Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Obdach

Ob da ein Dach ist? Über meinem Kopf? Ist es lose das Dach? Könnte es wegfliegen? Und wenn ich nicht in der Lage wäre, zum Bauhaus zu gehen, mir Werkzeug zu besorgen und Material, um mein Dach, mein Obdach dauerhaft zu befestigen? Dann wäre ich schutzlos, dachlos ausgeliefert dem Wetter, den Blicken, den mitleidigen wie den neugierigen, den bösen wie den hasserfüllten, dem Schmutz und dem Hunger. Ich müsste mir provisorischen Schutz suchen, einen Pappkarton vielleicht, der ironischerweise aus dem Bauhaus kommen könnte, oder eine Autobahnbrücke, ausgerechnet ich, die ich fast nie Auto gefahren bin.

Aber darauf käme es nicht mehr an, denn mit dem Obdach gingen auch Teile von mir verloren, so wie unter dem Schmutz meine Kleidung und meine Mimik verschwinden, meine Sprache nicht mehr anderen gilt, sondern nur noch mir selbst. Bin ich das Dach los, so bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, igel mich ein in einem Kokon aus Schutzschmutz. Ich flüstere darin auf mich ein, beschwörend vielleicht über das, was einmal war, erzähle es mir selbst, um es nicht zu verlieren, wie schon das Dach. Weil doch ohne Dach alles davonfliegen könnte, alles, was mich einmal ausmachte, von mir abfallen könnte, so wie meine Hose, die nun zerrissen ist, viel zu groß ist und rutscht. Bald bin ich sie los.

Decken

Sie sehen ihn und machen einen Bogen um ihn

Er liegt an seinem Platz neben dem Wartehäuschen, so wie jeden Morgen. Er sucht sich keinen besseren, keinen bequemeren Platz. Er will diesen Platz haben, will allen im Weg liegen, auf kalten Steinen, den Rücken an das Wartehäuschen gelehnt, nur notdürftig bedeckt von etwas, das wie ein Zwischending aus Mantel und Schlafsack aussieht. Manchmal, tagsüber, wenn die Sonne scheint, setzt er sich auch auf die große Treppe, die hinunter zum Bahnsteig führt. Er sitzt in der Mitte und um ihn herum ein Getränk, eine Tüte mit Essen und Zigaretten. Die Menschen sehen ihn und machen einen Bogen um ihn, um auf den Bahnsteig zu kommen. Er sieht älter aus als er ist, weil er wohl schon länger gelebt hat, als er alt ist, ein weiser alter Mann in einem jungen zerschlissenen Körper. Einmal habe ich ihn gegrüßt, aber er antwortete nicht, und seitdem habe ich das Gefühl, dass er mich fixiert, jedes Mal wenn ich aus der S-Bahn steige. Das ist bestimmt Einbildung. Seitdem lächle ich nur manchmal noch mit den Augen. Er schaut so finster zurück, als wolle er mich damit auf Abstand halten.

Heute schläft er noch oder tut so, als schliefe er. Jeder, der an ihm vorübergeht, mustert ihn ganz offen, weil er ihn schlafend wähnt, und stellt sich dann in gehöriger Entfernung zum Warten auf. Monatelang trug er dieselbe Kleidung, die speckig aussah, wirklich speckig, wie Speck. Er riecht modrig und jemand muss ihm die Haare geschnitten haben. Ich kann sein Gesicht sehen. Er spricht im Schlaf oder schläft gar nicht und spricht wie immer mit sich.

Wenn er kein Geld will, was macht er dann hier?

Gestern hat ein Mann ihm eine Zigarette geschenkt, die er ohne Regung entgegennahm. Plötzlich entdeckte der Mann eine Münze vor sich auf dem Boden, direkt zu den Füßen des Obdachlosen. Er lachte auf, griff danach und streckte sie ihm freudestrahlend entgegen. Der schüttelte den Kopf und klopfte sich auf die Hosentasche. Er hätte ja, bedeutete er ihm. Der Mann verstand nicht und streckte ihm weiterhin die Münze entgegen, wurde aber wieder mit dem klopfenden Hinweis auf die Tasche der Hose abgewiesen. Irgendwann gab der Mann auf, betrachtete die Münze in seiner Hand, seine Zigarette in der Hand des Obdachlosen. Sein Blick glitt über dessen speckige, zerschlissene Kleidung, dann wandte sich ab und lief, den Blick immer noch auf die Münze in seiner Hand gerichtet, kopfschüttelnd den Bahnsteig hinunter.

