Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Anhalten

Messer und Gabel auf blauem Grund. Eigentlich möchte ich die Fahrt nicht unterbrechen, doch ich setze den Blinker und ärgere mich, denn mein Körper lässt mir keine Wahl. Ist es ein Nachteil des Reisens mit dem Auto, dass ich mich von den Überflüssigkeiten nicht während der Fahrt befreien kann wie im Zug, wie im Flugzeug? Oder ist es ein Glück? Ein morgenkühler Wind weht mich wach, die Muskeln lockern sich, und mein Blick sieht dankbar nicht mehr nur Leitplanken und Rücklichter, sondern das Treiben auf dem Parkplatz. Zwei Motoradfahrer kommen unter ihren Helmen zum Vorschein, ein junges Paar knutscht am Fahrbahnrand, eine Mutter wickelt am Spielplatz erst das Baby, dann belegte Brote aus, und die anderen Reisenden schlendern auf das Restaurant zu.

Niemand erwartet etwas von diesem Ort, man kommt woher und will wohin, der Halt ein Intermezzo, das sich nicht vermeiden lässt. Direkt neben mir öffnet ein Reisebus die Türen. Aus seinem Inneren ergießt sich ein Strom munterer Damen im Sonntagsstaat. Sie scheinen die Einzigen zu sein, die es eilig haben, fluten das Restaurant im Laufschritt, und kaum haben sie den Eingang passiert, rauscht der Hauptstrom mit Getöse auf die Toiletten zu, während ein Bächlein zur Seite plätschert, um am Buffet zu versickern. Sofort weiß ich, was mich erwartet: ein Automat, der Scheine wechselt, eine Sperre, die jede von uns erst passieren lässt, wenn sie ihren Obolus entrichtet hat, und eine lange Schlange vor dem Frauenklo. Ich schließe mich an, zähle und rechne. 24 Wartende geteilt durch zehn Kabinen bei einer durchschnittlichen Verweildauer von etwa zwei Minuten pro Vorgang. Wir sind jung und alt, tragen Kostüm und Handtasche oder Jeans und Rucksack, riechen nach Rosenwasser, Knoblauch oder der eben gerauchten Zigarette, haben ein Kind an der Hand, das die Schenkel zusammenpresst, oder blicken in einen der Spiegel und richten das Haar.

Wohin ist plötzlich die Dringlichkeit? Wir halten an und aus, zurück und durch. Bilden ein Spalier, wenn einer der Herren vorbeikommt, der sein Anliegen schon erledigt hat. Er grinst und spricht ein Dankesgebet, man kann es sehen. Er ist (schon) erleichtert. Die Wirtschaft gendert in hellblau und rosa, aber wenn es um die wahren Geschäfte geht, ist plötzlich equal piss day. Und niemand fragt, ob die gleiche Anzahl von Quadratmetern für Männer und Frauen – in der Regel plus Nachwuchs aller Geschlechter – den buchstäblichen Bedürfnissen gerecht wird. Wir warten geduldig. Wir schweigen. Sehnsuchtsvolle Blicke zur Tür mit dem breitschultrigen Piktogramm, bei der niemand ansteht. Keine von uns schert aus und entert den freien Raum. Der große Fluss verlässt sein Bett nicht.

5 Kommentare zu „Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

  1. ein ganz herrlicher text, du könntest was größeres draus machen! der ist so im fluss, dass ich meine, er müsste weiterführen, man will sofort mitgenommen werden auf die reise durch außen- und innenland, und gar nicht anhalten

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  2. sprachlich sehr schön und auch sonst sehr scharfsinnig. „wir halten an und aus, zurück und durch.“ ja ja, der große fluss verläßt sein bett nicht. das sollten wir ändern.

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