seitensprünge

Seitensprünge

Heute springe ich mit Freude beiseite, meinen Blogplatz überlasse ich einer anderen Autorin aus unserer alphabetinen – Gruppe. Sie führt uns ins Reich des Merlin:

Gisela Dietz ( http://www.alphabettinen.de/gisela.html)  

Im Reich des Merlins

Haut auf Stein. Wärme trifft auf Kühle, Glätte auf Struktur. Ich lege meine Hände auf den Stein und warte. Ringsum ist es still. Kein Vogel zwitschert. Die Wiesen träumen in der Nachmittagssonne. Das Laub der Bäume schweigt. Mein Blick schweift. Nach einer Weile hakt er sich an dem Stein vor mir fest. Ein Megalith, mehr als tausend Jahre alt. Kein Mensch weiß, wie er hierher gekommen ist. Ein magischer Ort auf einer Lebenslinie der Erde. Ich bin  hier, um zu träumen. Dicht vor meinen Augen sehe ich viele Schattierungen von grau. Sehr hell mit kleinen Einsprenkelungen, zartes, homogenes Samtgrau und dunklere Flächen, Die Zacken und Kanten verschmelzen mit den weicheren Übergängen zu einer Einheit. Mein Blick wandert nach innen. Ich schließe die Augen.

Der Tag bisher war schön. Wir sind rund hundert Kilometer quer durch die Bretagne gefahren, von der Küste landeinwärts. Dörfer, kleine Ortschaften, spitztürmige Kirchen, die Häuser in der landestypischen Bauart aus Granit. Grauer Stein. Kontrast zum satten Grün der Felder und Wiesen, zu den leuchtenden Blumentupfen dazwischen und zu den Wäldern, die nach Süden immer dichter werden. War früher die gesamte Bretagne bewaldet? Die Straßen werden schmaler. Die Bäume rücken dichter zusammen. Wir nähern uns dem Zauberwald,

dem Reich Merlins, der sagenumwobenen, geschichtsträchtigen Landschaft, die seit Jahren mit der englischen Gegend um Avalon um Authentizität konkurriert.

Die erste Station, das „Tal ohne Wiederkehr“, ein lauschiges Bachtal, ein schmaler Pfad, zwei Seen, die moorig und verwunschen dazwischen liegen. Wir wandern eine Stunde, genießen die Ruhe, stellen uns die Stimmung bei Nebel und in der Dämmerung vor. Jetzt, um die Mittagszeit, schlummern die Nixen im See. Ihre magischen Kräfte, die uns an der Rückkehr hindern könnten, sind auf wenig wirkungsvolle Rudimente zusammengeschrumpft: Ein Fuß rutscht beim Überqueren des Bachs ins Wasser, ein paar Bremsen umschwirren uns, am goldenen Baum spielen zwei kleine, sehr irdische Feenkinder.

Auch an der zweiten Station unserer Reise, dem „Jungbrunnen“ und am „Grab des Merlin“ müssen wir sehr genau hinschauen, um ein paar mystische Details zu entdecken. Fahrräder im Wald. Am Grab steht eine Gruppe Kinder in grünen Signalwesten, auf den Köpfen Fahrradhelme. Waren sie vor uns am „Jungbrunnen“? Werden wir in einer halben Stunde ähnlich aussehen? Eine witzige Vorstellung, die sich schnell verflüchtigt, als wir den Brunnen erreichen. Ein kleiner, ummauerter Tümpel mit brakigen Wasser erwartet uns. Die Lust, daraus zu trinken, verschwindet schlagartig und eigentlich, so versuchen wir die Situation zu erklären, haben wir eine Verjüngungskur überhaupt nicht nötig. Im Tümpel sitzen zwei kleine Frösche. Wer würde dabei nicht an verwunschene Prinzen denken? Sie machen den „Jungbrunnen“ interessanter, aber nicht appetitlicher. Ein wenig Mystik entsteht erst, als wir aus mitgebrachten Büchern lesen. Lyrik und Prosa zum Thema Merlin. Wir, die wir nicht lesen, lauschen gebannt, die kleinen Frösche auch. Wahrscheinlich hatten sie bisher selten so stilvollen Unterricht. Sie antworten nicht, quaken nicht, sitzen still.

Wenig später versenken wir an Merlins Grab Wunschzettel in einem schmalen Spalt, halten einen Moment inne und hoffen auf Erfüllung. Ob Merlin wohl englisch versteht, fragt mich meine Nachbarin leise. Ich habe meinen Wunsch auf Deutsch geschrieben und mir darüber keine Gedanken gemacht.

Als ich die Augen wieder öffne, lehne ich noch immer am Megalith, die Hände an die raue Oberfläche gepresst. Inzwischen tun mir nicht nur die Füße weh. Der Marsch hierher hat fast zwei Stunden gedauert. Sondern auch Arme, Rücken und Oberschenkel. Mein ganzer Körper fühlt sich schwer und erdlastig an. Ich bleibe standhaft stehen und warte weiter auf die Wirkung der kosmischen Energien. Und plötzlich, als ich die Hoffnung schon aufgegeben habe, schwindet die Schwere. Es dauert nur wenige Minuten und ich beginne, mich leicht und frisch zu fühlen wie ein neu geborener Erdling. Vorsichtig löse ich die Handflächen und schaue ich mich um. Die Sonne scheint. Das Heu auf der Wiese duftet und in der Eiche vor mir zwitschert ein Vogel. Ich höre ihm zu und denke an Merlin. Vielleicht ist doch was dran an den sagenumwobenen Kräften des Zauberers. Während ich noch darüber nachdenke, schleichen sich zwei ketzerische Fragen in meinen Kopf: Wie groß muss eigentlich ein Megalith sein, damit er magisch wirken kann? Und wie bekomme ich das corpus delicti in meinen Garten?

 

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