Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Heute kein Foto.
Kein Foto, das die Katastrophe, die sich auf meinem Balkon ereignet hat, dokumentieren würde. Erstens denkt man in so einem Moment nicht daran, Fotos zu machen, man ist damit beschäftigt, sich um die Opfer zu kümmern. Zweitens könnte selbst die stärkste Verschwommenheit eines Fotos die Abscheulichkeit dieses Ereignisses nicht abmildern. Sensiblen Gemütern, insbesondere solchen mit einer starken Vorstellungskraft, empfehle ich an dieser Stelle, nicht weiterzulesen.

Die vermeintliche Sicherheit, die ein Balkon im zweiten Stock bietet, ist trügerisch, und das nicht nur wegen der heftigen Windböen, die immer wieder mal ganze Blumenstöcke samt ihrer hilflosen Bewohner*innen in den Abgrund reißen. Schlimmer noch sind die Katastrophen, die mit grausamer Unvorhersehbarkeit über uns hereinbrechen, z. B. in Form von hinterlistigen Meteoriten oder Laugenstangen, die über Nacht meteoritengleich in Blumenkästen einschlagen! Letzteres ist geschehen auf meinem Balkon, wie ich eines Morgens mit Entsetzen feststellen musste.

Nach einem kurzen Schockmoment tat ich, was getan werden musste, griff mir das angefressene, keimig wirkende Laugenstück und warf es vom Balkon. Ich möchte mich hier ausdrücklich noch einmal bei dem unbekannten Passanten entschuldigen. Aber außergewöhnliche Situationen verlangen nach resolutem Handeln und da kann es schon mal zu Kollateralschäden kommen.

Nachdem ich den niederträchtigen Übeltäter eliminiert hatte, widmete ich mich den Opfern: zerquetschte, in die Erde geschlagene Pflänzchen, darunter viele Heranwachsende, Geknickte zwischen zerfetzten Blättern. Ein Bild des Grauens, das mich jetzt noch im Traum heimsucht. Ich leistete erste Hilfe und versuchte, die Niedergeschlagenen wieder aufzurichten. Aber dieses Trauma wird noch lange in den Opfern nachwirken und nicht alle konnten gerettet werden.

Wie aber konnte das geschehen? Wie konnte sich dieses zerstörerische Laugenstück Zutritt zu meinem Balkon verschaffen? Auch wenn Weißmehlprodukte inzwischen durchaus nicht mehr als ungefährlich gelten, so war doch mit einem Luftangriff nicht zu rechnen. Im Übrigen musste das sehr schräg zugegangen sein, da mein Balkon überdacht ist. Oder hatte sich jemand dieses Gebäcks als Waffe bedient und es in diese Gruppe Unschuldiger geschleudert? Ist also der vermeintliche Täter selbst ein Opfer? In der Tat wies die Laugenstange deutliche Bissspuren auf und war nur mehr ein Bruchteil ihrer selbst.

Ach, die Welt ist schlecht und das Leben verwirrend. Ein Täter ist womöglich Opfer, eine Retterin wird zur Täterin und ein unschuldiger Passant läuft mit einer Beule durch die Stadt.

2 Gedanken zu “Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

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