Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Ist das eigentlich ein Vorbote des Alters, dass ich mich neuerdings immer mal wieder bei sentimentaler Rückschau ertappe und Sehnsucht verspüre nach den kleinen Dingen, die irgendwann einmal passiert sind, im richtigen Leben und nicht virtuell? Gestern erinnerte ich mich daran, wie ich als Kind gemeinsam mit meiner besten Freundin einen am Rand des Gehwegs aufgetürmten Berg aus verharschtem Schnee und zusammengekehrtem Granulat zerhackte, mit voller Wucht und mit viel Lachen, immer hinein mit der Stiefelspitze, bis die Kristalle spritzten und das Ungetüm kleiner wurde, bis es verschwand. Das war keine Achtsamkeitsübung und war es doch, weil wir in unserem Tun völlig aufgingen und in diesem Moment nichts anderes existierte.

verschneite-birke

Ich kann diesen Augenblick abrufen wie einen Film, nicht einmal unscharf sind die Bilder, vielleicht hat etwas in mir sie im Laufe der Jahre aufgearbeitet, digital und emotional, vielleicht war es gar nicht so schön, wie es mir inzwischen erscheint, vielleicht fror ich und war wütend und wollte deshalb gegen irgendetwas treten. Davon weiß ich heute nichts mehr, aber ich frage mich, ob es überhaupt Schnee geben wird im kommenden Winter trotz des Klimawandels, ob ich mir die Zeit nehmen werde, das Haus zu verlassen, wenn er fällt, um durch die Straßen zu schlendern, ob ich dann nichts wissen will von Nässe und von Rutschgefahr, ob ich Anlauf nehmen und über eine Eisbahn schlittern werde ohne Furcht vor dem Fallen, während um mich her die Flocken niedersegeln und die Welt in Stille versinkt.

Es ist ein wehmütiges Fragen und ein Mäkeln an der Gegenwart, aber zu viele schon sind rückwärtsgewandt auf dieser Seite des Teiches und auf der anderen, erliegen dem mächtigen irrationalen Eindruck, dass alles einmal besser war. Ich spüre die Gefahr und richte den Blick nach vorn und fort vom Schnee von gestern, der nächste Winter kann kommen.
Wenn er nur keine Eiszeit bringt.

4 Gedanken zu “Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

  1. oh, ich liebe solche momentaufnahmen! danke, claudia, für diesen tollen schneehaufen. da kriegt man richtig lust auf den winter. vielleicht haben wir ja glück und können beim dezembertreffen durch den schnee purzeln.. aber ja, alter: kinder können das, so ganz im jetzt DA sein, wir müssen uns da leider mühe drum geben..

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  2. Geschönte oder verzerrte Erinnerungen sind nicht unbedingt ein Vorrecht des Alters. Der Mensch neigt ganz allgemein dazu, wenn man einigen Forschungen Glauben schenken darf.
    Man muss die Vergangenheit nicht besser finden, bloß weil einem in der Gegenwart nicht alles gefällt. Aber wehmütige – und vermutlich geschönte – Erinnerungen sind ein Genuß, den man sich ruhig ab und zu gönnen kann wie ein üppiges Stück Torte. Man sollte sie nur nicht zum Grundnahrungsmittel machen. Die langfristig üblen Folgen ungehemmten Tortenkonsums sind ja hinlänglich bekannt.

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  3. Ich gebe es zu, ich schlage aus der Art, schere aus bei der Rückschau auf die vergangene Zeit. Schaue nicht wehmütig auf das Gewesene, sondern sehnsuchtsvoll auf das Kommende und versuche dabei im Jetzt zu sein.
    Und was hindert uns daran, auch heute noch Schneeeisgranulatsplitter mit der Stiefelspitze zu zerhacken?
    Nur wir selbst. Trauen wir uns für Momente wieder Kind zu sein!

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