Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 4

Élouise und ich liefen durch den Herbst-Wald zum Heidelberger Bergfriedhof und sie galoppierte vorne weg, vollführte Freudensprünge, so als hätte man sie nach zwei Wochen aus der Quarantäne entlassen. Nachdem wir das schwere, kunstvoll geschmiedete Friedhofstor aufgeschoben und uns hindurchgeschoben hatten, stiegen wir vorsichtig die Treppe hinunter, liefen ruhiger, versuchten es respektvoll zu tun, respektvolles Laufen für die, deren Namen die Steine trugen um uns herum.

Élouise wies mich mit der Nase auf besonders klangvolle Namen hin. Ich zeigte ihr Typografien, die mir gefielen. Einige der Namen waren so groß geschrieben worden, dass wir sie sogar im Vorbeilaufen erkennen konnten, anderen waren nicht lesbar oder unter Blättern verborgen. Manche sprachen wir aus, während wir uns den Grabsteinen näherten, fast so als sprächen wir die an, die vor oder unter den Steinen lagen. Wir riefen sie auf, als würden wir noch Antwort erwarten, als würden der Anfang und das Ende unter den Buchstaben keine Grenze markieren. Wir riefen sie herauf, um sie in ein Gedankengespräch zu verwickeln, das wir wohl niemals geführt hätten, wäre uns gerade dieser Name entgangen. Manchen Namen merkte man das Jahrhundert an, aus dem sie stammten, auch ohne die Daten darunter. In andere Gedankengespräche wiederum mischten sich Bekannte und Freund_innen ein, die den gleichen Namen trugen. Anna hatte einen vielstimmigen Namenschor, der sie begleitete, mit russischen Stimmen darunter.

Dann verlor Élouise die Lust an den Gesprächen und trabte los, ihren eigenen Namen zu suchen. Ich folgte ihr nur langsam und fiel in Gedanken noch weiter zurück. Als ich sie einholte, hatte sie eine Luise gefunden, eine Emmy darüber, deren Anfangsbuchstabe sich ein wenig gelöst hatte, so als sei sie bereit, ihr E an Luise abzutreten. Auch mir gefiel das wackelnde E, das Emmy und Luise verband, und während wir mit Emmy und Luise ein Gespräch über Initialen begannen, bemerkten wir, wie es dunkelte, obwohl es noch mitten am Tage war.

Auf dem Rückweg, am eisernen Tor, kam uns ein Mann entgegen, öffnete das Tor weit für uns und sagte lächelnd: „Für die Lebenden!“. Da nahm Élouise ihre Freudensprünge wieder auf.

2 Kommentare zu „Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 4

  1. Das Tor für die Lebenden ist ja toll. So habe ich das noch nie gesehen. Dabei ist es so offensichtlich. Und zugleich poetisch. „That’s deep, man“ hätten meine rapper gesagt. „Yeah, dope“

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