Das sinnlose Leben der Litfaßsäule

Ricarda de Haas

Letztes Jahr, irgendwann im März, mutierten Berliner Litfaßsäulen zu Grabsäulen. Man ging vorbei, in stummer Trauer, und dachte an Berlin, wie es gewesen war. Oder vielmehr, wie es gewesen sein soll, vor der eigenen Zeit. Als Litfaßsäulen jung waren, Symbol einer Moderne, die Mitte des 19. Jahrhunderts eher erahnt als erlebt wurde.

Und nun das. Ende einer Ära. Aussortiert, nicht würdig zu existieren in einer Zeit, in der Papier nicht geduldig, sondern nur geduldet war. Verblüffend nur, dass die Leerstellen nicht auffielen. Als wären die Flecken an den Ecken der Plätze, an denen die Säulen über hundert Jahre wie festgewachsen standen, schon immer nur freies Pflaster gewesen, über das Füße geschäftig liefen.

Dann, plötzlich, im März diesen Jahres die Entdeckung: eine neue Säule steht da, nicht ganz am Platz der alten, aber doch am selben Eck. Voll jugendlicher Tatkraft schaut sie in den Kiez. Anders als angekündigt leuchtet sie nicht. Nur der Haarkranz oben ist aus Plastik statt aus Eisen und Beton. Ansonsten lässt sich kaum ein Unterschied bemerken. Noch einmal trauert man. Die alte hätte doch noch etwas bleiben können.

Doch nun steht ist sie da, die Neue. Und steht. Kündigt Veranstaltungen an, die Ende März schon gestern waren. Und keiner kommt, und keiner klebt was Neues auf. Und keiner weiß, wann es wieder etwas zu verkünden geben wird. Fast möchte man sie bedauern. So jung ist sie, so sinnlos schon ihr Dasein.

6 Kommentare zu „Das sinnlose Leben der Litfaßsäule

    1. Nee, der Vertrag zwischen Berlin u den Betreibern (Wall) lief 2019 aus. Wall hat in der ganzen Stadt ca. 2500 Litfaßsäulen abgebaut, nur wenige (24) Denkmalgeschützte blieben stehen. Der neue Betreiber, Stuttgarter Firma, baut nun neue. Die sollen angeblich von innen beleuchtet sein, deshalb der Plastikdeckel. Aber da leuchtet nix. Macht ja auch keinen Sinn bei geklebten Plakaten. Wer weiß, vielleicht hat nur ein Neuberliner Schwabe seinen Kumpels was zugeschanzt. Und digital betriebene Leuchtsäule klingt in so einer Bewerbung ja überzeugend.

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    2. Das hat übrigens Tradition in Berlin. Herr Litfaß hat die Säulen genehmigt bekommen, weil er den Innenraum als Pissoir betreiben sollte. Ist nie nix geworden. Nicht eine. Kein Mal.

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