Alle Beiträge von alphabettinenblog

Über alphabettinenblog

Wir sind die Autorinnengruppe alphabettinen. Einige von uns bloggen im alphabettinenblog in unterschiedlichen Rubriken. www.alphabettinen.de

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

On the road with Élouise – reloaded: Heidelbergblues

Wir gingen hinaus aus dem Feld, dorthin, wo die Stadt ihre Spuren verwischt hatte wie die Buchstaben einer mit Tinte geschriebenen Schrift. Die Stadt hatte sich abmontiert, ihren Standort verlagert. Was blieb, war der helle Zug ihres Namens auf einer schmutzigen Wand. Kein Licht war zuvor unter die Buchstaben gedrungen.

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Maja Linthe: Bloggen mit Mut

Wir treffen uns im virtuellen Blograum und wir treffen uns im realen Berlinraum, dort hinter verschlossenen Türen. Im Blograum sind wir uns manchmal nicht bewusst, dass da noch andere anwesend sind – außer uns. Wir verhalten uns im Blograum so, als würden wir zuhause am Schreibtisch sitzen und unseren Text aus dem Fenster rufen. Es hören uns nicht viele, denn unser Schreibtisch steht im 4. Stock und unten ist es laut, viel Verkehr. Und doch ist der Blog etwas dazwischen, zwischen dem Schreiben am Schreibtisch und dem Treffen im öffentlichen Raum. Unten auf der Straße könnte uns jemand hören, trotz lautem Verkehr, und bei uns klingeln. Dann müssten wir eigentlich öffnen, ihm oder ihr alleine Rede und Antwort stehen, denn weshalb sollten wir sonst aus dem Fenster rufen? Und natürlich hören wir uns gegenseitig zu, weil wir aufmerksam sind, füreinander. Denn wir schreiben alleine und wir schreiben als Gruppe, wir schreiben füreinander und wir schreiben für andere, am Schreibtisch und aus dem Fenster rufend. Wir schreiben dazwischen im Blog. Maja Linthe: Bloggen mit Mut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Eineliebeserklärungandenblog

Lichtschatulle

Das Licht war ausgesperrt und kam doch herein, fiel durch Gitterstäbe und Scheiben. Wir waren froh, dass wir hinausgehen konnten zum Licht, das Sonnenlicht war und Spiegellicht, Blätter- und Bodenlicht, Wand-, Holz- und Glaslicht, Drinnen- und Draußenlicht, lautes und leises, glänzend und stumpf. Fleckiges gab es auch. Ich lichtete es ab, um es aufzuheben für Tage mit Regen und schwarzem Wind. Ich machte Fotos vom Licht, um sie in eine Schatulle zu legen, die mit Samt ausgeschlagen war. An einem dieser Tage, die nach feuchtkalten Straßenbahnen rochen, wollte ich sie hervorholen, gemeinsam mit Élouise. Wir würden den Deckel erst nur einen Spalt breit öffnen, das Licht quölle dabei an den Seiten heraus. Und während Élouise den Deckel aufklappte, um die Bilder zu betrachten, könnte ich Sonnenwärme spüren zwischen den Knöcheln, auf dem Rücken meiner schon alten Hand. (aus:On the road with Élouise 57)

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Liebe S.,
dein Bruder hat mir deine Texte gezeigt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen. So viele hast du ihm zurückgelassen, als wolltest du sicherstellen, dass wenigstens einige davon gelesen werden. Das nehme ich als Zeichen.

In der Brückenstraße, wo du deine Wohnung hattest, habe ich dich manchmal gesehen. Du warst eine Schreibende so wie ich, aber eine, die die Lippen bewegte beim Schreiben. Überall in der Stadt hast du geschrieben, an die Hauswand gelehnt, auf einem Mäuerchen sitzend, an der Straßenbahnhaltestelle, mitten auf der Verkehrsinsel, sogar dort hast du schreibend gesessen und die Lippen bewegt dabei. Verständigt hast du dich mit niemandem mehr. Trotzdem hast du, als du gestorben bist, deine Texte zurückgelassen, war die ganze Wohnung gefüllt mit von dir beschriebenen Seiten, die ich deinen Bruder bat mir zu zeigen.

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Standort Berlin

Ich bin wieder in Berlin, teile hiermit meinen Standort mit euch. Ich bin wieder in Berlin, zunächst in Kreuzkölln um genau zu sein, ein Bezirk, den es, als ich fortging von hier, so noch nicht gab. Und, dass ich wieder in Berlin bin, stimmt eigentlich nicht, weil dieses Ich, welches jetzt das meine ist, so noch niemals in Berlin war, eine binsige Wahrheit, die sowohl auf Berlin zutrifft, als auch auf mich. Manchmal treffe ich Berliner*innen, die heimlich älter geworden sind, die ich nur von der Straße kenne, deren Namen ich weder heute weiß noch damals wusste. Nur meine Freundinnen altern gemeinsam mit mir, begleitetes Altern sozusagen, was tröstlich und schön ist, denn das Alter kann cool sein und entspannt, hier in Berlin allemal. Und so sammle ich meine Freundinnen wieder zusammen, in Kreuzberg und Alt-Treptow, bringe uns auf den neuesten Stand, Berlin und mich, umarme die Alten im Neuen und die Neuen im Alten. Demütiger sind wir geworden, auch weil die Mehrzahl der Jahre nicht mehr vor, sondern hinter uns liegt. Und die Demut steht uns gut. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Per Anhalter unterwegs in Israel

Am Shabbat des Pessach-Festes sind wir von Haifa nach Tiberias getrampt.
Als wir in Haifa mit unserem Schild an der Ausfahrtstraße im Regen warteten, sammelte ein Obdachloser an der Bushaltestelle Flaschen. Er kam extra zu uns herüber, um unser Schild anzuschauen, auf das wir „Tiberias“ geschrieben hatten, und uns wild gestikulierend in Hebräisch auf den einzigen Bus zu verweisen,  der noch aus der Stadt heraus fuhr. Wir sind seinem Rat gefolgt, sind mit dem Bus aus der Stadt herausgefahren und haben uns dort an die Autobahn gestellt. Insgesamt haben uns vier Autos mitgenommen. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stillleben mit Händen

Wenn ich die Hände auflege beim Tippen, kann ich ruhig sein beim Schreiben, bette Handballen auf  Kissen aus Gel, entspanne die Schultern. Zum Nachdenken schaue ich fensterwärts, dann wieder auf die Hände hinunter. Unbeteiligt und still liegen sie auf den Tasten herum, so als ob es doch nicht die meinigen wären. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren stockte die Zeit zwischen gestern und morgen wie eine Single auf dreiunddreißig und füllte den Spalt mit Traurigkeit. Nur wer die Zähflüssigkeit der Trauer spürte, war hellsichtig genug, konnte die feinen Fäden erkennen, gesponnen von der Zeit zwischen den Jahren wie zwischen den Lebenden und ihren Toten.

Und am letzten Tag zwischen den Jahren teilten wir einen Baum als unseren Standort auf WhatsApp, bis wir viele waren mit von Trauer geschärftem Blick. Wir schalteten auf Flugmodus, fassten uns wortlos an den Händen und erhoben uns in die Dunkelheit der Luft mit noch leuchtenden Displays in unseren Hosentaschen. Unsere Schuhbänder verhedderten sich in den Ästen des Baumes und wir strampelten uns frei, ließen die Schuhe zurück. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen