Alle Beiträge von perditaxdream

Stille Frauen

Ricarda de Haas

Wohin man hört dieselben Worte. Unter der Akzeptanz ein leiser Ärger. Ziellos, richtungslos.
Frühlingsmüdigkeit, diesmal anders. Und still.

Die Performerin, die keine online Performances mehr macht, weil die icons klatschender Hände sie leer zurück lassen.

Die Hochschullehrerin, die das Gefühl hat, durch digitale Tage zu rasen, ohne jemals anzukommen.

Die Krankenschwester, die sich in die Klinik quält, vor ihrer Schicht fürchtet.

Die Forscherin, die zwei Projekte gleichzeitig abschließen muss, und sich fragt wofür.

Die Mutter, die sich zwischen home office und home schooling abhanden kommt.

Die Lehrerin, für die der Impftermin das Licht am Ende des Tunnels bedeutet, bevor er wieder abgesagt wird.

Die Rentnerin, die nicht immer alleine mit sich vor die Tür gehen mag.

Überall dieselben Worte: Müde. Ausgebrannt. Mag nicht mehr. Nicht nachvollziehbar. Akku leer. Kann nicht, muss ja.

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Festhalten an kleinen Freuden.

Warme Tage.

Aus dem Boden knallende Tulpen.

Leichte Jacken.

Skaten, Radfahren, Joggen.

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Doch diese Worte, diese Frauen, sind immer noch überall still.

Überall? Nein. Ein kleines queerfeministisches Grüppchen in Pankow leistet Widerstand…

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Frühlingstrunken

Ricarda de Haas

Freitag:
Mit dem schnee ist der blogtext geschmolzen. Worte und fotos hatten zu viel weiß. Viel zu viel weiß.

In einem geschlossenen cafe ein gedeckter tisch mit reserviert-schildchen: Es war einmal. Es wird nochmal.

Samstag:
Spazieren mit einem freund. Eine echte live-begegnung. Wir holen uns coffee-to-go und reden alles mögliche. Vermeiden das c-wort. Beim abschied fällt es doch. Er sagt: es fühlt sich an, als wäre corona vorbei.

Wir lachen. Spüren das lebendige in uns, in der stadt.


Sonntag:
Wieder draußen.

Ganz berlin ist auf den beinen.
Kein fleckchen grün ist unbesetzt, unbelaufen.

Wir schlängeln uns durch, laufen bögen.
Pausieren, wenn eine meute kommt.

Abends denke ich: gefühle können verdammt gefährlich sein. Irrational eben.
Nie hätte ich gedacht, dass dieser satz mal eine so andere bedeutung haben kann.

zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
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für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
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und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.

Melancholia

Ricarda de Haas

Es gibt sie, die magischen Orte. Wo es einen anweht, dass wir immer auch zu spät kommen. Zu einem Ereignis, einem Leben, einem Fest. Nur Spuren statt Begegnung.

Das Besondere an diesem Ort: in diesem Saal speisten einst Frauen, die selten erwähnt werden. Junge Arbeiterinnen. Lungenkrank. Die drei Monate lang genesen durften, bevor sie zurück gingen. Zu ihren Kindern, zu ihren Männern. Essen, das sie nicht mal an Festtagen bekamen, reichlich. Bäder. Natur. Ruhe.

Es gibt diesen Film, vom Ende der Welt. Ein Stern stürzt in die Erde. Menschen feiern im Angesicht des Untergangs. Eine Hochzeitstafel im Schloßgarten. Unter der Schminke bricht es hervor. Eifersucht, Gier, Geschwisterrivalität. Und doch sind die Bilder voll Schönheit.

So auch hier. Der Zauber hat einen schnöden Namen. Versicherung. Die Genesenen kehren zurück. Nach Berlin. In die Fabrik. Der Speisesaal hat eine Empore. Für die Aufseherinnen. Sie verhindern, dass Essen gestohlen wird. Für die Kinder. Am Besuchstag.

Und doch weht es einen an hier, die Schönheit, Kostbarkeit der verschwundenen Leben. So sind wir nun mal, wir Menschlein. Am Ende bleiben nur Spuren. Immer.

They Did It – Back To Reality

Ricarda de Haas

Wer hätte gedacht, dass man so froh sein kann, wenn in einem anderen Land ein Präsident gehen muss. Und vor allem: erleichtert.

Erleichtert, dass sich nun alle wieder auf dieselbe Realität beziehen (können). Unabhängig davon, wie sie sie einschätzen oder sich dazu verhalten. Fakten statt Lügen. Politik statt Propaganda. Die Erde eine Kugel, keine Scheibe.

Die Erschütterung hallt noch nach. Dass jemand, der in einem sehr privaten Universum lebt, eine solche Machtfülle erhalten konnte. So viele Follower hat, noch immer. Die dessen „emotionaler Beweisführung“ so viel abgewinnen konnten. Und damit die kognitive Verzerrung teilten, stützten. Ihr so viel Leben einhauchten, dass daraus eine andere Realität entstand.

