Safe sein

Ricarda de Haas

Anfrage von südafrikanischen Freunden: bist du safe? Eine alltägliche Frage in Südafrika, nicht nur in Johannesburg. Ein typisches Thema in Gesprächen mit Fremden und Freunden. Es gibt unzählige Erlebnisse dazu, von knappem Entkommen, bewaffneten Einbrüchen bei Nachbarn, Straßenraub mit Verlust von Geld oder Smartphone. Geschichten erzählt beim Heimkommen, beim Essen, einem Glas Wein. Erzählt, um mit echtem Schrecken fertig zu werden. Es gibt Gedichte darüber, Kolumnen, Cartoons. Safe sein. Das Kostbarste, was es gibt.

Zu mir nach Berlin kam die Frage über Facebook. Sie ist ernst gemeint, einerseits: Warst du in der Nähe von dem Anschlag? Geht es dir gut? Mir geht es gut. Ich war am anderen Ende der Stadt. Die Sorge erscheint mir absurd.

Andererseits ist die Frage eine Reaktion auf einen Algorythmus. Ich selbst habe das nicht angeklickt. Facebook weiß nicht, wo ich wohne. Theoretisch. Praktisch fragt mich Facebook bei jeder Reise, während derer ich mich längere Zeit an einem Ort aufhalte, ob dort mein neuer Wohnsitz sei. Praktisch hat mich jetzt Facebook kritisiert, noch bevor irgendeine meiner Freundinnen schrieb. Man könne nicht sehen, ob ich safe sei in Berlin.

Manche Freundinnen schrieben persönlich. Ich merke, dass sie sich Gedanken machen. Andere klickten anscheinend den Safety Check an, der bei mir als standardisierte Aufforderung ankommt: deine Freundinnen x und y wollen wissen, ob du safe bist. Teile ihnen mit..

Und plötzlich teilen alle allen mit, dass sie safe seien. Als wäre das jetzt auch bei uns eine bedeutsame Kategorie. Wir debattieren beim Einkaufen über Attentäter, Waffen, Ideologie. Der Verkäufer lacht: wir werden alle zu Ermittlern. Eine Kundin verabschiedet sich nervös: na, hier drin im Bio-Laden ist die Welt wenigstens noch in Ordnung. Falsch, möchte ich sagen: Unsere Welt ist auch draußen überwiegend in Ordnung.

Für die Betroffenen und die ihnen Nahestehenden war es, nein: ist es schlimm. Wir anderen, alle, sind safe. Wie wir immer safe waren, hier in Berlin, einer Stadt, in der junge Frauen nachts um die Häuser ziehen können, ohne Angst haben zu müssen. So sehr ich Johannesburg schätze: dieser Verlust an alltäglicher Freiheit war schwer zu ertragen. Die ständige Wachsamkeit anstrengend, die unterschwellige Angst belastend.

Ich störe mich an dieser medialen, algorythmisch erzeugten Hysterie. Es erscheint mir zynisch: Eine Banalisierung des echten Leids der Anderen, Betroffenen. Hier und überall.

Ein Gedanke zu “Safe sein

  1. Leider das große Thema dieser Tage und Wochen. Vielleicht hilft ein Safe sein aus dem Inneren heraus, dazu sich vom Außen nicht irritieren lassen. Und selbst friedlich zu sein.

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