Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Liebe S.,
dein Bruder hat mir deine Texte gezeigt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen. So viele hast du ihm zurückgelassen, als wolltest du sicherstellen, dass wenigstens einige davon gelesen werden. Das nehme ich als Zeichen.

In der Brückenstraße, wo du deine Wohnung hattest, habe ich dich manchmal gesehen. Du warst eine Schreibende so wie ich, aber eine, die die Lippen bewegte beim Schreiben. Überall in der Stadt hast du geschrieben, an die Hauswand gelehnt, auf einem Mäuerchen sitzend, an der Straßenbahnhaltestelle, mitten auf der Verkehrsinsel, sogar dort hast du schreibend gesessen und die Lippen bewegt dabei. Verständigt hast du dich mit niemandem mehr. Trotzdem hast du, als du gestorben bist, deine Texte zurückgelassen, war die ganze Wohnung gefüllt mit von dir beschriebenen Seiten, die ich deinen Bruder bat mir zu zeigen.

Deine Texte, soviel kann ich erkennen, sind mit der Zeit enger geworden, enthielten immer weniger Worte, so als wäre dein Wortradius kleiner geworden. Ganz am Schluss hast du das, was dir am Wichtigsten war, nur noch abgeschrieben auf die immer gleiche Art und Weise, als würdest du abmalen, was du einst geschrieben hast, wie ein letztes Aufbegehren gegen etwas, das dir die Worte nahm. Ich hätte gerne gewusst, welches Wort denn dein wichtigstes war, das am Ende übrig geblieben wäre von all deinen Worten. Deine Texte lesend fragte ich mich, was ich wohl schreiben würde, wenn mein Wortradius nach und nach kleiner würde, wenn jeden Morgen der Zirkel, der in meinem Wortschatz steckte, einen kleineren Kreis zöge, ich mit weniger Worten auskommen müsste um zu sagen, was ich doch sagen muss.

Ich habe dich also gesehen in der Brückenstraße, an der Straßenbahnhaltestelle, auf der Verkehrsinsel. Du gehörtest zu den wenigen Menschen in unserer Stadt, die ein jeder irgendwie kannte, weil sie anders waren als der Rest, die in unserer Stadt wohnten, um die wir aber einen geheimen Kreis gezogen hatten. Du hast das gespürt, hast uns schon früh dieses Ausgestoßensein zum Vorwurf gemacht und damit den Kreis um dich nur noch enger gezogen.

Am Anfang, als du noch mehr Worte hattest, schriebst du, dass du immer versucht hast, keinen Konfliktstoff zu bieten. So sehr hast du auf die anderen geachtet, auf ihre mögliche Missbilligung, ihre Missachtung, dass dir jedes Lächeln ein falsches zu sein schien. Dann hast du dich nicht mehr schön angezogen, dir nicht mehr dein Lieblingsparfum gekauft, weil du meintest, dass man es dir verboten hätte, weil etwas in dir es dir verboten hatte. Da hast du schon nur noch mit dir selbst gesprochen – Totalisolation hast du das genannt -, hast gegen das Kleinerwerden deines Wortschatzes angekämpft, die Titel der Filme und Bücher, die Namen der Orte in deinen Texten hin und hergeschoben, sie an andere Stellen der Seite gesetzt, die einzige Variation, die dir noch blieb.

Tomatentext

Nun sitze ich auf der Terrasse im Urlaubshaus deines Bruders, dort, wo ihr, er und auch du, als Kinder die Urlaube verbrachtet, spielend am Strand wie die anderen Kinder oder auch auf der Terrasse sitzend, so wie ich jetzt. Hier lese ich deine Texte, sehe dich dort schreibend durch unsere Stadt laufen, die Brückenstraße entlang, immer auf der Flucht. Dabei erinnerst du mich an die Händler hier am Strand, die man Mantas nennt, die, immer auf der Flucht, ihre Ware in Tüchern vor uns ausbreiten, die sie jederzeit, wenn die Polizei sich nähert, mit einem Griff anhand von Schnüren wieder zusammenraffen können, um weiter zu hasten. Auch du bist, so schreibst du, auf der Flucht gewesen. Die Kinder waren immer bedroht in deinen Texten, die Kinder und bei den Tieren die Welpen. Der Kindermord steht auf jedem Blatt für sich allein. Und Interpol schien auf der Suche nach dir, als Polizei, als Gendarmerie haben sie Kunst nicht verstanden. Möglich, dass du noch eine Erinnerung daran hattest, wie sie dich aufgriffen, schreibend vielleicht, deine Kunst, deine Manta-Kunst nicht verstanden, die, die ihren Wortteppich als Bündel schnürte, die ihn immer wieder auf der Straße ausbreitete, zusammenraffte und weiterlief, während sie gegen das Kleinerwerden ihres Wortteppichs ankämpfte, schreibend und murmelnd.

Jedes Blatt Papier in deiner Wohnung hast du beschrieben, dein Bruder zeigte mir nur einige davon. Selbst auf den von deiner Mutter gemalten Aquarellen hast du mit Bleistift um ihre Blumen geschrieben, um das Obst und Gemüse, es manchmal auch durchgestrichen, so als wolltest du dein Wort dagegensetzen. Die Titel der Filme und Bücher hast du notiert – wie um dich zu wehren gegen deine kleiner werdende Wortwelt hast du Wörter aufgeschrieben, hinter denen man im Geiste ganze Filme ablaufen sieht, hinter denen die Bücher stehen, die du vielleicht einmal gelesen hast. Da hattest du dich wohl schon damit abgefunden und warst nur noch bemüht, die wenigen Worte, die dir blieben, möglichst effizient zu setzen. Die Namen von Orten hast du aufgeschrieben in Deutschland und in Amerika, Orte, die du einst bereist haben magst, hinter denen sich deine Erinnerungen verbargen, am Ende sogar vor dir.

Das Reden schien man dir verboten zu haben, nicht aber das Schreiben. Das Schreiben war deine Art, dich zur Wehr zu setzen gegen etwas, das du Interpol nanntest oder die Gendarmerie, etwas, das dich mitnahm und einsperrte, so dass du nur noch allein warst mit dir und einer vagen Erinnerung an das Schöne, das dich früher mit der Welt noch verband. Da ist keine Erinnerung an Personen in deinen Texten oder an Gespräche mit Menschen, da sind Orte und Filme und Bücher und deine Schrift auf den Aquarellen deiner Mutter. Es scheint mir sehr einsam zu sein in deinen Texten und ich achte deine einsame Manta-Kunst. Du hast hart gekämpft und hast Wörter gerettet. Ich habe sie gelesen.

Deine M.

4 Kommentare zu „Maja Linthe: Bloggen mit Hut

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