Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 5

Élouise und ich spazierten zu zweit durch das Feld mit Platz zwischen uns für eine unsichtbare Dritte. Noch vor Anbruch der Sperrstunde wollten wir in der Dunkelheit die Unsichtbare nach Hause geleiten, wo immer das sei. Wir begegneten anderen spazierenden Paaren mit unsichtbaren Dritten in ihren Mitten, liefen in großen Bögen umeinander herum.

Mitten im Handschuhsheimer Feld lag ein Kaffeehäuschen, das schon länger im Lockdown war. Das große Fenster, durch das man einst Cappuccino hinausgereicht hatte oder Espresso Macchiato, war schon lange geschlossen, hatte kunstvoll Patina angesetzt, nach Graffiti-Art.

Wir hielten die Hände wie Trennscheiben rechts und links an unsere Schläfen, spähten durch die Ritzen des Containers ins Dunkel hinein. Drinnen im Kiosk schliefen blinkend Kaffeemaschinen und auch die Baristas schliefen mit dem Siebträger in der Hand, knapp über der Sudschublade verharrend und noch bevor sie den Kaffeesud mit lautem Klopfen darein hatten entleeren können. Und es schliefen eine Handvoll Gäste, während sie ihren Espresso in kleinen, angenehm fetten Tässchen zum Munde führten. Und es wartete der Kaffee in den Tässchen darauf, dass er nach dem Lockdown getrunken würde, dass die Gäste erst nach dem Lockdown die Bewegung zu Ende führen würden, die sie davor bereits begonnen hatten.

Élouise beschnupperte die Gäste durch die Ritzen und es erschien uns folgerichtig für eine kleine Weile hier im Feld auf diese märchenhafte Weise im Lockdown zu verharren. Dem Kiosk war über die Wochen langes Gestrüpphaar gewachsen, das ihm mittlerweile bis zum Feldboden hing und ihn beinah umschloss. Vielleicht würde man nach dem Lockdown vergessen haben, dass sich hier einst ein Kiosk befand mit Baristas, mit Kaffeekennern und -kennerinnen, die den Kiosk als Geheimtipp kannten und dieses Geheimnis nun schlafend bewahrten. Bevor wir weitergingen, Élouise und ich, verabredeten wir, uns zum Ende des Lockdowns durch das Gestrüpp zu schlagen, uns unter die Gäste zu mischen, um den Knall zu hören, mit dem der Barista, sobald er erwachte, den Kaffeesud in die Sudschublade schlagen würde.

8 Kommentare zu „Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 5

  1. Na, der Barista muss natürlich wachgeküsst werden, damit der lockdown enden kann. Hoffentlich findet sich eine prinzessin – oder prinz – noch in diesem jahrhundert : – ) Du könntest ja mal die koordinaten veröffentlichen, just in case…

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  2. welch ein wunderbares lockdown-märchen hast du uns da geschenkt. einfach zu schön, um wahr zu sein. oder doch, es ist wahr, die unübertroffenen „angenehm fetten tässchen“ sind der beweis, die gibt es ja wirklich

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  3. Ach, wie schön, dass wenigstens dem Kiosk-Container das Haupthaar bis zum Boden wachsen darf und sich niemand darüber ereifert! Noch nicht einmal die Querdenker scheinen dabei quer zu denken. Wahrscheinlich das Einzige, was uns dieser Tage verbindet. Vielleicht das Einzige, was dieser Tage erlaubt ist. Wie glücklich es mich macht, Gestrüpp wachsen zu sehen! Danke, Maja!

    Grüße, Sprudelwasser

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