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Wir sind die Autorinnengruppe alphabettinen. Einige von uns bloggen im alphabettinenblog in unterschiedlichen Rubriken. www.alphabettinen.de

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

LETIT

Ich betrete den Text und schaue mich um. Direkt vor mir lungern halbstarke Großbuchstaben, lässig aneinander gelehnt. Sie drehen mir den Rücken zu und scheinen mich nicht zu bemerken. Vielleicht rauchen sie oder sie erwarten einen Elfmeter und beraten, wie sie sich aufstellen sollen. „LETIT“, in dieser Reihenfolge stehen sie noch nebeneinander, versperren mir die Sicht. Ich schleiche heran und spähe heimlich durch die Balken des E.

Ich kann keinen Fußball entdecken, aber in der Ferne sehe ich Linklöcher und Zwischenüberschriften wie Hütchen und Hürden beim Sportunterricht. Als das E etwas schreit, schrecke ich auf. Ich renne los und stolpere gleich im ersten Satz über ein Komma, das hier gar nicht hätte herumliegen dürfen. Ich hebe es auf und schleudere es mit Schwung über den Textrand hinaus. Als ich merke, was für Spaß es mir macht, mit Kommas zu werfen, springe ich einen Satz weiter runter und kicke den Punkt vor mir her wie eine scheppernde Dose. Langsam austrudelnd bleibt er in einer Satzkuhle liegen. Weil er nun oben fehlt, sammle ich ihn wieder ein und lege ihn reumütig zurück an die Abschussstelle. Dabei fällt mein Blick ganz zurück und ich sehe, dass das L und das I losgerannt sind, mir hinterher. Die zwei Ts und das E feuern sie an. Was genau sie rufen, verstehe ich nicht. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Obdach

Ob da ein Dach ist? Über meinem Kopf? Ist es lose das Dach? Könnte es wegfliegen? Und wenn ich nicht in der Lage wäre, zum Bauhaus zu gehen, mir Werkzeug zu besorgen und Material, um mein Dach, mein Obdach dauerhaft zu befestigen? Dann wäre ich schutzlos, dachlos ausgeliefert dem Wetter, den Blicken, den mitleidigen wie den neugierigen, den bösen wie den hasserfüllten, dem Schmutz und dem Hunger. Ich müsste mir provisorischen Schutz suchen, einen Pappkarton vielleicht, der ironischerweise aus dem Bauhaus kommen könnte, oder eine Autobahnbrücke, ausgerechnet ich, die ich fast nie Auto gefahren bin.

Aber darauf käme es nicht mehr an, denn mit dem Obdach gingen auch Teile von mir verloren, so wie unter dem Schmutz meine Kleidung und meine Mimik verschwinden, meine Sprache nicht mehr anderen gilt, sondern nur noch mir selbst. Bin ich das Dach los, so bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, igel mich ein in einem Kokon aus Schutzschmutz. Ich flüstere darin auf mich ein, beschwörend vielleicht über das, was einmal war, erzähle es mir selbst, um es nicht zu verlieren, wie schon das Dach. Weil doch ohne Dach alles davonfliegen könnte, alles, was mich einmal ausmachte, von mir abfallen könnte, so wie meine Hose, die nun zerrissen ist, viel zu groß ist und rutscht. Bald bin ich sie los. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Sonderbare Sondierungen
Tage und Nächte im Schein der Argumente oder Argumente zum Schein.
Reporter und Journalistinnen beißen sich mit ihren Fragen die Zähne aus.
Still schweigen die Verhandelnden. Keine Reg(ier)ung.
Aber die Macht ist ein sehr altes Tier. Immer hungrig.
GroKo und Kroko schnappen zu.

 

Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Weihnachtliches Alphabetum

Alle Jahre wieder plötzlich da

Bratapfelduft mit Baumkerzenschein

Cash Cashmerepullover bezahlt

Draußen glüht das Lichtermeer

Eines Jahres am Heiligabend wieder

Flockenwirbelzentimeterhoch

Gänsebratengerippe

Heiligabend aber noch nicht

Immer dieses Warten auf den Weihnachtsmann

Jedes Jahr neu

Kinderaugenlächeln beim Geschenkeaufreißen

Liedersingen bis zur ersten Strophe

Marzipankartoffel als Weihnachtsgemüse

Nichtalleinsein überlebensnotwendig

OmaOpaOnkelbesuch

Passend gemacht Weihnachtskommerz und Christi Geburt

Qual der Geschenkewahl

Rituale – Kartoffelsalat mit Wiener, Ente mit Rotkohl, Nachmittagsspaziergang mit offenem Hosenknopf

Spielen mal wieder Mensch ärgere dich nicht

Tausche Schal gegen Seidenbluse

Umständehalber Hund abzugeben

Vor dem Fest hat fast jeder gute Laune

Weihnachtlicher Geschenketausch von Mann zu Frau zu Oma zu Opa zu Kind und zurück

Xanthippe hat über Weihnachten (Wihenaht – heilige Nächte) Auftrittsverbot

Ysop für die Tage nach dem Schlemmen

Zum Feste nur das Beste – Glück und Liebe und Frieden!

