Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Was bedeutet es, für ein Blog zu schreiben?

Hat es im Blog eine Bedeutung, dass ich Texte schreibe, die nie auf Papier erscheinen werden? Wie verändern sich Texte auf Papier? Oder wie verändert sich unser Schreiben, wenn wir die Texte gedruckt sehen möchten? Was bedeutet es, dass Leser*innen mir zurückschreiben können? Ähnelt das Blog einem Brief?

Was bedeutet es für ein Blog zu schreiben?

Ewig und schnelllebig

Texte, die online erscheinen, sind kurzlebiger, weil sie schneller verschwinden. Bei Snapchat z.B. verschwinden die Stories nach 24 Stunden. Aber ist das Internet nicht auch der Ort, an dem alles erhalten bleibt? Wird das Printbuch nicht schneller verramscht als das E-book und die gedruckte Zeitung schneller weggeschmissen als ihre Online-Version aus dem Netz verschwindet? Ich schreibe also in das Verschwinden und das Nie-Vergessen gleichzeitig hinein.

Und ja, ich bin mir beim Schreiben bewusst, dass ich für einen kurzen, kurzlebigen Blog schreibe. Kurzlebig deshalb, weil es schon nach einer Woche des Herunterscrollens bedarf, um ihn hinter den darauffolgenden Blogbeiträgen aufzuspüren. Andererseits weiß ich auch, dass jeder, der mich unter meinem Namen sucht, unter Umständen immer diesen einen Blogbeitrag finden wird.

Spontan

Ist mein Schreiben im Blog spontaner, lehnt sich also eher an das automatische Schreiben, die Improvisation z.B. der Beatniks an?

Meine Freundin Dane hat einmal gesagt, sie sei nicht fürs ständige Optimieren gemacht, sie sei mehr für Rock’n Roll. Und ich finde, das ist auch eine gute Beschreibung des Blogs. Ein Blog ist eher Rock’n Roll, sich etwas trauen, ohne es lange auszuprobieren, Mut beweisen zur Spontanität, sich in Texten zeigen, ohne ewig darüber zu reflektieren, wie sie denn auf andere wirken könnten, welches Bild sie von mir als Autorin geben.

Multimedial

Das Blog bietet multimediale Möglichkeiten, die vom reinen Text ablenken, ihn bereichern können. Dies erfordert auch von mir andere Fähigkeiten als nur das Schreiben, wie z.B. die Bildbearbeitung. Ich musste mir einiges an technischem Know-How aneignen, um ein Blog führen zu können.

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Für meinen eigenen Blog habe ich eine für mich neue Blogart zu schreiben entwickelt, kleine Texte, die sich auf die Fotos beziehen, die wiederum Teil der Geschichte sind. Selbst die Hauptfigur ist einem Graffiti, einem Foto entsprungen. Hier im alphabettinenblog experimentiere ich z.B. mit Audios und mit Kommentaren, die ich selbst zum Bestandteil meiner Blogtexte mache. Solche Texte könnte ich auf Papier nie schreiben und sie könnten nur schwer gedruckt werden.

Vernetzt

Als Blogschreiberin schreibe ich gleichzeitig bei mir in der Poetinnenstube als einsame Poetin, als ich mich auch wie bei einer Lesung auf einer Bühne präsentiere. Über die Links und SEO-Möglichkeiten des Blogs bin ich ganz nah dran an der Vernetzung, aber auch am Marketing.

Auf Augenhöhe

Als Schreiberin eines Blogs reagiere ich direkt auf Kommentare. Vielleicht ist eine Blogschreiberin am ehesten mit einer Stadtschreiberin in einer kleinen Stadt vergleichbar, deren Bewohner sie besuchen kommen, während sie schreibt, Besucher, die die Schreiberin nach ihren Texten fragen und von ihr Antworten erhalten. In diesem Sinne ist das Blog eine Möglichkeit, seinen Leser*innen, aber auch anderen Blogger*innen auf Augenhöhe zu begegnen.

 Gemeinsam

Unser alphabettinenblog ist ein gemeinsames Projekt. Zwar schreibe ich in einer eigenen Kategorie, nämlich „Bloggen mit Hut“, aber dennoch erscheinen unsere Texte hintereinander und gemeinsam hier im Blog, wie in einer Blogparade. Manchmal beziehen wir uns aufeinander und kommentieren uns.

 Blograum – Schreibraum

Das Blog scheint mir nicht nur ein Text sondern auch ein Raum zu sein, ein Raum, in dem ich privat schreibend sitze, ein Raum in dem ich veröffentliche, ein Raum, in dem mich andere besuchen kommen, ein Treffpunkt, ein Textraum, ein Klangraum, eine Galerie.

Wir alphabettinen, die bloggen, gehen hinein in den Blograum, treffen uns dort, wissen, wen von uns wir dort als Schreibende antreffen, wir, die wir sonst an verschiedenen Orten wohnen, in Frankfurt/Oder, Heidelberg, Berlin und Halle. Das Blog schafft den Schreibenden einen Raum, keinen Rückzugsraum sondern einen Raum, in dem wir schreiben, den Text bearbeiten, ihn hineinstellen, öffentlich schalten, ihn kommentieren und dazu Kommentare beantworten, einen Ort, an dem wir andere Blogger*innen treffen. Das Blog ist ein Ort und ein Text, Schreibort und Schreiben zugleich. Es liegt an uns, ihn auch als solchen zu gestalten.

