Klein(ich)keiten

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Fünfzehn Millionen im Lotto-Jackpot …

… haben in dieser Woche wieder Millionen Menschen in die Annahmestellen laufen lassen und sie dazu verleitet Millionen Euro zu verspielen in der Hoffnung, dass gerade sie, er, ich diese Millionen gewinnt.
Will sie, er, ich so viel Geld von einer Sekunde zur nächsten, plötzlich und erhofft? Nicht Schritt für Schritt, eine Million und noch eine und noch eine, sondern auf einmal?

Haben alle, die getippt haben, sich auch Gedanken gemacht, was wird, wenn sie, er, ich diese Millionen gewinnen sollte. Erst mal haben und dann schauen. Schauen, wie weit fünfzehn Millionen reichen oder nicht reichen und wofür. Einmal neu einkleiden, zweimal neu einkleiden, ein Haus, ein größeres Haus, ein neues Auto, ein größeres Auto, das größte Auto. Einmal reisen um die Welt, im Airbus, Luxusliner, Helikopter. Ein zweites Mal um die Welt.
Wird es beim dritten Mal langweilig? Oder schon eher? Kann man alles sehen? Oder ist auf der halben Strecke des Weltsehens das Sehen übergesehen?

Sie, er, ich könnte es kleiner anfangen und lauter schöne Sachen kaufen, eine Kette, einen Ring, eine Uhr, eine neue Frisur, ein faltenfreies Gesicht.
Will sie, er, ich ein faltenfreies Gesicht, an dem nicht zu sehen ist, dass sie, er, ich bisher gelebt hat und wie gelebt hat, ein lebfreies Gesicht wie ein Kind mit den Bewegungen des Alters.
Wenn sie, er, ich nun genug Ware besitzen, was kauft sie, er, ich dann, was will sie, er, ich dann besitzen?
Gesundheit oder Freude oder Liebe oder Zufriedenheit? Wo kauft sie, er, ich die und zu welchem Preis? Wie kauft sie, er, ich den Neid der Freunde und Verwandten weg, die sicher fragen werden, wo all die schönen Sachen herkommen, die sie, er, ich plötzlich besitzen. Werden sie zufrieden sein, mit dem, was sie, er, ich ihnen gebe, oder wollen sie mehr oder wollen sie nichts? Nichts geschenkt, von dem, was in Freude gegeben und in Unfreude entgegengenommen wird, weil sie, er, ich die Freude verbreitet und nicht sie.

Ist jeder, der tippt, ein Materialist, ethisch gesehen, ein Wohlstandsstrebensmaterialist? Von der Gesellschaft zum Kaufen erzogen, wortgewaltig, bildgewaltig, tongewaltig. Oder wird der zum Materialisten, der im Lotto gewinnt?
Ist das Streben nach Wohlstand ein Ur-Gendefekt, der sich wie ein Bazillus verbreitet, ausbreitet, ermächtigt? Zur Ur-Zeit ein Mammut, zur Heute-Zeit drei Autos, drei Fernseher, drei Computer …

Machen fünfzehn Millionen Angst? Angst, alles kaufen zu können, auch, was sie, er, ich niemals brauchen werde, aber trotzdem kaufe und das Alte entsorge, obwohl es noch funktioniert, auf einem Müllberg entsorge, der gegen den Himmel wächst.

Sie, er, ich könnte spenden – gegen Hunger, für Wasser, für Bildung, gegen Krankheiten. Kommen fünfzehn Millionen auch dort an und so an, wie sie, er, ich es sich vorstellt. Oder verschwindet die Hälfte oder mehr oder weniger oder alles in Quellen unterwegs und überall nur nicht dort, wo sie, er, ich dachte?
Sie, er, ich könnte die Millionen einer Bank geben zum Aufbewahren, vielen Banken geben zum Aufbewahren, die es nicht nur aufbewahren, sondern es mehren und vermehren. Es gut, besser, schlechter umlegen und auch verlegen.

Ein Zufall, nein sechs Zufälle beim Zusammenspiel zwischen Hand und Kopf und dem Durchkreuzen einer Zahl. Zufall bedeutet nicht, dass alles möglich ist. Aber möglich macht es der Zufall, möglich fünfzehn Millionen zu gewinnen.
Wie viel Zufall kann ein Mensch tragen, ertragen, unbeschadet davontragen?

