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Postkarte aus Wolsztyn

Zuerst dachte ich, es wäre Nebel. Aber es war Dampf. Dampf von den Lokomotiven, für die Wolsztyn berühmt ist. Als der sich verzog, wurde die Stadt sichtbar und die Menschen.  Alle waren festlich gekleidet. Die Frauen dufteten nach Parfüm. Die Männer rückten ihnen die Stühle hin, wenn sie sich in den Cafés setzten. Die Blumen auf dem Platz vor dem Rathaus und die auf den Soldatengräbern tauchten aus dem Dampf auf, die Möwen und die graugetigerte Katze, die zum Angeln ging. Lachend liefen die jungen Mädchen vor uns her.  Auf der Straße wurden Schulhefte verkauft. Es war der erste September.

Postkarte aus dem Regio

Liebe Bettine A., B’tynA, Betty,
ich hätte dich so gern getroffen in Berlin, in der Großstadt. Mit dem Regio wollte ich zum vereinbarten Termin. Ich war mir sicher: du wirst diesmal kommen, da sein. Die Umstände wären seltsam genug gewesen: distanziert.
Allerdings – ich blieb auf der Strecke, in der Provinz.
Ein verdächtiger Gegenstand liegt im Gleis, hieß es. Die Polizei beschäftigt sich mit dem Ding.
Betty? Hast du einen verdächtigen Gegenstand ins Gleisbett gelegt? Wolltest du wissen, was passiert? Wolltest du sehen, wie ich in Erkner aus dem Zug steige, zur S-Bahn gehe, die Anzeige lese: Schienenersatzverkehr (Worte, über die ich noch nachdenke … Schienenersatz, verdächtiger) Betty? Hätte ich nur richtig hinschauen müssen? Warst du die im gelben Kleid, die in der Menge verschwand? Hast du gesehen, wie ich die Treppe hinunterstieg, wie ich mich auf dem Bahnhofsvorplatz umschaute. Kein Verkehr, nur Schilder und Wartende. Standest du da unten am provisorischen Haltestellenschild, Betty? Warst du die mit dem Klapprad? Hast du gesehen, dass ich zurück ging zum Regio, den Lokführer fragte, ob er zurück fährt und wieder einstieg? Hast du gesehen, wie die Türen sich schlossen und der Zug wieder anfuhr – zurück, zurück, zurück?

Postkarte aus meiner Wolke

Ich bitte um Eintritt. Ich werde aufgefordert, einzutreten. Wir checken Ihre Kamera. Wir checken Ihr Mikrofon. Hören Sie den Ton? Wo kann ich mich setzen? Wir wechseln hier ständig die Plätze. Wir ändern auch unsere Namen. Manchmal hilft es, den Raum kurz nochmal zu verlassen. Was stand an der Tür? War ich im falschen Raum? Schon wieder verirrt? Oder ist es die falsche Zeit? Ich verlasse den Raum. Wer schließt die Tür hinter mir?

Postkarte aus meinem Schubfach

Nein, ich habe noch nicht alle Schubkästen und Schränke aufgeräumt. Im Garten wächst noch Unkraut. Es stehen immer noch ungelesene Bücher im Regal, die Fenster sind noch nicht geputzt und der Schal ist auch noch nicht fertig gestrickt. Aber ich schreibe: Briefe, Postkarten, Tagebuch, Blogbeiträge, Gedichtzeilen, E-Mails und am Manuskript fürs nächste Buch.

Postkarte aus Leipzig

Meine Güte, war die Karte aber lange unterwegs! Vor Weihnachten schon abgeschickt. Mal gucken, was drauf steht.

— Schöne Grüße aus Leipzig. Schade, dass wir uns nicht gesehen haben. Aber ich bin ja bald wieder hier. Wir sehen uns zur Buchmesse im März. —

Tja, und nun? Ich hab gehört, es soll eine virtuelle Buchmesse geben. Virtuelle Spatzen mit virtuellen Krönchen auf ihren Vogelköpfchen zwitschern es von virtuellen Dächern.

Na ja, nicht verrückt machen lassen. Es liegen genügend Postkarten im Schubfach und Briefmarken hab ich auch auf Vorrat gekauft.

Postkarte aus LAUCHHAMMER

Liebe Anja, liebe Mitleser,
ich schreibe Euch aus Lauchhammer. Hier wird auch geschimpft. „Der Holländer, das Dreckschw…“ sagte ein Mann der mir vorhin auf dem Bürgersteig entgegen kam. Er sagte es mehr zu sich, aber doch so laut und so deutlich, dass ich es hören musste. Ich wusste, was er meint: In Lauchhammer stinkt es zum Himmel. Ein Landwirt verteilt Gülle auf seinen Feldern. Ich kenne den Geruch nur zu gut, bin ich doch auf dem Lande groß geworden. Die Nase gewöhnt sich nicht daran.
Vielleicht wird eines Tages erfunden, dass wir nicht nur Bilder, Texte, Töne und Filme virtuell austauschen können, sondern auch Gerüche. Dann schicke ich Euch Geruchspostkarten.

Grüße an die Ellerbecks, in Gottes Namen.

 

Postkarte aus EBERSWALDE

Diese Stadt wandelt sich, hat sich gewandelt, verwandelt, eine Metamorphose durchschritten, wurde vom Aschenputtel zur Prinzessin. Hier spielt eine ganz frühe Kindheitserinnerung. Ein großes altes Haus, ein altes Ehepaar in einer staubigen Wohnung. Onkel und Tante sagte mein Vater zu ihnen. Da stand eine Puppe mit einem weiten schwarzen in tausend Falten gelegten Rock auf einer Anrichte. Porzellankopf. Es kann ein Kaffeewärmer gewesen sein.
Ich wandle durch meine Erinnerungen.
Vor der Verwandlung:  Russenmagazin, Moskauer Eis, Mischkakonfekt, schmutziger Bahnhof, Spritzkuchen, Tierpark. Nach der Verwandlung: Spritzkuchen, Tierpark, Jazz, Eberhard & Bernadette, Kunstblumen auf dem Rasen, alphabettínentreffen, Weiße Schatten der Endmoräne, Goldschatz, Messingwerksiedlung, Paul-Wunderlich-Haus.