Arriving in Berlin

Ricarda de Haas

 

Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorzüge stehen im Baedeker..“ 

(Kurt Tucholsky: Berlin! Berlin!, 1919)

.. oder in diesem Blog

Diese Stadt ist immer wieder erstaunlich. Wer auch immer neu hierher kommt und etwas braucht (oder wer von den bereits hier Wohnenden Lust auf Neues hat) wird – egal worauf das Interesse sich richtet – in Berlin fündig. Insofern stellt sich nie die Frage, ob man das Nötige findet, sondern nur wo man es findet und wann. Information und Navigation sind so eng miteinander verzahnt, dass eine der ersten Lektionen für Neuankömmlinge darin besteht, alle Entscheidungen des Alltags, vom Sportkurs bis zur Arztwahl, nicht nur von der Qualität des Angebots sondern auch von dessen geographischer Lage, sprich: der Zeit für Wege, abhängig zu machen.

 

Zur Navigation braucht es Karten.

In die anfangs so hilfreichen analogen oder digitalen Stadt- und U-Bahnpläne werden persönliche Markierungen gesetzt wie kleine bunte Leuchttürme: Universitäten und Kinos, subkulturelle Clubs oder queer-feministische Adressen, Orte, an denen es gutes Essen gibt oder coole Drinks.. Dieses Sammelsurium an Informationen schreibt sich ein in die nun buchstäblich virtuellen Stadtpläne: im Kopf gespeicherte private Karten der Stationen des je eigenen Lebens. Sobald das Glück einer neuen Liebe darin verzeichnet ist – oder die Traurigkeit einer verflossenen – ist der Moment gekommen, in dem den Neuberlinern die erste Silbe aberkannt wird: sie sind zu echten Einwohnern geworden.

 

Das wirklich besondere an Berlin..

.. ist aber, dass falls etwas Nötiges doch mal fehlen sollte, sich immer Menschen finden, die dafür sorgen, dass diese Not beendet wird. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem nicht nur so viele verschiedene Menschen über so viele verschiedene Ressourcen verfügen, sondern an dem sie auch tatsächlich in der Lage sind, diese für konstruktive Projekte zu nutzen.

 

Open Source Map „Arriving in Berlin

Jetzt hat sich also eine kleine Gruppe rund ums Haus Leo und das Haus der Kulturen der Welt in den Kopf gesetzt, Neuankömmlingen dieses mühsame Einwohnerwerden zu erleichtern. Nicht nur irgendwelchen Neuankömmlingen, sondern denen, die vor besonderen Herausforderungen stehen. Mit dem interaktiven Stadtplan „Arriving in Berlin“ soll Flüchtlingen ein einfacher Zugang zur Stadt ermöglicht werden. In drei Sprachen – Englisch, Arabisch und Farsi – sind sprachkundige Ärzte, Informationen zu Nahverkehr, Polizei und Ämtern, aber auch Bibliotheken mit kostenlosem WLAN-Zugang sowie Kulturorte verzeichnet. Da das Projekt auf Open Source beruht, kann jede/r Informationen beisteuern, und so das Netz dichter spinnen.

Von Karl Scheffler stammt der legendär gewordene Satz: „Berlin [ist] dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Mit Blick auf diese Karte und ihre Implikationen – wieder einmal hat eine neue Gruppe ihren Bedürfnissen Rechnung getragen, und sie macht zugleich dieses Bedürfnis in einem neuen virtuellen Stadtplan unmissverständlich sichtbar – möchte man fragen, wo denn da die Verdammnis liegen soll? Andere Städte haben vielleicht mehr Geld, eine effizientere Verwaltung oder eine jahrtausendalte Geschichte. Berlin hat findige BewohnerInnen, und sie hat eine Kultur, in der niemand – und das scheint signifikant zu sein – ein Interesse daran hat, diese findigen Menschen bei ihren die Stadt sanft verändernden Aktivitäten zu stören.

 

Apropos Karten:

Unter der Seite Viewsoftheworld ist eine interessant verzerrte Deutschland-Karte zu sehen. Anders als in einer gewöhnlichen Karte wird nämlich die Größe der Bundesländer anhand der Zahl der von ihnen aufgenommenen Flüchtlinge berechnet. Berlin, Hamburg und Bremen sind sehr groß eingezeichnet, während Thüringen, Sachsen und Brandenburg deutlich schrumpfen, und Bayern sowie Baden-Württemberg dezent auf Diät setzen. http://www.viewsoftheworld.net/wp-content/uploads/2015/08/RefugeeMapGermany2015.jpg

Berlins Veränderungsbereitschaft, die Scheffler vor über hundert Jahren als Tragik bezeichnete, scheint aus heutiger Sicht ein Segen zu sein.

4 Gedanken zu “Arriving in Berlin

  1. liebe konstanze, natürlich hast du recht, dass überall menschen helfen. es geht bei der bundesländerkarte auch nicht ums bewerten, sondern darum, die absoluten zahlen in bezug zur größe der bevölkerung zu setzen und dies grafisch darzustellen. (diese zahlen sagen natürlich nicht viel darüber aus, wie freundlich die menschen jeweils empfangen werden.) mein text dreht sich ja bewusst nur um berlin, nicht um die anderen länder. aber ja, ich bin ehrlich beeindruckt, wie viele menschen berlin aufnimmt. und wie verhältnismäßig smooth das abläuft.
    (hm, wie geht das mit dem eigenen icon? egal, ich unterschreibe klassisch: best, Ricarda

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  2. Viewsoftheworld – ich habe zunächst viewsofttheworld gelesen – bis ich merkte, dass dafür ein T zu wenig vorhanden ist. Aber mir gefällt „View soft the world“ – das klingt so behutsam. Es ist doch sehr erfreulich, dass gelegentlich verabsäumt wird, durch Gedankenstriche anregenden Missverständnissen vorzubeugen.

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  3. Die Berlinkarte für Ankommende, die einen leidvollen und entbehrungsreichen Weg hinter sich haben, finde ich sehr gut als Orientierungshilfe!
    Die Karte zu den Bundesländern ist interessant, wirklich. Aber: Überall in Deutschland gibt es viele Menschen, die Flüchtlingen selbstlos helfen. Wir sollten da nicht die Bundesländer gegen einander gewichten und bewerten.

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