Wie viel Glückshormonstress bringt sie, ihn, mich zum Fallen, zum Hinfallen, Umfallen, aus dem Leben fallen? Oder fällt sie, er, ich in das Leben hinein?
Was, wenn vor lauter schönen Sachen ihm die Frau, ihr der Mann, mir der Mann abhandengekommen ist. Oder die Kinder, weil sie jung alles haben, was man haben kann und alles sich erfüllt an schönen Sachen, dass es nicht nötig ist, etwas dafür zu tun, dass schöne Sachen noch schöner werden.

Was, wenn sie, er, ich verzichte, auf fünfzehn Millionen verzichte. Nicht belastet mit dieser Summe, von der man nicht weiß, wie sie ins Leben passt.
Aber weshalb hat sie, er, ich dann gespielt?

Ist sie, er, ich mit fünfzehn Millionen reich oder arm? Will sie, er, ich den Zufall und die Wahrscheinlichkeit wirklich und die richtigen Zahlen durchkreuzen? Hinterher reich sein an Neidern und arm an Verwandtschaft? Oder ist sie, er, ich reich und arm und arm und reich zugleich?
Ein Lottogewinn bedeutet ein Jahr glücklich sein, sagen andere Lottogewinner, sagen die Psychologen der Lottogewinner. Ein Jahr lang eine unentwegte Serotonin-Ausschüttung, von der wir abhängig sind, angeboren abhängig.

Die Wahrscheinlichkeit sechs Mal richtig zu durchkreuzen liegt bei eins zu einhundertvierzig Millionen.
Sie, er, ich zu einhundertvierzig Millionen. Eine Zahl, die nicht vorstellbar ist. Einhundertvierzig Millionen darf es nicht treffen, damit es sie, ihn, mich trifft. Mehrere Millionen Euro im Lotto-Jackpot lassen wieder und wieder mehrere Millionen Menschen in die Annahmestellen laufen und verleiten sie dazu mehrere Millionen Euro zu verspielen – in der Hoffnung, dass gerade sie, er, ich diese Millionen gewinnt – in der Hoffnung mit viel Glück viel Geld zu gewinnen, was viel Glück in die Hoffnung setzt, mit viel Geld glücklich zu werden – sie, er und ich.

2 Gedanken zu “Klein(ich)keiten

  1. Wenn du immer die selben Zahlen tippst, kannst du niemals aufhören zu spielen. Denn was wäre, wenn du eines Tages nicht mehr gespielt hast, vor dem Fernseher sitzt oder vor der Zeitung und siehst deine Zahlen als Gewinnzahlen? Oder ist das die kleine feine Methode zwischen Theorie (was würde ich machen, wenn…?) und Praxis (ich habe gewonnen und was mache ich jetzt mit der Kohle?) um der Frage näher zu kommen. Also vielleicht sollten wir uns alle feste Lottozahlen überlegen, aber nicht spielen. Wenn eine von uns gewonnen hat, muss sie detaillierte Angaben darüber machen, was sie mit den Milliönchen gemacht hätte, wenn sie denn tatsächlich gespielt hätte. Lotto spielen auf dem Trockenen, sozusagen. Lotto ad absurdum, so wie es wirklich ist.

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  2. Und wenn sie, er, ich einfach nur Lust auf den Jackpot hat, um endlich dem stets unzufriedenen Chef eine lange Nase drehen zu können? Um statt sich für ewiges Wachstum zu verdingen, einen kleinen Verlag zu gründen, der gute Literatur fernab jeglicher Bestsellerliste herausgibt? Um das Elend in einem der ungezählten Flüchtlingslagern dieser Welt etwas zu reduzieren (und damit natürlich auch das eigene schlechte Gewissen)?
    Und wenn es nicht klappt mit dem Gewinn, hat sie, er, ich vielleicht etwas für das Allgemeinwohl getan, wofür sich das Lottounternehmen bekanntlich einsetzt.
    Hmmmmmmm, vielleicht sollte ich es ja auch mal mit Lottospielen versuchen?

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