Archiv für den Monat Januar 2018

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Obdach

Ob da ein Dach ist? Über meinem Kopf? Ist es lose das Dach? Könnte es wegfliegen? Und wenn ich nicht in der Lage wäre, zum Bauhaus zu gehen, mir Werkzeug zu besorgen und Material, um mein Dach, mein Obdach dauerhaft zu befestigen? Dann wäre ich schutzlos, dachlos ausgeliefert dem Wetter, den Blicken, den mitleidigen wie den neugierigen, den bösen wie den hasserfüllten, dem Schmutz und dem Hunger. Ich müsste mir provisorischen Schutz suchen, einen Pappkarton vielleicht, der ironischerweise aus dem Bauhaus kommen könnte, oder eine Autobahnbrücke, ausgerechnet ich, die ich fast nie Auto gefahren bin.

Aber darauf käme es nicht mehr an, denn mit dem Obdach gingen auch Teile von mir verloren, so wie unter dem Schmutz meine Kleidung und meine Mimik verschwinden, meine Sprache nicht mehr anderen gilt, sondern nur noch mir selbst. Bin ich das Dach los, so bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, igel mich ein in einem Kokon aus Schutzschmutz. Ich flüstere darin auf mich ein, beschwörend vielleicht über das, was einmal war, erzähle es mir selbst, um es nicht zu verlieren, wie schon das Dach. Weil doch ohne Dach alles davonfliegen könnte, alles, was mich einmal ausmachte, von mir abfallen könnte, so wie meine Hose, die nun zerrissen ist, viel zu groß ist und rutscht. Bald bin ich sie los. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Die Folterkammer in Venedigs Dogenpalast nimmt sich im Vergleich zu den Folterkammern in mittelalterlichen Burgverliesen bescheiden aus. Sie setzt auf die Schmerzen beim Ausrenken und Brechen von Knochen und verzichtet auf überflüssiges Blutvergießen. Diese nahezu elegante Art der Folter passt in diese prächtige Stadt, in deren Straßen auch Folterwerkzeuge von ausgesuchter Schönheit und Eleganz angeboten werden, wie beispielsweise Stilettos, die Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Sonderbare Sondierungen
Tage und Nächte im Schein der Argumente oder Argumente zum Schein.
Reporter und Journalistinnen beißen sich mit ihren Fragen die Zähne aus.
Still schweigen die Verhandelnden. Keine Reg(ier)ung.
Aber die Macht ist ein sehr altes Tier. Immer hungrig.
GroKo und Kroko schnappen zu.

 

Postkarte vom HELENESEE

Wo auch immer wir uns befinden an den letzten Tagen eines Jahres, wir schauen zurück und wir schauen nach vorn. Haben wir den Drachen besiegt? Hat der Kampf uns eine Hand, einen Fuß gekostet? Standen wir am Steuer des Schiffes oder schrubbten wir das Deck oder waren wir Gäste in der Kapitänskajüte?

Die meisten von uns sind einfach nur tagtäglich ihrer Arbeit nachgegangen. Ein paar Gründe zum Feiern gab es auch. Und mit etwas Glück lag das Schiff am Morgen danach nicht in Trümmern am Strand.

Was wird es bringen, das neue Jahr? Wer greift nach dem Steuer?