Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Standort Berlin

Ich bin wieder in Berlin, teile hiermit meinen Standort mit euch. Ich bin wieder in Berlin, zunächst in Kreuzkölln um genau zu sein, ein Bezirk, den es, als ich fortging von hier, so noch nicht gab. Und, dass ich wieder in Berlin bin, stimmt eigentlich nicht, weil dieses Ich, welches jetzt das meine ist, so noch niemals in Berlin war, eine binsige Wahrheit, die sowohl auf Berlin zutrifft, als auch auf mich. Manchmal treffe ich Berliner*innen, die heimlich älter geworden sind, die ich nur von der Straße kenne, deren Namen ich weder heute weiß noch damals wusste. Nur meine Freundinnen altern gemeinsam mit mir, begleitetes Altern sozusagen, was tröstlich und schön ist, denn das Alter kann cool sein und entspannt, hier in Berlin allemal. Und so sammle ich meine Freundinnen wieder zusammen, in Kreuzberg und Alt-Treptow, bringe uns auf den neuesten Stand, Berlin und mich, umarme die Alten im Neuen und die Neuen im Alten. Demütiger sind wir geworden, auch weil die Mehrzahl der Jahre nicht mehr vor, sondern hinter uns liegt. Und die Demut steht uns gut.

Mein früheres Ich läuft hier noch herum und manchmal begegnen wir uns. Wenn ich mich auf der anderen Straßenseite sehe, versuche ich hinüberzugehen, versuche einen Kaffee zu trinken mit mir. Im Sommer leben hier alle auf der Straße unter großen Schirmen mit Bierlabels darauf. Ich setze mich dazu und wir nippen an nachhaltigen Getränken, betrachten sinnend die Kippen zwischen den Pflastersteinen. Die Straßen sprechen im Vorbeilaufen Englisch. Straßenbäume sind mit Holzlatten umrandet, darin ein städtischer Unkraut-Urwald mit kleinen Plakaten darin, die die Hunde bitten, woanders zu kacken. Ich stelle mir winzige Berliner Gartenzwerge vor, die gegen Hundekacke demonstrieren und unsichtbar bleiben, weil nur ihre Miniatur-Demoschilder aus dem Unkraut-Urwald herausragen.

Bauminsel_Berlin

Ich bin wieder in Berlin, diesmal in Mitte, und habe auf dem Rückweg mit dem Rad die Bombe umfahren, die wog 100 kg und hatte noch einen Zünder, an meinem Fahrrad fehlten Hinterradbremse und Licht. Blaulicht kreiselte durch die Stadt und markierte den Sperrkreis für die Entschärfung der Bombe, während ich ihn umfuhr mit Blaulicht im Gesicht. Am nächsten Morgen ist die Bombe entschärft und ich drehe hier mit dem Rad meine letzten Runden durch Kreuzkölln und Kreuzberg und Mitte. Manchmal halte ich an, um meinen Standort mit euch zu teilen.

4 Kommentare zu „Maja Linthe: Bloggen mit Hut

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