Aprilwetter, remediated

Früher Morgen.

Die Leute laufen hintereinander. Einzeln, stumm, in langer unregelmäßiger Reihe. Von zu Hause kommend, auf dem Weg zur U-Bahn. Die Sonne scheint warm, niemand blickt in den Himmel. Jeder schaut nach unten, in die Hand, die das smartphone hält. Jede wird von unten fahl beleuchtet. Gespenstergesichter mitten in einem goldenen Morgen.

Es könnte eine Performance sein, entwickelt von einem Berliner Off-Theater in den 90ern, remediated 2015.

tapsen

Ich, die ich in die andere Richtung will, laufe im Slalom durch die Reihe derer, die entgegen kommen. Weiche aus – rechts, links. Einmal ahnt jemand mein Kommen, sanftes Ausweichen zur selben Seite. Fast stoßen wir aneinander. Ein kurzes ‚Entschuldigung‘, hoch schauen, dann wieder versinken.

Es ist, als träumten alle, solange es geht. Und ich, überwach, sehe den Träumenden zu.

.

Später Abend

Menschenleer die Strassen. Das kurze Sommerglück vorbei. Kälte kriecht unter die Jacke. Regen peitscht von vorn. Ich strecke den Schirm schräg vor mich. Er fängt den Sturm ab. Blind tappe ich in seinem Schatten. Falls wirklich wer entgegen kommt, wird er dem Schirm ausweichen.

Ein dumpfer Stoß. Das Geräusch von Metall, das über gespannten Stoff streift. Der Puls rast. Ich weiche links aus, die anderen Schritte nach rechts. Irgendwie kommen wir auseinander. Wir sehen uns an. Sie sieht meinen schwarzen Schirm. Ich sehe ihr smartphone.

.

Wir lachen los. Sprechen klappt nicht. Stammeln. Wir sehen uns an – sehen, was die andere sieht. Lachen, lachen ohne aufzuhören. Erleichterung. Und ein Spritzer Hysterie. Die Andere ist auch eine Frau. Nachts, auf menschenleerer Strasse.

Wir wünschen uns einen guten Heimweg. Streben in entgegengesetzter Richtung ins Licht.

2 Gedanken zu “Aprilwetter, remediated

  1. Und zwischen Morgen und Abend der helle Tag mit Müttern und Vätern, rechtshändig Kinder schiebend, gut verwahrt in praktischen Wägelchen. Linkshändig Smartphone überwachend. Was sieht das Kind vom vertrauten (?) Gesicht: Metallviereck mit Hand, umrahmt von etwas Stirn, Wange, Ohren vielleicht und Haaren. Wie viele Augenblicke, wie viel Lächeln, wie viele Worte darf es heute mit dem Smartphone teilen?

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  2. Gut getroffen. Ich saß neulich in der S-Bahn und fragte mich, was die ewig gesenkten Köpfe in denselben anrichten werden mit der Zeit. Im November kann ich es ja irgendwie verstehen, aber wenn die Obstbäume blühen?

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