Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

SCHNEE VON HEUTE

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Offenbar Hunderte von Männern arabischer/nordafrikanischer Herkunft, die sich an Silvester mitten in Köln zusammenrotten, Frauen und Mädchen bedrohen, sexuell bedrängen, bestehlen. Ich versuche vergeblich, die in mir aufkommenden, wütenden  Gewaltphantasien in den Griff zu kriegen. Es gelingt mir erst, als ich aus dem Fenster sehe: Der erste Schnee!

Jedes Jahr hat er die gleiche Wirkung auf mich: Ich werde völlig ruhig und lächle, egal wie genervt oder wütend ich gerade eben noch gewesen sein mag. Und dann erinnere mich daran, wie ich als Kind in den Himmel gesehen habe. Die Schneeflocken flogen auf mich zu wie Botschaften aus der Zeitlosigkeit und ich konnte mich nicht satt sehen, sah so lange in den Himmel bis ich alles um mich herum vergessen hatte. Deshalb reagiere ich wohl auf die ersten Schneeflocken wie ein Pawlowscher Welpe: Ich freue mich, freu mich so, laufe auf die Straße, setze meine Brille ab und tapse, ganz Hanna Guck-in-die-Luft, durch die tanzenden Eiskristalle.

Als die gefühlt letzte Schneeflocke gefallen ist, setze ich – immer noch lächelnd – meine Brille wieder auf, betrete den Laden an der Ecke und kaufe mir ein scharfes Klappmesser, das angenehm in der Hand liegt.

 

 

4 Gedanken zu “Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

  1. Ja, Verteidigung ist angesagt! Ein Klappmesser werde ich mir wohl nicht kaufen, hätte Angst, es heraus zu ziehen. Überhaupt – die Angst – ist schon größer geworden, mit Jahresbeginn: nachts in der S-Bahn, auf dem Bahnhof, in dunklen Seitenstraßen …
    Und trotzdem: Ich habe mich gefreut, heute in den Nachrichten zu lesen, dass als Unwort des Jahres 2015 das Wort „Gutmensch“ gekürt wurde; die Begründung dafür spricht mir aus dem Herzen, erleichtert!

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  2. Leider ist der Schnee von gestern wieder oder immer noch der von heute.
    Eine Bekannte wird regelmäßig von ihrem Chef angegrabscht.
    Sie traut sich nicht, sich zu wehren. Hat Angst, entlassen zu werden.
    Mädels und Frauen verteidigt euch! Mit Worten, Gesten, Anzeigen. Laut, lauter und noch lauter.
    Schreit und macht öffentlich!

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    1. Gefällt mir total gut, diese Kürzestprosa.

      Sehr direkt und emotional nachvollziehbar, erst die Besänftigung durch den Schnee – ich hatte schon befürchtet, über die Freude wird die Wut vergessen. Dann das Messer am Ende, ein scharfer Stich.

      Ich kann es nachvollziehen, finde es beängstigend und befriedigend zugleich.

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