 

Schöne Weihnachten!

 

 

 

 

 

 

 

Stadtspaziergang, Wien

Entzücken über architektur und kaffeehäuser. Ich trinke schönheit, esse punchkrapferl und hefigen strudl. Wann immer ich in wien bin, fällt etwas von mir ab. Vielleicht eine anstrengung, die berlin einem abverlangt: dass man immer so viel trostloses ignorieren muss, um das schöne genießen zu können – sei es grauer beton, schlafsäcke unter brücken oder trauriges gebäck. Hier dagegen sind ästhetik und genuss selbstverständlich.

Wenn man durch diese strassen läuft – mit verwaltungs- und regierungsgebäuden, die älter, höher, reicher sind als alles, was in berlin je gebaut wurde, wo selbst die keller, in denen man shoppen oder clubben geht, mehrere geschosse und hohe, verzierte decken aufweisen – scheint es unglaublich, dass die preußen jemals maria theresia besiegen konnten.

Ich stehe an einer kreuzung, warte bei rot, schaue auf die ampel und muss lachen. Selbst die gibt sich mühe, unser berühmtes ampelmännchen zu toppen. Sie haben zwei ampelwesen hier, ein ampelpärchen steht hand in hand. Ich freue mich über gleichberechtigung im strassenverkehr. Die ampel springt auf grün. Das pärchen läuft los, mit klopfendem herzen zwischen den köpfen.

Während ich über
die strasse schlendere
frage ich mich
was wohl die wiener
queer-community
zu dieser zurschaustellung
von hetereonormativität
sagt.

An der nächsten kreuzung
sehe ich
die antwort

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seitensprünge

Jahresbilanz: keine Ungereimtheiten

… und wieder ist es ihnen gelungen, geschickt und mutig sind sie gesprungen, aus Köpfen in die Tastaturen, auf Server und in Agenturen, in Blogs oder zu den Lektoren*, auf volle Tische, in offene Ohren von Verlegern* und Juroren*, in manche kassennahe Regale oder auf hippe Webportale, unbeirrt auf Lesebühnen => => die Ideen der alphabettínen

(*: na, ihr wisst schon, die ‚innen‘ sind immer und an erster Stelle mitgedacht, reimen sich aber nicht so gut – also doch Ungereimtheiten …)

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bushaltestelle

Trüb der Himmel. Sprühregen und Nebel. Ich ziehe die Schultern hoch und den Schal bis über die Nase. Der Bus kommt. Hat nur noch fünfzig Meter bis zur Haltestelle so wie auch ich. Aber er fährt und kommt näher. Ich warte an der roten Ampel. Autos rauschen vorbei, viel zu viele, viel zu schnell.
Der Bus hat die Haltestelle beinahe erreicht. Ich sehe den Blinker, trete auf der Stelle. Die Ampel springt um.
Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Zieht euch warm an, die Zeit der Windsbraut ist gekommen! Sturmzerzaust braust sie mit gewetzten Zähnen durch schwarzes Gewölk und wirbelt über finsteren Himmeln rasende Schönheit auf. Sie heult um die Ecken vermeintlich sicherer Häuser, in denen Frevel hausen, schreit bis die Fenster platzen und fegt durch schmutzige Stuben, tobt durch missbrauchte Betten, reißt und zerrt am Niederträchtigen bis es in Fetzen liegt …

 

Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Gesucht wird …

Ich verliere oder verlege überaus selten etwas. Vielleicht in zehn Jahren ein Mal.

Aber dann! Aber jetzt!

Vor ein paar Tagen habe ich die blaue Pappmappe im Flur auf dem Schränkchen, später auf dem Schreibtisch gesehen. Aber wo ist sie jetzt?

Ich suche. Ich suche intensiv. Ich räume den Schreibtisch auf und daneben und alle Fächer im Beistellschrank. Nehme Ordner aus dem Regal in die Hand. Alle Ordner. Sicherheitshalber. Vielleicht hat das Unterbewusstsein unbewusst die blaue Mappe in die Sicherheit der Ordner geräumt.

Das Unterbewusstsein hat nicht! Ich frage: Wer hat …  Marion Boginski: Klein(ich)keiten weiterlesen