Maja Linthe: A Post for a Song

Manchmal ein Post von dir über Whatsapp, zynisch meist und verschwurbelt. Da bleibst du ihm treu. Den Link hast du mir geschickt zu dem Song und der Geschichte dahinter. Well I’ll be damned, here comes your ghost again… Und es ist nicht so recht klar, wer von uns den Geist gibt, und zur Madonna tauge ich nicht, denn, wie du weißt, war ich schon immer besser darin, geliebt zu werden, als darin zu lieben.

In unserem besetzten Institut in Berlin sang ich während des Unistreiks, war blöde aufgeregt, so wie immer. Ich wollte manchmal wie Melanie klingen, manchmal wie Nina Hagen, was mir nicht gelang. In der alten Lederjacke, die Gitarre über der Schulter, bin ich aus dem Fenster geklettert, um artig zur Arbeit zu gehen. Du nanntest mich den weiblichen Bob Dylan, aber ich stand mehr auf Joan Baez. Sie hatte dieses Konzert in der Waldbühne mit Bettina Wegner gegeben, die sich vor lauter Schüchternheit kaum auf die Bühne traute. Das war mehr meine Welt. Während du bei den Rolling Stones schriest und natürlich Bob Dylan verehrtest, versuchtest, so auszusehen wie er, dich selbst so fotografiertest. Trotzdem gefiel mir, was du sagtest zu mir, und auch ich habe mich von da an gerne durch deine Augen gesehen und durch deine Kamera.

Gesungen habe nur ich, Gedichte schrieben wir beide. Du schriebst mir Liebesgedichte, auch im Stil Erich Kästners, (yes I loved you dearly) deine dunkle schmutzige Wohnung im Wedding Berlins war voller Bücher und seltener LPs. Musikalisch waren wir beide etwa gleich weit aus der Zeit gefallen, du etwas weiter. Und so reisten wir 9000 Meilen durch die USA, warteten auf Elvis in Graceland und suchten das Grab Buddy Hollys auf dem riesigen Friedhof in Lubbock, Texas. Und ich las Simone de Beauvoir oben ohne am Strand, ganz wie es sich gehörte, und reiste nach Mexiko zu Frida Kahlos blauem Haus. Es wurde gerade renoviert und während die Arbeiter die Wände strichen und uns mit den Augen verfolgten, standen Fridas Bilder schutzlos vor uns auf dem Boden herum.

In Wien gab ich die Hexe für deine Tanten und nahm diesen Song über den sauren Regen auf mit dem Freund meines Bruders. Und vielleicht klang es ein wenig nach Joan Baez, die verhexten Tanten stritten darüber, während wir den Song hörten und zusahen, wie sich die Rädchen der Kassette drehten. Aber bei allem zarten Vibrato habe ich es nie wirklich geschafft, die Schüchternheit der Bettina Wegner heraus zu singen aus mir.

Und auch später bist du immer wieder gekommen, nicht wirklich vorbei, nur auf dem Weg zum Konzert von Bob Dylan in der Arena in Berlin-Treptow bei mir um die Ecke. Du kamst vorbei, um mir eine Postkarte in den Briefkasten zu werfen, geschrieben in deiner verschwurbelten Art, ein wenig zynisch, ein wenig unverständlich und ganz zuunterst vielleicht immer noch ein wenig liebevoll, so als würde sich das ganz zuletzt abnutzen. Und ich, die ich an das Liebevolle für dich nicht mehr herankam, weil sich genau davor das schlechte Gewissen eingenistet hatte, versuchte das Rätsel der Karte zu lösen, ohne ärgerlich zu werden über dich, der du wie immer unverständlich sein wolltest.

Und nun der Post von dir über Whatsapp mit dem Song und der Geschichte dazu. Ed Ward ist gestorben, so hast du geschrieben. Auch ihn haben wir damals in Austin, Texas besucht. Er hat uns die Stadt gezeigt und die Musik dazu. We both could have died then and there. Wir aber schreiben uns noch Posts über WhatsApp und missverstehen uns manchmal. Und du schickst mir ab und an Songs, so wie diesen. Das hier ist meine Art ihn zu hören.

4 Kommentare zu „Maja Linthe: A Post for a Song

  1. was für ein toller text. was für ein toller song. und: tolles foto! da ist mal echt musik drin!

    eine ganze kleine/große welt tut sich auf beim lesen, es klingt, als müsste die story weiter gehen, direkt hinein in die tiefe eurer vergangenheit, eurer verschwurbelten beziehung.
    ich würde sie jedenfalls gerne weiterlesen. back into the past, analoge kurznachrichten auf selbst eingeworfenen postkarten, road trips auf den spuren der musikalischen helden, und dich, schüchtern auf der bühne, hätte ich ja auch zu gerne erlebt.

    Gefällt 1 Person

Schreibe hier deinen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.