Alle Beiträge von koemstedt

Nachtschattennotizen im Tagwald

alphabettínischer schreibverkehr 

jüngst arrangierten wir uns mit einer
coronaverkehrten burgetikette
(burgerkette? zugbrückenkette?)

wir tagten auf einer burg lauter nette
autorinnen aus berlin 
und verkehrten die welt in unseren texten
so wie sie uns jeweils gefällt

wir dachten uns aus unter unseren masken
eine schnellstmögliche coronaminimierung 
durch bestmögliche coronamation
dank ableitung aller ansteigenden zahlen in
die coronalisation

wegen dann einsetzender wortfindungsstörungen 
ausgelöst durch einen anhaltenden burgmuseumsalarm 
stand plötzlich korana im raum, keine wusste, wie sie 
hineingelangen konnte zu uns in unser luftiges krähennest
im burgfried, ganz oben

(von dort hörten wir aufgrund des lüftungsgebots, der offenen fenster
besonders eindrücklich das zugbrückenkettenrasseln im ganzen land)

Nachtschattennotizen im Tagwald

wenn mond, dann liebe

jetzt hing er wieder solo rum. mehr noch: durch.
verhangene stimmung in seinen entrückten sphären.
nur noch die hälfte seiner selbst.
allein allein. alleiner geht nicht.

„cuando luna, amore…“ in dauerschleife. 
ging nicht mehr aus seinem kopf.
eine melodie dazu wusste er auch.

anubis hieß er. bei den wolken, oder?
fünf jahre latein, von totengöttern aber wenig ahnung.
hauptsache mond, anubis hatte das von anfang an so gewollt.
ob voll ob halb ob sichel, hauptsache mond war anubis‘ bedingung.

er hatte es nicht hinterfragt. 
„cuando luna, amore…“ 
immer nur dieser teil eines, wie er meinte, liedrefrains,
seit wochen schon, immer nur „cuando luna, amore…“.

mehr text fiel ihm partout nicht ein.
gab es dieses lied überhaupt?

heartbeat missing

bettine a wohnt nicht wie wir. vermutlich wohnt sie gar nicht. nirgends.

bettine a nennt sich schon länger nicht mehr so, siehe ihr letzter post, b’tynA, du schreibst ja mit, liest mit hier, bist unser heimlicher herzschlag als mitbegründerin, eine primärbettíne, alpha-bettíne par excellence. und angeblich seist du in der stadt. aufregend!

nur leider bist du donnerstag wieder einmal nicht erschienen in unserer runde, wir alle hatten es uns erhofft. und machen uns langsam so unsere gedanken, ob es dich außer als omnipräsentes, flirrendes netzwesen noch gibt. in echt.

ich habe mir erlaubt, am nächsten tag, gestern also, deine neue adresse aufzusuchen. unangemeldet, das musste schiefgehen, deine tür blieb verschlossen.

auch im souterrain habe ich es vorsichtshalber versucht, du hattest schon immer einen draht zu unterwelten. nobody. 

und während ich da etwas verloren in deinem urban industrial kiez herumstand, unschlüssig, ob ich dich drahtlos zu erreichen versuchen sollte, hatte ich ein déjà-vu.

schon einmal stand ich so vor deiner verschlossenen tür. lange ist’s her. aber geändert hat sich wenig an deinem wohngeschmack.

vielleicht liegt es an der sargassosee, über der du geboren wurdest, hoch in den lüften. ein gewaltiger strudel aus braunalgen bildet ihr zentrum, und wenn diese blühen, leuchtet es grün, von oben betrachtet ein riesiges smaragdgrünes meerauge, es hatte dich von anfang an im blick. (not to mention welch augenfarbe die deine ist.)

vermutlich wohnst du gar nicht. nirgends. netznomadin. we wouldn’t be surprised. wirst du uns das bei gelegenheit verraten? UND: when will we meet again?

