Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Flaschenpoetik

(Fs. zu „Aufmerksamkeiten“ vom 07.10.2016)

Da steht es, das Fläschchen, immer noch unberührt, ungeöffnet, beunruhigend unversehrt. Der Empfehlung, den Geist aus der Flasche zu lassen, bin ich also nicht gefolgt. Was wäre auch gewonnen, hätte ich es getan?

Das Fläschchen selbst ist ja völlig leidenschaftslos, ist einfach nur ein Fläschchen von vielen, verziert mit der berühmten Marien-Erscheinungs-Szene von Lourdes und angefüllt mit Weihwasser, vor dem ich dank meiner katholischen Jugend keine Berührungsängste habe. Hätte ich das Fläschchen geöffnet, wäre vermutlich nichts passiert und ich wäre nach wie vor beunruhigt. Denn die Beunruhigung geht von mir aus, sie spiegelt sich nur in den Dingen und Wesen um mich her.

Nehmen wir aber mal an, das Fläschchen wäre gar nicht so unschuldig, sondern würde tatsächlich eine Art Flaschengeist beherbergen, der entfleucht, sobald das Fläschchen geöffnet wird und mit ihm verschwände das Beunruhigende an der Existenz dieses Fläschchens. Dann wäre ich nicht länger beunruhigt – und wie beunruhigend ist das denn! Schließlich verdankt sich der Blogtext zu einem großen Teil dieser Beunruhigung, was bedeuten würde, dass mich mein Bedürfnis, dem Fläschchen auf den Grund zu gehen, meiner Inspiration berauben würde. Und die Beunruhigung darüber, meiner Beunruhigung verlustig zu gehen, hat nun diesen Folge-Text verursacht.

Deshalb glaube ich auch, dass die Gebrüder Grimm den Flaschengeist schön in der Flasche gelassen haben, um Geschichten erzählen zu können. Wer allem auf den Grund gehen will, alle Geheimnisse lüften will, der sollte in die Wissenschaft oder die Politik gehen, da ist das eine wichtige Sache.
Im Schreiben, in der Poesie lüfte ich das Geheimnis nicht, sondern lasse mich von ihm inspirieren und schnüffle mich wie ein junger Hund an der Flasche entlang, um ihr Wesen zu ergründen, ohne ihr Geheimnis zu zerstören, das ich lieber feiern will. Denn sie spiegelt mein Geheimnis und wehe all diesen Psycholog(-inn)en, die uns die dunklen Ecken unserer Seele ausleuchten wollen, die uns aufschrauben wollen und den Geist austreiben wollen, um nicht mehr von uns beunruhigt zu werden …

6 Gedanken zu “Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

  1. Zur Beruhigung meiner Schreibbeunruhigung möchte ich zu gern am Fläschchen schnüffeln. Die poetische Wirkung erproben, ergreifen, erhaschen. Der Flaschenpoetik nicht auf den Grund gehen, eher einen Hauch erfassen.

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  2. Wie wäre es mit einer Reise nach Lourdes und/oder an die Quelle des geweihten Wassers? Als Kleinod das Fläschchen im Gepäck. Wenn es den Tag nutzt, wenn es ihn in Licht und Schatten brechen kann, kann es auch den Bann der anderen Dinge brechen. 

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  3. In der tat. Das ist das traurige (ebenso wie das schoene) an wissenschaft: dass das geheimins nicht fuer sich selbst geschaetzt wird, sondern nur anlass oder ausgangspunkt der reise ist. Und alles am ende ungeloeste benannt wird als ausgangspunkt fuer neue fragen. Zirkelhaft. Erkenntnis statt poesie.

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    1. Oh, nein, Protest!
      Wir wissen doch, dass die WissenschaftlerInnen, je mehr sie wissen, wissen, dass sie eigentlich nichts wissen. Zumindest kann ich das für die Naturwissenschaftler sagen. Also ist das Lösen von Geheimnisse (zumindest dort) doch eigentlich deren Potenzierung. Wenn das keine Poesie ist!

      Gefällt 2 Personen

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