Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 7

Ich löse mich von meinem Hintergrund, in dem ich manchmal verschwinde, steige mühsam und steif aus meiner Kachel heraus. Ich will hinaus in die Natur, will spazieren gehen wie alle. Ob die Natur schon genervt ist von uns? Élouise wartet am vereinbarten Treffpunkt nur auf mich, grinst mich an zur Begrüßung. Beim Loslaufen freue ich mich über ihren wackelnden Schafsfellhintern, denke an die leere Kachel zu Hause. Ab und an mache ich Fotos, die ich mir später als Hintergrund auf die Plattform stelle, zur Erinnerung an die Orte hier draußen. Ich vermisse es, Orte zu teilen mit Freunden, mit Kolleginnen, das Café, das Restaurant, das Theater. Selbst die Mensa vermisse ich, den Espresso, der gar nicht so gut war.

Gestern habe ich meine Kollegin getroffen, zum Abschiedsspaziergang am Rhein. Ich erzähle Élouise davon, weiß gar nicht genau, ob sie zuhört. Die Kollegin wechselt den Job, den Bildschirm, der bald in einer anderen Stadt stehen wird. Es war ein Abschied im Schlendern. Wir umarmten uns nicht, die Inzidenz ist am Steigen. Ich zeigte zu den Wipfeln zweier Bäume hinauf, die nur unweit des Ufers standen. Sahen die nicht aus, als umarmten sie sich? Auf Wiedersehen, Tassja!

Auch Élouise und ich schauen uns jetzt um und ganz genau hin. War die Fläche vor uns schon immer so frei? Élouise scharrt mit den Hufen in den Sandhaufen herum. Die alten Spinelli-Barracks der US-Army wurden benannt nach Dominic Spinelli, einem Gefreiten und Sanitäter, einem Amerikaner italienischer Abstammung, erschossen von deutschen Scharfschützen in der Nähe von Heilbronn, als er Verwundete hatte bergen wollen. 1962 wurde zu seinen Ehren hier eine Tafel enthüllt. Seine ganze Familie hatte man dazu eingeladen. Spinellis italo-amerikanischer Vater sah nach 42 Jahren zum ersten Mal seine süditalienischen Brüder in Mannheim-Feudenheim wieder. Spinellis Name steht nun, so lesen wir auf der Baustellen-Tafel, für das Areal Spinelli, für urbane Zukunft. Ich mache ein Foto für die Kachel zu Hause und versuche heimlich, Élouise mit aufs Foto zu kriegen. Aber die springt mir aus dem Bild und galoppiert als Staubwolke über die sandige Fläche. Ich halte mein Gesicht in die Sonne und denke an Dominic Spinelli, der früher ein Sanitäter war und heute ein Ort ist, ein vergangener, ein zukünftiger und einer dazwischen, für Élouise und für mich.

Ein Kommentar zu „Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 7

  1. Ja, diese kacheln… musste gleich dran denken wie du neulich aufstandest und in deine kachel gelaufen bist, mitten ins wasser. Das sich dann um dich auflöste. So dass du mit trockenen füssen auf einer kleinen insel standest. Die überflutet wurde, als du zurück kamst. Wie futuristisch unsere gegenwart geworden ist. Wie treffend du das beschreibst.

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