Notizen aus dem Papierkorb

hochsicherheitsgefühl (an oper oslo)

es scheint des menschen machwerk flach und plan geworden
// click touch und touch und wischen seitwärts (vision) nicht vergessen //
der mensch er wirkt nicht mehr ins weite offene
(tat er’s denn je) (vision impossible)

er werkelt  
werkelt kleinteilig vor sich hin 
so planquadratisch sei welt einfangbar

und dabei hoffend betend es mögen
die börsenverfitzelten kursverlaufskurven 
doch hoch hinaus schraubend die salden und margen
in himmels gefilde sicher verbringen 
und dort auf heimlichen konten
gebunkert werden rückkopplungsfrei
no feedback nicht zurückgefüttert tax free for free

visionen wirkungsfrei und konjunkturbereinigt
so algorithmisch smart verbürgt von geisterhand
wohlgeborgen hinter entspiegelt glasklaren screens
rückkopplungsfrei no feedback nicht zurückgefüttert auch
das eigne antlitz schmerzfrei gebleecht 

eben und plan und schräges exakt berechnet
so lässt sich lässig kultur genießen (immer: go west)
bei angenehmen fallhöhen wohl kalkuliert
die da wären höchstens virtuell zu verschmerzen 
(auf samtrot gepolsterten sitzen nach großmüttersundväters sitte) 

Notizen aus dem Papierkorb

als hätt die erde den himmel

ich stand vor einem monolithen aus glas und stahl und wurde nüchtern ums herz
wie er so wild ankernd in blauen tiefen 
ehern verkeilt in den ihn fliehenden äther
sich schob floor um floor ins offene nichts
es zu erschließen

ich wich einen schritt zurück in taghelle nacht
ein blasser mond tanzte verschämt in der ecke
vergilbte teppiche flogen auffordernd umher
aus zeiten noch echter gemäuer
niemand stieg auf

augenlichter suchten nach halt
(meines war auch unter ihnen)
und trafen sich mal in der milchbar
mal links hinterm canale grande
(der eigentlich canal street hieß)
wo bereits anderes schattengewächs
luftwurzeln geschlagen hatte
im sog des nichtsagbaren/ unmöglichen/ des
unverschämt nackten soseins

es ist wie es ist flüsterte mir jemand zu
das hieße es auszuhalten

ich krallte ihn mir und sagte ihm dies:
dein alles zersetzender realismus dein gestus
des zeigefingers macht mir das mondlicht kaputt
und dann?
dann fallen die schafe vom himmel
die spur des südens wird sich verflüchtigen in
kondensstreifen bar jeden sinns
dann werden auch diese schwinden
nur vögel werden noch zeugen vom fliegen
vereinzelt vielleicht ein teppich
und wer es sehen mag
ein durstiger fisch

Notizen aus dem Papierkorb

 

II: wir zählen :II 

: weißt du wie viel sternlein : mücklein : fischlein :

: kinder frühe stehn aus ihren bettlein auf :

ich habe begonnen, listen zu schreiben 

ist ein bisschen wie tote zählen

zwanghaft, beinahe 

was gelistet ist, ist gebannt

gezählt, erfasst

dinghaft und welt wieder beschreibbar gemacht

: flüchtlingskinder, vielleicht aufzunehmende :

: coronakollerwochen, pro woche ein ritzer im alten tisch :

: fenster, zu putzende :

: ostereier, gefundene :

: kilometer, gerannte – könnte die app für dich :

: kalorien, verbrannte – könnte die app für dich :

: atemschutzmasken, nicht angekommene :

: bäume, gefällte : 


: mäuse, gefangene :

: mäuse, monetäre :

: tore, virtuell gefallene :

: betten, noch bereitzustellende :

: coronafälle – könnte die app für dich:

: coronatote – könnte die app für dich : 

: coronaverdächtige in deiner nähe – könnte die app für dich :

allein auf verlorenem posten 

: existenzen, scheiternd, scheidend :

: existenzangst, unzählbar : 

: kinder, hungernd : frauen, geschlagen : missbrauch, unzählbar :

: demente, durchdrehend : behinderte, verzweifelnd :

: alte, sehr alte, gar nicht so alte, vereinsamend :

Freud schrieb: Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, 

ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.

ich habe begonnen, listen zu schreiben 

ich beginne außerdem allergisch zu reagieren

auf die wortfamilie corona

meine gedanken entwickeln ausschlag, der langsam auf die texte übergeht

(rote, juckende pünktchen, kaum sichtbar)

ungesunde texte

ich gebe auf (schreiben, zählen, listen erstellen) und installiere die APP

hasch mich, ich bin das virus (beispiel für ungesunden text)

II: gott der herr hat sie gezählet dass ihm auch nicht eines fehlet :II

Wiki: Das „Zählen“ ist im Alten Testament ein göttlicher Herrschaftsakt,

der dem Menschen nicht zusteht.

so lasset uns singen das alte lied von der menschlichen 

: selbstermächtigung : 

: hypbris : 

