Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

… mir kam also die Idee, das optische Experiment (sehhilfenfreie Welterkundung, siehe Blogbeitrag vom 9. Oktober) noch in Richtung Akustik zu erweitern. Befreit von Brille und ausgestattet mit Ohrstöpseln begab ich mich erneut in die Welt hinaus und habe dabei keinen erwähnenswerten Schaden erlitten, obwohl ich mitten hineinlief ins Ungefähre.

Mein Atmen übertönte all die zu Hintergrundrauschen degradierten Geräusche wie Motorenlärm, Kindergeschrei, Vogelzwitschern, und die Welt entfernte sich von mir. Mein Denken hielt inne. So konnte ich mich zunächst bedenkenlos auf mich selbst konzentrieren, um mich dann wieder dem Außen zuzuwenden, intensiver und paradoxerweise unbehelligter von mir selbst. Man könnte sagen, ich verlor das Denken, anstatt mich wie sonst im Denken zu verlieren, und hatte nun endlich Muse zu schauen und mich zu wundern über das plötzlich so Fremdartige, das mich umgab. Und hier trifft sich die Weltwahrnehmung der schwerhörigen Astigmatikerin mit der Weltwahrnehmung der Lesenden. Je verzerrter, nebulöser und fremder Literatur und Kunst die Welt darstellen, desto klarer lassen sie mich erkennen, wie blind die eigenen Sinnes- und Denkgewohnheiten machen können.

Oben stehendes Filmchen  ist natürlich nur ein jämmerlicher Annäherungsversuch, auch weil meine Kamera und ich ein schwieriges Verhältnis pflegen. Es verstimmt sie sehr, dass sie aufgrund meiner Unbedarftheit weit unter ihren Möglichkeiten bleibt. Im Übrigen findet sie meine Herangehensweise an die Dinge etwas zu schräg.

Es empfiehlt sich also, das Experiment selbst zu machen, um einen richtigen Eindruck zu erhalten. Übrigens müssen Menschen ohne Augenprobleme sich dabei nicht benachteiligt fühlen. Ohrstöpsel sind allen zugänglich und womöglich könnte es helfen, sich die Brille eines Freundes auszuleihen, mit deren Hilfe sich auch Normsichtige die Welt ausreichend verzerren können, um ihren Verstand mal im Diffusen zu verlieren für 7 bis 10 Minuten. Denn länger dauerte es bei mir leider nicht, bis das Denken wieder die Macht ergriff und vorbei war es mit dem Zauber. Seither mache ich mir viele Gedanken über die Gedankenlosigkeit, die mir ein gesegneter Zustand zu sein scheint …

6 Gedanken zu “Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

  1. Und das ist mir spontan eingefallen beim Lesen des Textes und Schauen des Videos:

    da stiegen die lichter herab
    von allen decken stiegen sie
    und schwebten über den kacheln
    die wechselten die farben nur
    die lichter blieben sich treu
    blieben gleich eins um das andere
    matte sonnen die in den unterführungen taumeln
    leicht nur aus der senkrechten kegeln
    so leicht dass der rasch vorüber gehende
    sie gar nicht wahr nimmt
    diese kleine abweichung diese ausbuchtung
    des raumes in den ort von wo
    aus der zeiger der uhren neu justiert werden kann
    doch bevor das geschieht fallen alle ziffern
    sie rutschen über die weiße emaille
    an den flammenden neonröhren entlang
    aus der tiefe ruft der zug
    ungeduldig die stufen hinauf dem ruf nach
    stolpern die zeiger und nach ihnen
    stunden und minuten gemeinsam
    platz die bahn fährt an
    zurück bleibt raum zeitlos

    Gefällt 1 Person

  2. Gefällt mir!
    Die Welt einmal durch den Verzerrer gejagt, optisch durch Weglassen der Sehverschärfung, akustisch durch Zustöpseln der Trommelfelle, wobei dein Atmen der wattierten Umgebung eine latent bedrohliche Note hinzumischt.
    Hinter jeder Ecke, um die du biegst, vermute ich etwas Unschönes; vielleicht ist das Banale (hier das gekachelte und geteerte halb automatisierte Stadtleben) selbst das Unschöne, oder die Bedrohung, in der das Atmen fremd klingt: nicht dazugehörend, also angsteinflößend.

    Gefällt mir

    1. Das ist interessant. Jemand anderes hat mir gesagt, dass sie sich an einer Stelle an einen Horrorfilm erinnert gefühlt hat und vom Atemgeräusch irritiert war. Ich fühlte mich nicht bedroht, fand das alles faszinierend und diese hellen Kacheln und Lampen einfach wunderschön. Aber ich wusste natürlich – so verschwommen auch alles war – wo ich unterwegs bin. Vielleicht könnte man die Erfahrung noch intensivieren, indem man sich ohne Brille und mit Ohrstöpsel irgendwohin begibt, wo man noch nie gewesen ist …

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.