Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Annäherungsweise verfehlt oder: grob gerechnet

Eines Abends, irgendwo in einer Bar am Prenzlauer Berg; an der Theke drei Kneipengäste im Gespräch, ein groß gewachsener, blonder Mann mit exaktem Haarschnitt, zwei im Vergleich dazu eher kleine Frauen mit unterschiedlicher, schwer zu definierender Haarfarbe und Frisur.
„Und, wie viele Kilometer sind es von dir zu Hause bis nach Berlin?“ fragt er die etwas Größere der beiden Freundinnen.
„ Ich fahre ungefähr eine gute Stunde.“
Er schüttelt verständnislos den Kopf. „Ich habe nach Kilometern gefragt.“
Sie zuckt bedauernd die Schultern.
„Na ja, das kann man ja ausrechnen. Wie viel Stundenkilometer fährst du im Schnitt?“
„Das kommt darauf an.“
„Das kommt darauf an!?“ Er dreht sich in hilfloser Verärgerung zur anderen um. „Bei einer klaren Fragestellung sollte man doch wohl eine klare Antwort erwarten können?“
„Ja, das ist sicher irgendwie unbefriedigend.“
Misstrauisch sieht er auf die blinzelnde Brillenträgerin herab, fragt dann aber doch, halb besänftigt durch ihr Lächeln: „Bist du auch mit dem Auto da?“
„Ich wohne nicht weit von hier.“ Sie nippt an ihrem Whisky.
Er starrt sie wortlos an. Dann greift er nach seinem Bier, dreht sich brüsk um und lässt die beiden Frauen stehen.

7 Gedanken zu “Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

  1. Hm, ich kann mich des eindrucks nicht erwehren, dass hier der betreffende mann der kurzsichtige ist.. ansonsten finde ich das ja etwas kryptisch: was um himmels willen wollte der bloss? Ein fall von „aurelie, so klappt das nie…“?

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    1. Tja, was soll ich sagen… Die Geschichte ist aus dem Leben gegriffen und ich habe sie nur ein klein wenig zugespitzt. Für mich hat das Ganze etwas leicht Absurdes. Meiner Ansicht nach ist der Mann in dieser Geschichte gerade nicht kurzsichtig (da ich ja mit Kurzsichtigkeit und der damit einhergehenden Unschärfe und Verfremdung der Wahrnehmung sogar eine Art Befreiung verbinde), sondern er besitzt eher ein eingeschränktes Gesichtsfeld. Und was ihm eindeutig fehlt ist der Sinn für die Bedeutung des Ungefähren.

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  2. Was MUSIL auch ohne Brille im LISUM beobachten könnte:
    Auf dem schönen neuen Parkplatz am schönen neuen Bahnhof Struveshof steht das schöne neue Mediale Und, kommt aus der Schule, will zum Institut, des Landes. Denn es kann immer noch nicht berechnen, ob es Mensch oder Maschine ist. Das Resultat bleibt unbefriedigend. Also will es sich fort bilden. Es gerät zwischen die Stühle des Konferenzraums, das Und, wird ungefragt auf das Smartboard digitiert, damit es auch ohne Brille zu identifizieren ist, kann entfliehen, reiht sich ein in die Mittagessensschlange. Haben sie sich überhaupt zum Essen angemeldet? Landet kopfschüttelnd in der Küche direkt auf der Brotschneidemaschine und wird unversehens zur Mensch-Maschine-Schnittstelle. Das ist nun eindeutig eine scharfe Definition.

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