: krone der schöpfung : 

neu

II: corönchen der schöpfung :II

II: the counting must go on :IIII: foreveeeeeeeeeeeeer :II

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

anglerlatein

fenster traten aus den mauern hervor

türen gingen auf die straße hinaus

ein lichtkegel fiel auf eine frau

AUTSCH sagte die frau kurz abgelenkt 

von dem schlag auf ihren kopf

und wäre beinahe mit einem gartentörchen

zusammengestoßen das es offensichtlich eilig hatte

und aufgrund seiner niedrigen höhe des öfteren

übersehen angerempelt auch umgerannt wurde

immerhin (aus sicht des gartentörchens) waren kaum noch 

menschen auf den straßen zu sehen 

seit die welt gänzlich aus den fugen geraten war

oder soll ich sagen aus den angeln

oder den zaunpfahl schleunigst wegpacken

und einfach nur berichten

fenster traten aus den mauern hervor wie augen aus ihren höhlen

türen gingen auf die straße hinaus und entledigten 

sich so (hie und da erleichtert seufzend) ihrer verschlossenheit

die frau hielt sich gerade die nase zu 

(die häuser atmeten mundgeruch)

als der lichtkegel

sie traf und auf dem asphalt zersprang

alles weitere blieb im dunkeln

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

herbsttag // ländliches wohngebiet // der sommer war zu heiß

nachbar ellerbeck brüllt im garten seine frau an: 

(ich ducke mich schnell in die beete, blätterdeckung kaum noch gegeben; ellerbecks herrischer schatten ist mächtig)

„ausm bauch raus is drauf geschissen! auf dein ewiges bauchgefühl!“

frau ellerbeck pariert: „aus deinem bauch raus kommt immer noch mein essen. gefühle: fehlalarm!“ daraufhin er: „und wenn ich’s dir sage: der hamit war’s!“

ich sperre meine ohren auf. ellerbecks syrischer flüchtling darf ihre souterrainwohnung bewohnen, einen deutschkurs besuchen und im garten helfen, die meiste zeit aber verbringt er mit seinem handy im kostenfreien w-lan der gemeinde, auf einer parkbank sitzend, mitten im nahen ort. immer allein. vermutlich auch jetzt. ˝

frau ellerbeck flippt aus: „dann geh doch zum siebert seiner bürgerwehr, in gottes namen, und hilf brav, des deutschen land und eigentum zu schützen, bevor’s ein mustafa, ein neger, ein jud sich nimmt, so tickst du doch in wahrheit, sag’s nur, sagt ja heut jeder, was er denkt, auch wenn er nix denkt, sagt er’s laut und haut einem seinen sinnfreien nationalstolz und kiloweis‘ vorurteil nur so um die ohren, ich halt‘ das nicht mehr aus, ich geh‘, mir reicht’s!“

sie stapft in ihren gummistiefeln quer über den rasen just auf mich zu, die schüttere ligusterhecke wird mich gleich ihrem blick feilbieten, ich drücke mich bäuchlings auf die erde, da ruft herr ellerbeck fast trällernd, mit triumphierendem unterton ihr in den rücken: „streitkultur, juliane, streitkultur! mangelnde streitkultur wurde dir doch offiziell attestiert, schon vergessen? letzte sitzung bei deiner frau doktor sowieso? entweder bauchgefühl oder abgang mit türenknallen, was anderes hast du nicht zu bieten. wo bleiben da anstand und ehrgefühl, hä?“

ich zucke zusammen. anstand und ehrgefühl. solche wortschätzchen hätte ich herrn ellerbeck niemals zugetraut. sie zeigen wirkung: juliane ellerbeck macht eine 180-grad-wende bei kaum gedrosseltem tempo und nimmt erhobenen hauptes kurs auf ihren mann, obendrein mit erhobenem spaten, den sie senkrecht wie eine fahnenstange vor sich herträgt, theatralisch sieht das aus, nicht nach mörderischer absicht.

FORTSETZUNG FOLGT EVENTUELL

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

enough is enough einfach endlich gehen
(mit rotem kopf laut zu brüllen; anm. der regie)

mehr transluzidität wäre schön
lässig durchlässig
so ein ausweg
mit ausgang
bei vollem durchblick

so schwer war es noch nie zu gehen like nowadays
no exit
no no-exit
NO NO NO NO NO

so what! i do it my way
sagt sich insel-boris und brexitiert täglich lauter vor sich hin
you never walk alone sagt er (mit rotem kopf)
me too brüllt er (mit rotem kopf) Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb weiterlesen