Aber wenn er kein Geld will von uns, was macht er dann hier? Ob er am Bahnsteig schläft, weil er Hilfe sucht? Wie könnten wir ihm helfen? Was können wir tun mit solchen Menschen, die jede Behandlung verweigern, jede Therapie, jeden Kontakt, der über die Handreichung einer Zigarette hinausgeht. Jemand könnte ihn wiederfinden, jemand mit einem Dach, eine Hilfsorganisation könnte ihm ein Zimmer besorgen, eine Wohnung vielleicht. Wenn er aber nicht auf dem Bahnsteig ist, was nur selten vorkommt, fürchte ich um ihn. Ich sorge mich, dass an ihm herumgezerrt wird, dass man ihn fixiert hat, ihm Medikamente gibt, gegen seinen Willen. Aus jedem Obdachlosenheim würde er fortlaufen, zurückkehren hier auf den Betonboden des S-Bahnhofs, wo er ein Obdach gefunden zu haben glaubt, den gläsernen offenen Kasten des Wartehäuschens. Worauf er wohl wartet? Möchte ich ihm dieses Recht streitig machen? Was also wollen wir tun wir mit den queren Menschen, die sich nicht passend machen für die Bahn, sondern sich quer stellen auf Bahnsteig und Treppe?

Wohnst du noch oder lebst du schon?

Er hat eine neue Hose bekommen, eine, die wärmer ist und weniger zerschlissen, obdachlosengerechter. Er wirft den Schlafsack beiseite, steht auf und läuft den Bahnsteig in der neuen Hose wie ein Model entlang. Jeden Tag liegen mehr Habseligkeiten an seinem Platz. Eine blaue Ikeatasche ist hinzugekommen. Bestimmt war das nicht ironisch gemeint. Jetzt macht ein Obdachloser Werbung für Ikea: Wohnst du noch oder lebst du schon?

Er streckt die Beine ganz von sich beim Laufen, so als marschiere er über den Bahnhof. Sehr groß ist er und dünn, und immer die Kapuze über dem Kopf, sein einziger, wirklicher Zufluchtsort. Manchmal läuft er über die Gleise, hält kurz inne und lauscht, wie um die Form zu wahren, und marschiert dann hinüber auf die andere Seite. Niemand hält ihn auf, niemand fürchtet um ihn. Auch ich rufe nicht oder schreie. Wir alle scheinen zu wissen, dass er nach seinen eigenen Gesetzen lebt.

Althochdeutsch „obadah“

Meine S-Bahn kommt und ich steige ein, fahre durch den Tunnel davon. Warum steigt er niemals ein? Es wäre doch so einfach für ihn, nur einen Schritt entfernt. Er steigt in keinen der vielen Züge, die seinen Bahnsteig täglich passieren, obwohl es doch warm ist darin, mit gepolsterten Sitzen. Vielleicht gefällt ihm die Möglichkeit, das Kommen und Gehen an einem Ort, an dem er allein beweglich bleibt und zuverlässig unbewegt. Andere Obdachlose wissen die S-Bahn zu schätzen. Man trifft viele beim S-Bahn-Fahren, erkennt sie oft am Geruch. Sehen Autofahrer Obdachlose? Meist schlafen die unter der Brücke und es geht bei der Autofahrt viel zu schnell, um die Langsamen zu sehen in unserer Gesellschaft.

Ich schaue nach, woher das Wort Obdach kommt: althochdeutsch „obadah“ für „Überdach, schützendes Dach“. Von der S-Bahn aus sehe ich Dächer, rote, schwarze und bunte. Es gibt neue glänzende, keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat – polierte, glänzende Dächer. Was für eine Rolle spielt das Dach über unserem Kopf, die Beschaffenheit des Daches? Ein Freund erzählte mir neulich, es gäbe in Heidelberg bestimmte Wohnadressen, unter denen man keinen Ausbildungsplatz erhielte. Die unter polierten Dächern leben, unter den glänzenden, haben es da bestimmt besser. Ich blicke auf Giebeldächer mit Ziegeln, Flachdächer mit Wellblech oder Dachpappe, alte und neue Dächer, kaputte Dächer mit Dachdeckern darauf, während ich S-Bahn fahre und über Obdachlosigkeit nachdenke, ruhelos unterwegs, dem Thema gemäß.

Er gibt alte prunkvolle Giebeldächer mit Gauben darin, ganze Siedlungen von Einfamilienhausdächern. Nur Parkhäuser haben manchmal kein Dach und das kleine Häuschen am Waldrand. Vielleicht hat der Wald es davongetragen. Die hässlichen Discounter, die dicht an der Bahntrasse stehen, sehen aus wie Kartons, sehen aus als hätten sie kein Dach und doch muss da ein Deckel sein auf dem Karton. Wir sind Dächer gewohnt, spüren kaum, ob da eines ist über dem Kopf. Es regnet nicht herein und ich kann auch den Himmel nicht sehen, es sei denn ich bau mir ein Fenster ins Dach. Alles wollen wir haben, den Blick in den Himmel ohne den Regen im Gesicht. Es gibt Solarkollektoren auf Dächern zum Speichern der Sonne, Schornsteine, Dachrinnen, Antennen und Strommasten. Hier wird Sonne und Wasser, Strom, Rauch und Funk weitergeleitet, hinaus und hinein. Gut versorgt sind wir unter dem Dach.