6 Gedanken zu “Maja Linthe: Bloggen mit Hut

  1. es ist wahrlich eine komische sache mit diesem blograum.
    ich empfinde das blog auch, wie maja, als einen raum.
    vorwiegend sogar als einen raum.
    vielleicht weil es einen widerhall gibt. echoraum.

    die schallwellen der schrift macht er sichtbar.

    dennoch ist es gleichzeitig ein sehr sphärischer raum, ungreifbar, beängstigend weit fast schon, er reicht in unerreichbare gefilde. vieldimensional.

    und dabei ist der blograum doch (das macht mich nervös) unfassbar technisch, in seiner dritten und wesentlichen dimension – technisch.
    nur eben keine fassbare, sondern (für mich zumindest) eine un-fassbare technik. die ebene hinter der sichtbaren blog-oberfläche, diese unsichtbare – technische – ebene.
    so mathematisch gemacht, so algorhythmisch bedingt, für mich nicht-durchschaubar-funktionierend.
    so unpoetisch, so elektrisch bedingt, ohne strom nix los.

    auf servern herumliegend, diese blogtexte.
    wo liegen die eigentlich genau? irgendwo gibt es sie doch, diese schnittstelle von virtualität und materie.
    irgendwo sind sie verortet, nicht frei schwebend, sondern fest verortet.

    nur eben nicht altmodisch zwischen zwei buchdeckeln oder auf briefbögen, sondern zwischen kabeln und platinen und schalt- und schnittstellen – im besten falle auf einer festplatte, irgendwo da müssen sie doch herumliegen, unsere blogtexte.
    entziehen sich aber dort ganz knallhart unserem zugriff.
    texthoheit abgegeben, letztlich. ich weiß nur nicht, an wen.
    das ist das moment, das mich an der bloggerei immer noch mit einem leisen unbehagen teilnehmen lässt.
    vielleicht ist sie einfach nur sehr old school, diese sehnsucht nach greifbarem, haptischen text.
    frei flottierende buchstabengebilde, loslassen von „textmaterial“, daran muss ich mich noch gewöhnen.
    (darum weiterhin meine notizen aus dem papierkorb, die hatte ich ohnehin schon längst freigegeben, fürs jenseits meines tellerrands, haha)

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    1. Hm, also erst mal liegt dein text ja auf deinem rechner. Und das, was du bei uns rein stellst, also bei wordpress ablegst, ist eine kopie. Und publizieren hat – anders als z.b. performance – eigentlich schon immer mit kopieren zu tun. Nicht erst seit dem buchdruck, sondern vorher schon bei den mittelalterlichen kopisten. Insofern sind wir da in einer guten tradition. Und das man nie weiss, wer einen so goutiert im oeffentlchen raum – also dein buch kann ja auch jede/r lesen. Und ein verlag ist auch nicht die druckerei (deren technik den graveuren damals auch suspekt war – von der ganzen religioesen propaganda a la drucken ist unheilig ganz zu schweigen). Insofern gab es immer schon technik hinter dem text, immer schon unbehagen ueber die abgabe der kontrolle, war immer vertrauen zu verlag und druckerei noetig. Vielleicht wussten wir nur mehr ueber die technik und hatten dank dieser transparenz weniger unbehagen. Also cool bleiben – solange deine katze noch nicht deinem kuehlschrank sagt, welches futter er fuer sie im netz bestellen soll, ist alles im gruenen bereich.

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      1. Ein Blog ist ein neuer Technikraum, dessen Technik sich ja ständig erneuert. Das passiert natürlich auch auf meinem Computer. Aber dort kenne ich mich ein Stück weit besser aus. Und manchmal habe ich vielleicht gar keine Kopie des Textes, sondern schreibe den Text direkt im Blograum.
        In der Sowjet Union haben sie heimlich politisch unliebsame Texte mit der Hand abgeschrieben. Hier bietet die Möglichkeit der Kopie im Netz für jede und jeden natürlich auch Möglichkeiten einer Öffentlichkeit jenseits einer vorgegebenen politischen Wahrheit. Dabei unterlaufe ich eine Kontrolle und gehe noch ganz andere Wagnisse ein als nur das der Veröffentlichung. Katzenfotos soll es ja viele geben im Netz. Wir haben nun eine im Kommentar. Das freut mich sehr.

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    2. Nun unserem Zugriff entziehen sie sich dort auf den Servern nur ein Stück weit. Wir können unsere Blogtexte nachträglich verändern, sie sogar löschen. Aber ja, die Gefahr besteht, dass sie trotz des Löschens noch irgendwo herumgeistern

      Und wenn du fürs Radio Texte verfasst? Ich das nicht auch technisch, mit Schallwellen sowieso und ein Loslassen? Aber ich verstehe, was du meinst, oder glaube, es zu verstehen. Texte im Netz sind leicht zu kopieren und, auch wenn Kommentare in der Regel, eine Bereicherung sind, so bleibt man darüber doch verletzbar. Neue Räume zu betreten macht Angst, zumal, wenn frau sie beim Eintreten nicht überblicken kann. Es ist ein Wagnis, ein Abenteuer, in das wir uns nicht nur schreibend begeben.
      Danke für deinen schönen Text.

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  2. Ich finde das Spontane an einem Blog sehr spannend, aber ich finde nicht, dass es einem Brief ähnelt, weil ja Briefe in der Regel an eine bestimmte Person adressiert sind. Auf jeden Fall bereitet es mir in diesem gemeinsamen Projekt viel
    Freude.

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