Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

herbsttag // ländliches wohngebiet // der sommer war zu heiß

nachbar ellerbeck brüllt im garten seine frau an: 

(ich ducke mich schnell in die beete, blätterdeckung kaum noch gegeben; ellerbecks herrischer schatten ist mächtig)

„ausm bauch raus is drauf geschissen! auf dein ewiges bauchgefühl!“

frau ellerbeck pariert: „aus deinem bauch raus kommt immer noch mein essen. gefühle: fehlalarm!“ daraufhin er: „und wenn ich’s dir sage: der hamit war’s!“

ich sperre meine ohren auf. ellerbecks syrischer flüchtling darf ihre souterrainwohnung bewohnen, einen deutschkurs besuchen und im garten helfen, die meiste zeit aber verbringt er mit seinem handy im kostenfreien w-lan der gemeinde, auf einer parkbank sitzend, mitten im nahen ort. immer allein. vermutlich auch jetzt. ˝

frau ellerbeck flippt aus: „dann geh doch zum siebert seiner bürgerwehr, in gottes namen, und hilf brav, des deutschen land und eigentum zu schützen, bevor’s ein mustafa, ein neger, ein jud sich nimmt, so tickst du doch in wahrheit, sag’s nur, sagt ja heut jeder, was er denkt, auch wenn er nix denkt, sagt er’s laut und haut einem seinen sinnfreien nationalstolz und kiloweis‘ vorurteil nur so um die ohren, ich halt‘ das nicht mehr aus, ich geh‘, mir reicht’s!“

sie stapft in ihren gummistiefeln quer über den rasen just auf mich zu, die schüttere ligusterhecke wird mich gleich ihrem blick feilbieten, ich drücke mich bäuchlings auf die erde, da ruft herr ellerbeck fast trällernd, mit triumphierendem unterton ihr in den rücken: „streitkultur, juliane, streitkultur! mangelnde streitkultur wurde dir doch offiziell attestiert, schon vergessen? letzte sitzung bei deiner frau doktor sowieso? entweder bauchgefühl oder abgang mit türenknallen, was anderes hast du nicht zu bieten. wo bleiben da anstand und ehrgefühl, hä?“

ich zucke zusammen. anstand und ehrgefühl. solche wortschätzchen hätte ich herrn ellerbeck niemals zugetraut. sie zeigen wirkung: juliane ellerbeck macht eine 180-grad-wende bei kaum gedrosseltem tempo und nimmt erhobenen hauptes kurs auf ihren mann, obendrein mit erhobenem spaten, den sie senkrecht wie eine fahnenstange vor sich herträgt, theatralisch sieht das aus, nicht nach mörderischer absicht.

FORTSETZUNG FOLGT EVENTUELL

6 Kommentare zu „Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

  1. Interessant, was so viel adrenalin mit einer halb verschwiegenen autorin macht. Nun müssen wir nur noch geleakt bekommen, wie julianes mann mit vornamen heisst. Alles ausser horst, bitte..

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    1. du warst nah dran, es ist ein ernst, nur kein heiliger.
      es wird noch unschön werden. heiliger strohsack, der ernst des lebens, die lieben nachbarn und ihre sauberen fassaden, könnte ich recht viele lieder singen.

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  2. Nein, nicht nur eventuell die Fortsetzung, sondern unbedingt. Denn wo soll man sonst hin mit so viel ungeklärtem Bauchgefühl? Da bekommt man ja Bauchweh, kommt nicht mehr runter von der Schüssel, und wer soll die dann putzen? (Jetzt bitte keinen Namen nennen!)

    Gefällt 1 Person

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