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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Vor der Tür stehen, das heißt ja: Nicht mehr lange,
bis es kommt, gleich, gleich.
Ein Countdown der besonderen Art ist der Kalender mit den 24 Türchen. Nur ein bisschen Schokolade, ein buntes Bild, die Kinder freuen sich.

Kinder? Wie jetzt, Kinder? Und die Erwachsenen?
Die brauchen das doch auch, noch viel dringender sogar, sich überraschen lassen, wo gibt es das denn noch in Zeiten des Word Wide Web, wo wir schon vorher wissen, wie das Klo aussehen wird, in das wir im Urlaub pinkeln werden, welche Ecke am Strand zu meiden ist, weil das angeschwemmte Plastik den Meerblick trübt. Türchen also, wunderbar, und wo die Kleinen klein, sind die Großen groß, größer, gigantisch. Schokolade war einmal. Und Türchen auch. Jetzt sind es Säcke, Pakete, Ungetüme im Schrankformat. Der Adventskalender wird zum Statussymbol. In 24 Raten abstottern, was schiefgegangen ist übers Jahr, damit Frieden herrscht zum Fest. Die Premiumausgabe ist schon für knapp 230 Talerchen zu haben, Peanuts das alles, Zinsen gibt’s ja nicht, bloß weg mit dem Geld. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen


Der Algorithmus ist keine Erfindung des Internets, ist ein Unkraut, das wuchert und austreibt und sich zwischen all die zarten Pflänzchen des Möglichen drängt. Wenn Baby, dann Wiege, wenn Mädchen, dann rosa, wenn rosa, dann Puppe und Ponyhof. Anziehen. Vom Leibe halten. Die Haut wächsern unter dem Make-up, die Decke gläsern und doch aus Beton. Job und Geld, ab und zu, wenn alle anderen zufrieden sind. Familie und Ehrenamt. Rückenschule und Abendkurs. Auch mal Nein sagen. Fünf Doppelstunden und Praxisteil. Gepflegt altern. Zur Tafel gehen oder tafeln gehen auf hoher See. Wenn Kreuzfahrt, dann Cocktailkleid. Zum Schluss wieder Puppe. Roboter aus Plüsch rollt mit den Augen, gibt Pfötchen und zaubert ein Lächeln. Für sie allein.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Die Nacht wird nicht dunkel. Kaum ein Stern ist zu sehen, stattdessen die roten Lichter der Baukräne über den Dächern der Stadt. Turmhoch die Gebäude, die Preise, die Erwartungen. Der flexible Mensch des 21. Jahrhunderts macht sich immobil. Oder zockt und setzt auf Leerstand. Gedränge in den Fluren, auf den Bürgersteigen. Alle Parkhäfen sind belegt, alle Parkbänke auch.


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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Plastikmüll

Der Grill so groß wie ein Mittelklassewagen. Das arme Schwein ist halb verkohlt. Der Fisch trägt mehr Plastik in sich als der Teller, auf dem er gleich landen wird. Das in Würstchenform gepresste Phytoöstrogen hält Abstand zu all dem Tierischen. Fett trieft. Dämpfe wabern. Männer greifen zu. Frauen lassen das Brot weg. Und die Kräuterbutter. Und die Steaksoße. Unter dem Tisch speisen die Mücken, saugen das frisch getankte Eisen aus rasierten Beinen. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Mitgemeint

Verborgen in den Tiefen der sprachlichen Gewohnheit, spüre ich die Sehnsucht nach dem explizit Weiblichen, das in seiner ureigenen Form leider selten zu finden ist, in der Regel verschwiegen und auch sonst viel zu häufig beiseitegeschoben, allein dort plakativ ins Bewusstsein gerückt, wo es ziemlich nackt dasteht.

Seit jeher. Ist das so. Zwar will unsere Gegenwart längst eine andere sein, doch das andere wird laut Duden nun einmal bevorzugt kleingeschrieben, während das Weitere immer groß daherkommt und deshalb seinen Platz verteidigt gegen jeden Widerspruch, der kein Schon- wieder-Spruch ist. So bleibt die Kundin auch zukünftig ein Kunde für die Bank, die sich die Frau wohl gar nicht vorstellen kann, wenn es ums Geld geht oder ums Vermögen in diesem brüderlichen Vaterland, das sich auch nicht neu denken lassen will.

Und dann höre ich folgenden Dialog:
Kind: Wofür ist denn das Geld hier in der Schale?
Mutmaßliche Mutter: Für die Putzfrau.
Zu diesem Zeitpunkt ist weit und breit kein Mensch zu sehen, der oder die zum Reinigungspersonal gehören könnte, und doch ist das generische Maskulinum ganz schnell und selbstverständlich von der Bildfläche verschwunden, hat sich aus dem Staub gemacht und verlangt nach keinem Richter und auch nach keiner Richterin, es zum Maß aller Dinge zu erheben. Dem Kind werden die wenigen Münzen als kümmerlicher Lohn erscheinen. Na ja, für solchen braucht’s ja dann auch keine Bank.