Maja Linthe: Bloggen mit Mut

Wir treffen uns im virtuellen Blograum und wir treffen uns im realen Berlinraum, dort hinter verschlossenen Türen. Im Blograum sind wir uns manchmal nicht bewusst, dass da noch andere anwesend sind – außer uns. Wir verhalten uns im Blograum so, als würden wir zuhause am Schreibtisch sitzen und unseren Text aus dem Fenster rufen. Es hören uns nicht viele, denn unser Schreibtisch steht im 4. Stock und unten ist es laut, viel Verkehr. Und doch ist der Blog etwas dazwischen, zwischen dem Schreiben am Schreibtisch und dem Treffen im öffentlichen Raum. Unten auf der Straße könnte uns jemand hören, trotz lautem Verkehr, und bei uns klingeln. Dann müssten wir eigentlich öffnen, ihm oder ihr alleine Rede und Antwort stehen, denn weshalb sollten wir sonst aus dem Fenster rufen? Und natürlich hören wir uns gegenseitig zu, weil wir aufmerksam sind, füreinander. Denn wir schreiben alleine und wir schreiben als Gruppe, wir schreiben füreinander und wir schreiben für andere, am Schreibtisch und aus dem Fenster rufend. Wir schreiben dazwischen im Blog.

Vielleicht ist es schwierig, als Gruppe im Blog zu schreiben, weil wir alleine an unseren Schreibtischen sitzen, als Voraussetzung unseres Schreibens, und uns trotzdem schreibend unterhalten wollen. Wir rufen nach Aufmerksamkeit. Uns verbindet also die Gemeinsamkeit unseres Schreibens, aber uns unterscheidet die Voraussetzung unseres Schreibens, nicht nur generell, sondern ganz konkret in diesem Moment – ob sich der Schreibtisch im Osten oder im Westen befindet, ob wir mit dem Schreiben unsere Miete verdienen oder nicht, ob wir gerade aus Verzweiflung schreiben oder aus Vergnügen. Und im Blog schreiben wir häufig über das, was wir vom Schreibtisch aus sehen, was uns jetzt gerade betrifft.

Treffen wir uns im realen Berlinraum, treffen wir uns als Schreibende zum Feierabend, lassen die Unterschiede zu Hause und feiern unsere Gemeinsamkeit. Treffen wir uns im Blog, ist der Blog Gemeinsamkeit und wir sind verschieden, haben unterschiedliche Kategorien. Und wir kommentieren uns, manchmal, wenn nicht, sind wir beleidigt, wegen mangelnder Aufmerksamkeit. Der Blog ist ein Wagnis für unsere Gruppe, der Unterschiede zwischen uns zeigt. Es sind nur acht von uns, die das wagen. Vielleicht kennen wir uns und erkennen uns doch im Blog nicht wieder. Und ist der Blog daran Schuld?

Spontan ist das Schreiben im Blog. So soll es sein. Und doch sollten wir uns gut überlegen, welchen Spontantext wir aus dem Fenster rufen. Die anderen sollen widersprechen dürfen, die anderen von uns und die von der Straße. Auch so soll es bleiben. Der Blog ist als Wagnis gedacht, nach allen Seiten, und stört uns auf in Gemütlichkeit, der Gruppen- und Schreibtischgemütlichkeit. So ist er gedacht. Wir sind gemeinsam und kommentieren einander. Das ist unser gemeinsamer öffentlicher Text, alphabettinenblog, nur zur Erinnerung, ein Gruppentest und eine Herausforderung für unser Schreiben.

5 Kommentare zu „Maja Linthe: Bloggen mit Mut

  1. schön gesagt, maja, die gruppen- und schreibtischgemütlichkeit, genau die!
    das sehe ich als eine seiner wichtigen aufgaben an: der blog, der „uns aufstört in unserer gemütlichkeit“, in dieser schreibtischgemütlichkeit, ja, in der uns mitunter unsere eigenen textwerke gelangweilt angähnen, würden wir sie nicht vor offenem fenster laut aufsagen und also verführerischer gestalten; und auch die gruppengemütlichkeit kann fast schon erdrückend wirken, wenn sie wie eine schwere decke alles leise grummelnde unter sich birgt und nicht öfters mal aufgeschüttelt, gelüftet wird.

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  2. Und weil zur Zeit so viele Lichter in allen Stuben angezündet werden, möchte ich auch in unserem alphabettínen-Haus noch zwei zum Leuchten bringen:
    eines der Achtung vor allen Bloggerinnen und eines der gegenseitigen Achtsamkeit in allen Äußerungen von Tür zu Tür, von Fenster zu Fenster und hinaus auf die Straße.
    Ich stelle diese Lichter gleich unten links und rechts neben die Eingangstür.

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  3. Danke maja, für diesen schönen nachdenk-text. Lachen musste ich über das beleidigtsein bei fehlenden Kommentaren. Weil wir Acht neben spielfreude ja auch mut brauchen, um fix und beherzt aus dem fenster zu rufen. Und selbst wenn kritik blöd sein kann, ist sie besser als schweigen – also die ignoranz der strasse. ignoranz als reaktion auf mut macht nämlich nur pffft..

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  4. Um in deinem schönen Bild zu bleiben, liebe Maja: Wer in unserem Bloghaus schreibt, ruft aus dem Fenster des eigenen Zimmers – aber auch aus dem Haus hinaus, an dem für alle sichtbar „alphabettínen“ steht.

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