Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

schwanensee

 

NOCTURNE (als mitternächtliche schwanzette getarnt)

 

gehe nachts die straße entlang, als es mir zu schwanen beginnt

so geht das nicht weiter, vögel, immer nur

SCHÖN AUSSEHEN SCHÖNER WOHNEN wollen

(shine shine shine my pretty oberflächendesign)

oder LUDWIG-DONALD heißen und

mauern-bauen-wie-es-mir-gefällt-mache-mir-die-welt- u.s.w.

reit’-auf-ihr-herum-didum als top of the pops:

NEUSCHWANSTEIN!

von meiner eigenen trübsinnigkeit angeödet muss ich gähnen

und dann noch all die vielen wir die vielen NO NAMES dazwischen

//blätter / unbeschriebene / revolutionäre massen / herbstschlapp /

ohne revolte in den adern / wo wehre zu verstopfen wären /

/ kein unbegrenzter fluss des kapitals mehr: ÄTSCH//

treiben lassen sie sich wir uns so dahin so romantisch so seinsvergessen

ins unbestimmte welches sie wir zu faul sind zu bestimmen

das macht dann eben LUDWIG – und sie wir machen leise shine shine shine

 

eine gähnende oma stellt sich neben mich, steckt mich an

gemeinsam gähnend beobachten wir die schwäne

trost stellt sich unerwartet ein

(NO FUTURE hatte ich als slogan meiner jugend sowieso ad acta gelegt

und sauber eingemottet)

ich starre auf die schwäne auf meinem handydisplay und finde sie trotzig: schön

da ploppt eine nachricht auf von meiner dichterfreundin aus liverpool

mal wieder mit gut gemeinten ratschlägen, oh my dear:

 

no no no

no go no go

better swim better swim

best in future be born

as a fish knowing everything

or as a pretty swan

by the way:
There is no future in England’s dreaming!  (Sex Pistols, God save the Queen, 1977)

3 Gedanken zu “Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

  1. Bei dir scheint ja nachts jede Menge los zu sein. Bin neidisch. Bei uns schläft nachts die Stadt und mit ihr schlafen die Omas, die Schwäne und die Musik. Bei den Fischen bin ich mir nicht ganz sicher. Unser Schloss ist auch ohne pretty shine Oberflächendesign (wie geschrieben, so gesungen, toll!), sondern eher so romantisch abgebröselt. Und der Johann Wolfgang war bei uns und hat auf einer Bank gesessen. Auch nicht schlecht, oder?

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    1. ich mutmaßte ja, der werte blick der geneigten leserin erkenne womöglich das nächtliche schwanentreiben als kreuzbergtypisch – die lichter der ankerklause spiegeln sich im wasser, auf der brücke standen neben mir noch neun andere handy-fotografen – seit jahren gefällt mir diese nächtliche szenerie, neulich reihte ich mich zum ersten mal selbst ein und schoss ein bild.

      während es im teutoburger wald nachts sicherlich noch ruhiger zugeht als im romantisch bröselnden heidelberg. fische sowieso weit und breit keine außer im karpfenteich von bauer strothenke, von schwänen gar nicht zu reden, und omas trauen sich nicht mehr auf waldspaziergänge zu gehen, da jüngst hier ein wolf gesichtet wurde. für ein ostwestfälisches nocturne deutlich zu wenig los. (es sei denn, der wolf reißt ein schaf, dann sind die zeitungen voll.)
      drum doch besser die schwäne vom landwehrkanal.

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      1. Das wäre jenau meine frage gewesen – denn diese schwaene kennick doch.. Neulich nachts auf eben jener bruecke entdeckten wir, dass die einen schliefen, waehrend die anderen wache schwammen. Waechterschwaene sozusagen.
        (Und übrigens wollte ich gar nicht annonüm sein, best, Ricarda)

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