Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Gibt es sie noch?

… die unhöfliche Verkäuferin aus der Mangelwarenzeit.

… mit ihren Worten: Ham wa nich!

Dabei wusste jeder, ham se doch!

Nur unter dem Ladentisch.

Nur nicht für mich.

Die nichts zum Tauschen vorweisen konnte.

Kein Buch gegen Blumen. Kein Fleisch gegen Duschbad. Kein Obst gegen Briefpapier.

19.2.1981 – „Gleich zum Anfang erstmal eine Entschuldigung wegen des karierten Papiers, es gibt nirgendswo in der Stadt Briefpapier …“

Blog Brief

Heute ham wa. Heute ham wa alles.

Ham wa von allem zu viel, viel zu viel!

Und wo sind die unhöflichen Verkäuferinnen geblieben?

Mir ist eine begegnet. Doch kann sie nicht übrig geblieben sein aus der Mangelwarenzeit. Ist zu jung.

Ich hätte gern einen Blumenstrauß, sage ich.

Die Verkäuferin zeigt auf die fertigen Sträuße.

Für einen Mann, sage ich. Diese sind mir zu rot.

Rot ist eine Herbstfarbe, sagt sie. Dazu schreien mich Gesicht und Körper an: Einen anderen binde ich nicht! Erst werden die gekauft!

Ich überlege, zu gehen, ihrer Ablehnung zu entgehen. Doch der nächste Blumenladen ist sieben Kilometer entfernt. Denke dann aber, ich bin hier die Königin. Lächle und sage, bitte binden Sie mir einen ohne hellrote Gerbera.

Ziehe automatisch den Kopf ein. Erwarte Rosendornen oder einen Vasenwasserschwall.

Beides bleibt aus. Nur Gesicht und Körper der Floristin versteinern. Dann setzt sie sich in Bewegung und sucht Blumen zusammen. Darunter drei hellrosa Rosen.

Mein Brautstrauß bestand aus hellrosa Rosen. Gekauft mit einer Heiratsabsichtsbescheinigung vom Standesamt. Mit der es auch Grillfleisch für den Polterabend gab. Beides von unter dem Ladentisch. Eine positive Erinnerung, ich werde jetzt nicht herummäkeln und fragen, ob die für einen Mann passend sind.

Die Floristin bindet einen Strauß in Rostrot. Dazu die hellrosa Rosen, deren Blüten noch geschlossen sind.

Ich sage, der sieht mir zu traurig aus.

Unverblümt treffen mich ihre Blicke.

Ich hätte gern in der Mitte eine helle Chrysantheme, sage ich.

Der halbfertige Strauß wird auseinandergerissen.

Ich hätte nur die Mitte ausgetauscht.

Ist das jetzt so okay, sagt sie.

Ich bin höflich. Ich bin meist höflich. Danke, sage ich.

Im Raum hinter ihr höre ich die Chefin rumoren.

Bezahle und überlege, wie ich ihr einen guten Tag wünschen kann. Und ob überhaupt. Und ob sie Ärger hat. Mit Mann, Kindern, Chefin oder allen zusammen.

In die Überlegung hinein gehe ich. Sage auf Wiedersehen. Denke, so schnell hoffentlich nicht. Doch werde ich ein Adventsgesteck brauchen.

Steige ins Auto, fahre los und finde unterwegs die passenden Worte für den nächsten Besuch.

Werde der Chefin sagen, wie schön, dass Sie mich dieses Mal bedienen.

Und hoffen, dass es so sein wird!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Marion Boginski: Klein(ich)keiten

  1. Wow! Die heiratsabsichts-rosenerlaubnis kannte ich noch gar nicht. Sehr schön auch der originalbrief: dieser erste satz und dazu der stempel – ich vermisse diese art subtilen humors mehr als die ‚ham wa nich’s. (Beides gibt es übrigens in simbabwe. Offensichtlich bringt die kombination von mangel und stagnation diese reaktionen hervor.)
    Habe überlegt, ob deiner blumendame gekündigt wurde und ihr deshalb allet ejal ist..

    Gefällt 1 Person

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