„Jesus kommt“, steht auf einem roten Dach mit schwarzen Dachziegeln geschrieben. Wenn er kommt, denke ich mir, dann wahrscheinlich wirklich von oben. Das Dach scheint Jesus am nächsten zu sein, nah dran am Himmel und gleichzeitig nah an der Trasse der Bahn, um uns zu informieren davon, dass Jesus bald kommt, von oben wahrscheinlich. Wenn wir also Dächer für Botschaften nutzen, warum sollte nicht auch Dachlosigkeit eine Botschaft enthalten?

Den Behausten im Weg herumliegen

Je weiter ich mich fortbewege von Heidelberg, umso billiger wird das Dach über dem Kopf. Es sei denn, man verweigert sich ganz, verweigert das Dach und liegt den Behausten demonstrativ im Weg herum. Seht her, ich passe nicht hinein, füge mich nicht in eure Leben mit Adressen, Klingelschildern und Meldungen bei Ämtern. Ich bin auf der Flucht vielleicht, Flüchtling aus einem Leben, das kaputt gegangen ist. Die Adresse war nicht das erste, das ich verlor. Ist man das Dach erst mal los, nimmt vielleicht auch das eigene Dach Schaden, so als würde das Hirn durch Wind und Wetter geschädigt, als habe es mir ins Hirn geregnet, einen Kurzschluss gegeben.

Er wirkt nicht ausgestoßen auf mich. Es scheint vielmehr, als habe er sich selbstbestimmt abgesondert, als wäre sein Dasein als Obdachloser eine Gesellschaftskritik, eine, die ihn viel kostet. Ich meine uns plötzlich von oben zu sehen, aus einem Flugzeug, das alle 10 Sekunden Aufnahmen macht von der Stadt. Autos im Reißverschlussverfahren, haltend vor Ampeln, die von Fußgängern gequert werden, Menschen, die auf Straßenbahnen warten, aussteigen und ein, geduldig hintereinander. Ich sehe uns von oben im Zeitraffer, ein jeder fügt sich in den Strom aus Menschen und Verkehr. Nur er liegt quer auf der Treppe herum. Der Strom stockt und teilt sich, fließt um das Hindernis.

Es scheint ihm egal zu sein, ob er uns etwas sagt

Am Abend nach der Arbeit nehme ich die Bahn in die andere Richtung. Sie hat zehn Minuten Verspätung und neben mir schimpfen zwei über die Unzuverlässigkeit der Bahn… Ich kann verstehen, dass man sich aufgibt, einfach alles loslässt, fortläuft aus der Wohnung, die man nicht mehr bezahlen kann, aus der Beziehung, die man nicht mehr führen will. Und ich frage mich, wie es sich lebt mit Kälte, Schimmel und Ratten, ohne Familie, Wärme und Liebe, ohne Kino, ohne Bücher, ohne ein Bett? Demütigend muss es sein dieses Leben, auch monoton, immergleiche Alltage, unterlegt mit dem O-Ton des eigenen Gemurmels.

Als ich am Bahnhof ankomme, steige ich auf seiner Bahnsteigseite aus, halte Ausschau nach ihm. Jemand hat ihm eine dicke Decke geschenkt. Er liegt als Haufen am Boden, macht Platte, wie man so sagt, unter der Decke zusammengerollt, nichts schaut heraus. Viele kennen ihn jetzt, seitdem er uns im Weg herumliegt und -steht. Während ich den Bahnsteig hinab laufe, an ihm vorbei, fährt der Zug ab und mein Blick fällt auf die andere Seite. Die meisten starren zu uns herüber. Manche schauen verächtlich auf den Penner, andere mögen ihn zum Aussteiger verklären, romantisieren ihn zum Clochard.

Plötzlich steht er neben mir, ganz in schwarz gekleidet mit der Kapuze über dem Kopf, festen Stiefeln an den Füßen und einer weiteren Decke über seinen Schultern. Er blickt finster zu mir herunter, macht mir ein wenig Angst. Es scheint ihm egal zu sein, ob er uns etwas sagt oder nicht. Er verlagert beständig sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, dreht sich manchmal langsam um sich selbst, so als stünde er auf einer Spieluhr, die sich allein durch unsere Blicke bewegt. Er sucht unsere Blicke, im gläsernen Wartehäuschen, mitten auf der Treppe, den Bahnsteig auf und abwandernd. Unsere Blicke sind es, die ihn bewegen, sind vielleicht das einzige, das ihn noch berührt.

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