Bewegung.

blogmithut2

Authoring-Tool
Was ich gerne hätte für meinen literarischen Blog wäre ein leicht zu bedienendes Authoring-Tool, das es mir erlaubt, Fotos, Sounds, Interviews, Landkarten und Links einzubinden, ohne dafür zehn Programme beherrschen zu müssen, das es mir erlaubt, meinen Blog in vielfältige Scroll- und Klick-Bewegung zu versetzen. Leser und Leserinnen sollen meinen Blog nach Schlagworten, in zufälliger Reihenfolge, nach Bildern, nach Links, nach Stadtplan und Kategorien lesen, vielleicht sogar Geräuschen folgen dürfen.

Geteilte Geheimnisse
Gestern war ich wieder mit Netz-Hut unterwegs und habe zwei geheimnisvolle Netzgeschichten gefunden. Ich möchte sie mit euch teilen. Ihr findet die Screen-Art von Martine Neddam auf der Homepage des ZKM (das ist von mir aus gar nicht so weit, aber mit einem Klick ist es noch näher) und unter „Demo“ zeigt sie uns auch ihre Toolbox: http://aoys.zkm.de/neddam.php
Und hier noch ein Link zu einem Cyberprosa-Projekt von Odile Endres: http://www.odile-endres.de/gebeamt/wasistdie.htm

Ein Gedanke zu “Geheimnisse im Netz

  1. Nichtlinearität – Das erinnert mich an meine ersten nichtlinearen Leseerlebnisse im Lexikon meiner Eltern: Knauers Konversations Lexikon. Ich würde es gern nochmal in die Hand nehmen, aber es ist verschollen.
    Damals, vor über fünfzig Jahren, im zarten Alter von – na so etwa – zehn, habe ich es aus dem Bücherregal gezogen, wenn ich allein zu Hause war. Und, was meint ihr, nach welchen Begriffen ich wohl gesucht habe? (Hinweis: „Bravo“ und dergleichen. waren mir nicht zugänglich). Es bereitete mir eine ungeheure Lust, mich über die Querverweise von einem geheimnisvollen Begriff zum nächsten zu hangeln. Und welch Freude, wenn es hier und da auch ein Bildchen zu betrachten gab!

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