Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Die Folterkammer in Venedigs Dogenpalast nimmt sich im Vergleich zu den Folterkammern in mittelalterlichen Burgverliesen bescheiden aus. Sie setzt auf die Schmerzen beim Ausrenken und Brechen von Knochen und verzichtet auf überflüssiges Blutvergießen. Diese nahezu elegante Art der Folter passt in diese prächtige Stadt, in deren Straßen auch Folterwerkzeuge von ausgesuchter Schönheit und Eleganz angeboten werden, wie beispielsweise Stilettos, die in vielen Teilen der Welt als Folterwerkzeuge in Gebrauch sind.

Stilettos dienen vor allem der Folter von Frauen. Man schnallt sie ihnen an die Füße und lässt die Frauen frei herumlaufen[1], bis die Füße schmerzen und Missbildungen entstehen. Man benötigt hierzu also keine spezielle Folterkammer. Überhaupt ist die Folter in unseren modernen Staaten eine unkomplizierte Sache und bedeutet für die Herrschenden keinen großen Aufwand mehr, weil die zu Folternden die Folter inzwischen selbst übernehmen (Stichwort Selbstoptimierung). Freilich bedarf es hierzu der Motivation mithilfe eines Ideals, in unserem Fall des Ideals der weiblichen Schönheit.

Der tiefere Sinn der Stiletto-Folter wird immer wieder angezweifelt, insbesondere von zu Bequemlichkeit neigenden Frauen und kleinen Männern. Und tatsächlich kann man sich fragen, welche Geständnisse denn von Frauen auf Stilettos zu erwarten sind? In unserer Zeit, in der das Internet von Geständnissen und geteilten Intimitäten überquillt und in der der Glaube an Hexen nahezu verschwunden ist, haben sich Bedeutung und Absicht der Folter gewandelt. Orthodoxe Zeitgenossen vertreten zwar die These, die Stiletto tragenden Frauen würden nach wie vor für Evas Sündenfall bestraft, tatsächlich aber ist die Stiletto-Folter heute unverzichtbar für unsere Wirtschaft, insbesondere für Schuhfabrikanten und Orthopäden.

Also habe ich mir in Venedig Stilettos gekauft und wenn ich sie trage, dann nicht nur, um unser Wirtschaftssystem zu stützen und mich schöner und größer zu fühlen, sondern auch in der Hoffnung, gewisse Personen mögen die Frechheit besitzen, mir zu nahe zu kommen, und zwar genau so nah, dass ich ihnen mit eleganter Entschlossenheit auf die Füße treten kann. Die Anwendungsmöglichkeiten der Stiletto-Folter sind nämlich vielfältiger als man denkt und der Einsatz von Stilettos kann Frauen auch viel Freude bereiten.

[1]Die Käfighaltung ist in den modernen Staaten dieser Welt nicht mehr üblich.

4 Gedanken zu “Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

  1. Antwort auf Rochusthal vom 26.01.:
    Aggressiv als Gegenteil von vernünftig – interessante Überlegung, wäre ich nicht drauf gekommen. Aggression betrachte ich eher als ein Mittel der Gegenwehr gegen Vernunft, die die Basis bildet für Manipulationsversuche.
    Ich halte es für eine gute Idee, öfter mal unvernünftig zu sein oder dem Fragmentarischen zu huldigen und damit den Wert jedes Bruchstücks und auch jeder Bruchstelle anzuerkennen!
    Feminismus ist bunt und widersprüchlich. Das kann man nun schwer finden oder sich darüber freuen. Ich finde es außerordentlich erfreulich.

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  2. Nein, das gefällt mir nicht. Erstens kommt das Wort Verlies nicht von verlassen, sondern von verlieren, also ist der Plural in diesem Text nicht nur falsch geschrieben, sondern auch falsch gesprochen. Das ist natürlich nur eine Kleinigkeit. Zweitens finde ich es makaber, wenn Frauen, noch dazu Dichterinnen, aus den 5000 Jahren Patriarchat nichts gelernt haben, als nun selber aggressiv zu sein. Oder sollte das witzig sein?

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    1. Auweia, und da verließen sie sie. Sie haben natürlich recht, Verliese ist eindeutig falsch geschrieben im Text. Schande über mich! 🙂 Werde es gleich noch ändern.

      Was die Aggressivität angeht – tatsächlich erlaube ich mir, aggressiv zu sein. Immer nur nett, vernünftig und pc zu sein, bringt uns Frauen meist nicht weiter. Und außerdem habe ich keine Lust, immer nur auf unschuldiges Opfer zu machen.
      Übrigens gibt es in der Geschichte genug aggressive Frauen – das mussten wir uns nicht von den Männern abschauen. Mann hat es uns nur ausgetrieben und es ist schade, dass wir nicht gelegentlich was von einer Windsbraut haben.

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      1. aber das gegenteil von vernünftig ist doch nicht aggressiv, sondern zum beispiel emotional oder unvernünftig oder irrational oder surrational oder surreal oder surrealistisch oder unrealistisch oder fragil oder fragmentarisch…feminismus scheint schwer zu sein.

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