Alle Beiträge von carmenwinter

Postkarte aus LÜBBEN

Lübben hat die Kahnfahrten und das Schloss. Lübben hat Gurken-Paule und die Paul-Gerhardt-Kirche. Lübben hat die Schlossinsel und das Hügellabyrinth. Es ist ganz einfach, sich im Labyrinth zu bewegen. Es ist ganz einfach, zum Mittelpunkt zu finden und wieder heraus. Geh nicht den kürzesten Weg. Der kürzeste Weg führt immer in eine Sackgasse.

Postkarte aus Angermünde

Im neueröffneten Museum im Haus Uckermark stand es vor mir, das Modell des blauweißen E 512. Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, summte es in meinem Kopf. Sehr früh ging sie zur Arbeit, wenn sie auf den Mähdrescher stieg. Aber bevor sie die Ernteschlacht schlug, reisten wir im himmelblauen Trabant quer durch das Land und machten Urlaub an der Ostsee. Es waren heiße Sommer. Aber die Sehnsucht nach Veränderung wuchs im Land. Konzerte mit Bob Dylan und dem Boss konnten das Verschwinden des Landes, in dem der E 512 im Sommer über die Felder fuhr, nicht mehr aufhalten.

Postkarte aus der Galerie

Der Vorhang hebt sich, sagt sie. Sie können hier durchgehen, sagt er, dann hören Sie Töne.

Ich gehe hindurch und herum und hinauf. Ich höre die Töne, ich sehe den Vorhang. Bunt ist der und er hebt sich noch nicht.

Aber morgen, morgen wird der Vorhang aufgehen und dann: Theater, Kino, Konzert,Lesung, Ausstellung. Begegnung, Gespräch, Futter fürs Gehirn. Lächeln.

(Rauminstallation „Der Schleier hebt sich“ von Kerstin Hoffmann in der Spectrum Galerie Kunigam)

Postkarte aus Aurith/Urad

Schöne Grüße von der Oder!
Ich weiß nicht, ob die Oder besungen wurde, wie der Rhein oder wie die Saale. Ich weiß, dass Günther Eich schrieb: „Oder, mein Fluss.“ Aber vertont wurde dieses Gedicht wohl nicht. Vielleicht gibt es polnische Lieder über die Odra. Soll ich eine Suchmaschine fragen? Es ist nicht so einfach, mit dem Begriff ODER in Suchmaschinen zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen.

Wenn ich an der Oder entlang radele, lausche ich den Liedern der Vögel. In meinem Kopf summt es. „Muss i denn, muss i denn ..“ Ja, ich muss hinaus! An den hellen Strand der Mutter Oder. Dahin, wo die Angler aufs Wasser starren, wissend, dass tief unten der Wels wartet.

Postkarte aus dem TUNNEL

Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.
Stell ihn auf langsames Tropfen ein.
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
stell den Motor ab. Zähl die Tropfen.
Zähle eins und eins und zwei und drei und fünf und acht und
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.

Postkarte aus dem KINDHEITSLAND

Als ich ein Kind war, fiel der Schnee in dicken Flocken. Mit weißen Tüchern deckte er die Fensterbretter zu, den Hof und das ganz Dorf. Wir rodelten. Die Großen schnallten die Skier unter. Wir bauten Schneemänner und lernten das Gedicht von den hungrigen Vögeln im Winter. „Buntspecht, komm nach vurn. Buntspecht, hier ist dein Wurm. Und besten Dank für die Arbeit.“

Einmal fiel der Schnee und fiel und fiel und hörte gar nicht mehr auf zu fallen. Die Großen nahmen die Schaufeln und schaufelten Gänge vom Haus zur Straße und vom Haus zum Holzschuppen und vom Haus zu den Hühnerställen. Wir formten Ziegel aus dem Schnee und bauten mitten im Garten einen Iglu. Nur ich konnte darin aufrecht stehen.

Postkarte aus Diensdorf-Radlow

Ich bin kein Stück voran gekommen.
Wasser, Spiegelungen. Immer gleich, egal an welchem Ort.

Aber ich weiß jetzt, auf wen ich warte. Auf Undine. Sie hat uns was zu sagen. Jetzt. Sie kann überall aus dem Wasser steigen. Die Meere dieser Welt sind miteinander verbunden. Das Märkische Meer mit dem Mittelmeer, mit der Ostsee, mit dem Pazifik.

Ich warte und schweige. Es raschelt im Schilf.

Postkarte aus Wolsztyn

Zuerst dachte ich, es wäre Nebel. Aber es war Dampf. Dampf von den Lokomotiven, für die Wolsztyn berühmt ist. Als der sich verzog, wurde die Stadt sichtbar und die Menschen.  Alle waren festlich gekleidet. Die Frauen dufteten nach Parfüm. Die Männer rückten ihnen die Stühle hin, wenn sie sich in den Cafés setzten. Die Blumen auf dem Platz vor dem Rathaus und die auf den Soldatengräbern tauchten aus dem Dampf auf, die Möwen und die graugetigerte Katze, die zum Angeln ging. Lachend liefen die jungen Mädchen vor uns her.  Auf der Straße wurden Schulhefte verkauft. Es war der erste September.