Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Rolfs Schreibwerkstatt:

Maja schreibt auch

Birgit schreibt. Sie ist ein fröhlicher Mensch. Birgit hat auch Down Syndrom. Aber darüber schreibt sie nicht. Sie schreibt am liebsten übers Essen: Schokolade, Käsekuchen, Vanillepudding, Gummibärchen und Kekse.

Rolf ist Sozialarbeiter in Rente und veranstaltet einmal im Monat eine Schreibwerkstatt für Menschen mit Behinderungen in den Praunheimer Werkstätten in Frankfurt am Main. Er tut das ehrenamtlich. Er ist auch der Bruder meines Freundes. Neulich hat er auf einem Familientreffen so leuchtend von seiner Schreibwerkstatt erzählt, dass ich sofort Lust bekam, sie zu besuchen. Es ist schön über Menschen zu schreiben, die das lieben, was sie tun.

„Das ist Maja Linthe“, sagt Rolf zu den anderen, „sie schreibt auch. Ich habe gerade eine Kurzgeschichte von ihr gelesen.“ Das reicht. Alle nicken anerkennend. Sie schreiben ja auch und wissen, wie schwierig das ist.

Birgit legt ihren Text aus der Hand und reicht sie mir. Sie spiele gerne Fußball, auf dem Sommerfest hier in den Werkstätten habe sie gewonnen. Ich erzähle ihr, dass mein Sohn ebenfalls zum Fußball gehe. Ja, ihrer auch, erwidert sie, hält kurz inne und verbessert sich – ihr Bruder!

Über Prominente schreiben, ist gefährlich

„Über prominente Leute schreiben, ist gefährlich“, sagt Rolf gerade, „das sieht man ja an dem Kohl“. Die anderen nicken, gehen wohl in Gedanken ihre Texte nach Prominenten durch. In einer Geschichte kommt nämlich Angela Merkel vor, in einem gläsernen Schiff. Gemeinsam mit einer Teilnehmerin beugt sich Rolf jetzt über deren Blatt: „Was heißt denn das? Das konnte ich nicht entziffern.“ Sie rätseln gemeinsam, kommen aber zu keinem Ergebnis. „Das ist Original-Katharina“, sagt Rolf dann anerkennend zu ihr über den Text, „das gibt es nirgendwo sonst.“ Katharina kichert erfreut und alle setzen sich wieder auf ihre Plätze. Die Stühle sind bunt, der Raum ist es nicht, eine Behindertenwerkstatt, die nicht mehr behindertengerecht ist. Der Neubau soll schon bald bezogen werden. Aber soweit ist es noch nicht.

Praunheim 2014 007_blog

Die Lesung

Rolf blickt sich freundlich in der Runde um. Es habe ja beim letzten Mal den Wunsch gegeben, eine Lesung zu machen.

„Kann ich was vorlesen?“, ruft einer rein.

„Ich habe von jedem eine Geschichte mitgebracht. Wer will, kann, wer nicht will, muss nicht vorlesen. Hier ist heute `ne Lesung und wer schwätzt, wird rausgeschmissen.“

„Aber du bist doch nett, wie kannst du mich denn rausschmeißen?“

Birgit ist als erste dran. Sie zwängt sich zwischen den Stühlen hindurch nach vorne, denn die, die liest, soll vorne sitzen, damit es eine richtige Lesung ist. Sie hält den Text mit beiden Händen, die Brille auf der Stirn, Rolf hilft ihr beim Entziffern. Sie liest aus ihrem Text: „Heute hat der Alexander geweint. Ich weiß nicht warum. Er ist ja mein Freund.“ Als sie geendet hat, klatschen alle. „Gut gelesen!“, sagt Rolf. „Ja“, sagt Birgit und setzt sich wieder auf ihren Platz.

Urheberschaft

Es ist unruhig geworden. Letztes Mal war „Sommer“ das Thema, und dazu haben zwei der Teilnehmer gemeinsam einen Text geschrieben, den sie jetzt lesen wollen. Sie sind sich nicht einig über die Urheberschaft. Aber es gibt keinen Streit. Er habe bei den ausländischen Wörtern geholfen, sagt der eine schließlich, und der andere nickt.

Der erste ist schüchtern. „Kommst du her zu mir?“ Rolf deutet auf den Stuhl für die Lesung. „Nee, nee.“ „Feigling. Das hier ist die Überschrift.“ Rolf zeigt sie ihm. „Weiß ich nicht.“ „Soll ich`s vorlesen?“ Schließlich einigen sie sich, dass der andere den Text vorträgt. Der geht stolz nach vorne, setzt sich, liest die Überschrift und fügt hinzu: „Von mir.“

Shooterspiel mit Aliens

Es folgt eine Pause. „Also, das ist ein Shooterspiel mit Aliens.“ Er blickt bei der Erklärung kurz in die Runde, mehrere Zuhörer schlafen bereits. Er liest weiter: „Es gibt viele schöne Frauen hier. Porno im Puff.“ Alle, die wach sind, lachen. Als sein Ich-Erzähler eine Straße entlang geht, ruft der Autor in seinen eigenen Text hinein: „Das war ich natürlich.“ Am Ende klatschen alle und wecken die, die eingeschlafen sind, wieder auf. „Das war’s jetzt schon? Ich will weiterlesen.“ Widerstrebend geht der Autor zurück an seinen Platz und fragt seinen schüchternen Nachbarn: „Wie war ich?“ Der schlägt ihm anerkennend auf die Schulter.

Rolf mischt sich ein. Wenn das nur abgeschrieben sei vom Computerspiel, dann müsse er das rausnehmen, das sei ja nicht fair. Er will auch den Einwand der beiden ungleichen Autoren nicht gelten lassen, dass das ja eh nicht öffentlich gemacht werde. Die beste Möglichkeit sei immer noch, eigene Figuren zu erfinden, da habe man keinen Ärger.

Der nächste Text ist ein Songtext. Der Autor möchte nicht nach vorne kommen. „Können Sie`s lesen?“, fragt Rolf. „Schwierig“, sagt der. Schließlich findet sich ein anderer bereit, den Songtext zu rappen. Die Zuhörer wippen und wiegen sich im Takt. Es macht nichts, dass nur wenig vom Text zu verstehen ist. Als dann wirklich alle gelesen haben, sagt Rolf: „Das war das Ende der Lesung.“
„Was, fertig? Noch weitermachen!“

Der Krimi

Rolf will, dass alle noch ein wenig schreiben, vielleicht Geschichten für die Weihnachtsfeier. Das Thema sei egal, nur keine Tötung am laufenden Band. Pablo schlägt vor, an einem Termin seinen ganzen Roman vorzulesen. Rolf wiegt den Kopf hin und her: „Das könnte lang werden. Vielleicht, wenn nur ganz wenige da sind.“

Aber Pablo gibt nicht auf, er möchte Rolf noch den Rest seines Romans diktieren. Die beiden gehen in einen kleinen Nebenraum, und Pablo nimmt die Karteikarte mit seinen Figurennamen zur Hand. Rolf schreibt mit der Hand auf, was Pablo diktiert. Es ist ein Krimi: „Todesursache: Verkehrsunfall!“ Rolf schreibt und fragt: „Wer tippt denn das ab in den Computer?“ „Überleg ich noch!“

Das Ende

Pablo diktiert weiter das, was Rolf einen komplizierten Kriminalfall nennt, und der mahnt auch an, dass es an der Zeit sei, den langen Krimi zu Ende zu bringen. Schließlich verkündet Pablo den letzten Satz: „Und er wurde zum Gott einer neuen Welt.“ Rolf wiederholt und schreibt das auf.

„Ende“, sagt Pablo, „ja, das Wort „Ende“ – es ist vorbei.“

„Wer tippt das jetzt ab?“, fragt Rolf und Pablo erwidert: „Wie wär’s mit Sie?“ Beide lachen.

„Soll ich was sagen? Ich hab‘ am Schluss nicht mehr richtig kapiert, was passiert“, wendet Rolf ein. Pablo nickt und sagt: „Aber ich find` gut, dass die Geschichte zu Ende ist. Was sagen Sie?“

Er kündigt eine neue Geschichte an, von einem Cyborg, der unheimlich stark ist, aber aussieht wie eine hübsche Blondine. Die Geschichte werde schneller gehen, verspricht Pablo mit Blick auf den ungeduldigen Rolf. Er habe sich vorgenommen, eine Art Serie aufzubauen.

Birgit geht an der Tür vorbei. Sie hat einer anderen Ehrenamtlichen ihren Text diktiert. Sie winkt mir zum Abschied. „Ich wollt` mal, dass du was anderes schreibst“, sagt Rolf gerade zu Pablo. „Es gefällt mir aber!“ „Okay“, seufzt Rolf, „ich geb mich geschlagen“. Wir packen zusammen und gehen gemeinsam die Treppe hinunter. Unten halte ich Ausschau nach Birgit, aber die ist schon weg. Sie malt nämlich auch.

Ein Gedanke zu “Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.