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Postkarte aus LAUCHHAMMER

Liebe Anja, liebe Mitleser,
ich schreibe Euch aus Lauchhammer. Hier wird auch geschimpft. „Der Holländer, das Dreckschw…“ sagte ein Mann der mir vorhin auf dem Bürgersteig entgegen kam. Er sagte es mehr zu sich, aber doch so laut und so deutlich, dass ich es hören musste. Ich wusste, was er meint: In Lauchhammer stinkt es zum Himmel. Ein Landwirt verteilt Gülle auf seinen Feldern. Ich kenne den Geruch nur zu gut, bin ich doch auf dem Lande groß geworden. Die Nase gewöhnt sich nicht daran.
Vielleicht wird eines Tages erfunden, dass wir nicht nur Bilder, Texte, Töne und Filme virtuell austauschen können, sondern auch Gerüche. Dann schicke ich Euch Geruchspostkarten.

Grüße an die Ellerbecks, in Gottes Namen.

 

Postkarte aus EBERSWALDE

Diese Stadt wandelt sich, hat sich gewandelt, verwandelt, eine Metamorphose durchschritten, wurde vom Aschenputtel zur Prinzessin. Hier spielt eine ganz frühe Kindheitserinnerung. Ein großes altes Haus, ein altes Ehepaar in einer staubigen Wohnung. Onkel und Tante sagte mein Vater zu ihnen. Da stand eine Puppe mit einem weiten schwarzen in tausend Falten gelegten Rock auf einer Anrichte. Porzellankopf. Es kann ein Kaffeewärmer gewesen sein.
Ich wandle durch meine Erinnerungen.
Vor der Verwandlung:  Russenmagazin, Moskauer Eis, Mischkakonfekt, schmutziger Bahnhof, Spritzkuchen, Tierpark. Nach der Verwandlung: Spritzkuchen, Tierpark, Jazz, Eberhard & Bernadette, Kunstblumen auf dem Rasen, alphabettínentreffen, Weiße Schatten der Endmoräne, Goldschatz, Messingwerksiedlung, Paul-Wunderlich-Haus.

Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.

Postkarte aus KLÜTZ

Ich fand einen Speicher, in dem Getreide gespeichert wurde. Es rieselte von Etage zu Etage durch das ganze Haus. Ich fand einen Speicher, in dem Literatur gespeichert wird. Texte, Wörter, festgehalten an den Wänden, in Büchern, auf Tonträgern. Uwe Johnson war hier – eigentlich nicht. Oder doch? Ist Klütz = Jerichow? Eigentlich nicht – oder doch? Der alte Speicher versucht, ein Leben und ein Werk zu fassen, Fakten und Fiktion. Tür und Fenster stehen offen. So kann das eine oder andere entweichen. Und ich konnte eintreten. Ich fand die Katze Erinnerung. Die kroch mir in den Jackenärmel.

Postkarte aus KÖNIGS WUSTERHAUSEN

Es regnete, es war dunkel und kalt. Ich hatte Hunger. „Tausche alte Kaffeekanne gegen Tasse Kaffee“ las ich am Schlosskaffee. Ich hatte keine Kaffeekanne dabei. Also weiter. In der nächsten Gaststätte wurde ein Geburtstag gefeiert. Der DJ hatte die Bässe bis zum Anschlag hoch gefahren. „Bella ciao„, „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär“ und das Rennsteiglied spielte er direkt nacheinander. Ich löffelte meine Tomatensuppe. Die Ohren kann man nicht schließen.

Postkarte aus Kołobrzeg

In Kołobrzeg schwammen die Fische im Wald umher. Nachts sahen wir UFOs am Himmel und der Bogen einer Brücke leuchtete in Gelb, Blau, Grün, Orange und Rot. Vor dem Rathaus nahmen die Menschen auf einem roten Sessel aus dem Weihnachtsmannland Platz und ließen sich fotografieren. Im Schaufenster standen Marilyn und Rambo beieinander. Sie flüsterten sich etwas zu. Ich konnte es sehen, aber nicht hören. Ich habe die Möwen und die Dohlen gefragt, was hier geflüstert wird. Ich habe den Leierkastenmann gefragt und seine Papageien. Ich habe keine Antwort bekommen. Es regnete die ganze Zeit.

Postkarte vom OHRFELDHAFF

 

Ohrfeldhaff, Niesgrau – das sind Orte, die mich allein wegen ihrer Namen neugierig machen. Ich sehe ein Feld, auf dem Ohren wachsen. Ich lausche.  Ich höre graue Wolken niesen. Ich sehe das Meer. Ich sehe eine Stadt, einen Hafen. Der Himmel ist grau. Der Regen jagt mich nach drinnen, in eine Aalräucherei. An der Tür Poesie: Sage Kapseln nie Adieu ohne einen Aal von Föh.

PS: Als Souvenir  bringe ich außer dem Aal eine graue Regenjacke mit.

Postkarte aus FRANKFURT (ODER)

Vor 30 Jahren bin ich hier her gezogen. Damals war Frankfurt noch Bezirksstadt. Die erste Wohnung hatte Ofenheizung und einen Nachbarn, der den Schlüssel nahm und heizte, wenn wir im Winter mal eine Woche weg waren.
Ich erinnere mich, das ich immer müde war. Auch im Büro musste morgens ein Ofen geheizt werden. Es war das Büro des Bezirksliteraturzentrums. Der Platz auf einer Postkarte reicht nicht aus, um zu erklären, was das für eine Einrichtung war.
1988 habe ich natürlich nicht gedacht, dass ich 2018 immer noch in Frankfurt (Oder) leben würde.

Postkarte aus Groß Breesen

Hier hinterm Haus sitzen und lesen. Das Gemurmel der andern Gäste hören. Über der Schafweide die Schwalben – knapp überm Boden. Zwitschern, Blätterrauschen. Ein Stück gehen, in die Bücherscheune gucken, zurückkehren, einen ganz großen Eisbecher mit Erdbeeren essen, weiter lesen. Zwischendurch ein Foto machen für die Postkarte aus Groß Breesen. Dann ein großer Raubvogel überm Haus. Leider erkenne ich sie immer noch nicht am Flugbild.