Erleichtert auch, dass diese Demokratie funktioniert. Keine „Bananenrepublik“ in Nordamerika. Emotionale Beweisführung hieße hier konkret: „Ich fühle mich schlecht, wenn die Mehrheit der Amerikaner mich nicht mehr als Präsidenten haben will. Auf mein Gefühl kann ich mich verlassen. Also will die Mehrheit der Amerikaner eigentlich, dass ich ihr Präsident bin. Wenn die Ergebnisse das nicht widerspiegeln, muss es sich um Wahlfälschung handeln.“

In Deutschland wissen wir, wohin das führen kann. Wenn niemand dagegen hält. Wenn niemand dafür eintritt, die Realität zu bewahren.
Wir wissen auch, wohin es führt, wenn genug Menschen die Realität zurecht rücken. Wenn derjenige ausgelacht wird, der nach seiner Absetzung noch zu Abgeordneten sagt: Ich liebe doch alle!

Dünn ist die Decke der Zivilisation. Heute hat sie sich als etwas stabiler erwiesen.

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Bild: Bibi Saint-Pol, Public domain, via Wikimedia Commons
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hecataeus_world_map-de.svg

Urbane Gezeiten

Ricarda de Haas

Ohne sonne spazieren.
Ab und an ein tropfen.
Noch schlendern alle.
Ab und an ein tropfen zu viel.
Schneller gehen Im nieselsprüh.
Der feine film auf bloßer haut
Unangenehm feucht.

Rückblende, eine woche:
Rasensprenger im park.
Erwachsene hüpfen quiekend durchs nass.
Kindisch. Ungeniert. Glücklich.
Den feinen film auf der haut
Behalten wollen.
Sommer zum mitnehmen.

Die letzten meter im regen rennen.
Dann diese spezielle geborgenheit
Wenn es draußen schüttet und
Man drinnen warm sitzt.
Cats and dogs die ganze nacht.
Dieses seltsam tröstliche rauschen.
Als wäre die welt so in ordnung.
Jetzt.

Ohmage, nicht

Hej, ich hab grad Euren Blog ausgecheckt – Respekt! Bin impressed, was aus dem zarten Anfang der Alphabettinen geworden ist, ihr seid fantástico!
@Konstanze: charmant, so analoge Post. Die Taube hat sich mit meiner Katze angefreundet und klaut ihr das vegane Futter. Evidentemente, sie will noch nicht zurück fliegen.
@Maja: Alegra-me, dass du meine Ohrringe magst. Deine Gedanken zur Negation haben mich zu meinem neuen Song „Ohmage, nicht“ (s.u.) inspiriert, obrigada!
beijos,
B‘tynA

Ohmage, nicht (music/lyrics by B‘tynA)

Du
Sagst Es War Nur Illusion
Ich
Hielts Für Echte Emotion
Frag Dich Nach Deiner Motivation
War Ich Die Neue Sensation
Deine Worte Nur Hülle Oder Alles Spiel
Was Ich Fühle Egal Oder Viel Zu Viel

Hab Dich Gefunden
In Den Verbalen Gewittern
Unsere Körper Verbunden
Sich Verzehrend Ein Zittern
Auf Der Bühne Nur Show Doch In Uns Strom
Unsre Nacht Unsre Cipher Rappin‘ Im Ohm

Wir Trieben Im Fluss
Als Zwei Schimmernde Otter
Jede Line Ein Genuss
Doch Nun Nennst Du‘s Gestotter
Synchrone Bewegung Ton Für Ton
Das Wunder Verbrannt Von Deinem Hohn

Was Ist Wahrheit
Was Lüge
Du Sprichst Ohne Sinn
War Es Traum-Zeit
Genüge
Ich Nur Obenhin

Deine Gefühle So
Abstrahiert
Reduziert
Minimiert

Mein Wollen So
Konterkariert
Diffamiert
Als
„Antiquiert“

Es Reicht!
Verpiss Dich
Es Reicht!
Ich Vermiss Dich
Nicht
Überhaupt
Nicht.

Meine songs findet ihr auf soundcloud. Wenn ihr das Ohm unterstützen wollt, könnt ihr das corona-release von FJAAK: SYS01 kaufen – s FB-seite vom Ohm oder hier:
https://shop.spandau20.com/produkte/26204-sys01?fbclid=IwAR3dddgklD1OiKrYyuzCMqg1qcGwJKBL3FxkAvHe9xbkybLaT85zfqXXBYs

Das sinnlose Leben der Litfaßsäule

Ricarda de Haas

Letztes Jahr, irgendwann im März, mutierten Berliner Litfaßsäulen zu Grabsäulen. Man ging vorbei, in stummer Trauer, und dachte an Berlin, wie es gewesen war. Oder vielmehr, wie es gewesen sein soll, vor der eigenen Zeit. Als Litfaßsäulen jung waren, Symbol einer Moderne, die Mitte des 19. Jahrhunderts eher erahnt als erlebt wurde.

Und nun das. Ende einer Ära. Aussortiert, nicht würdig zu existieren in einer Zeit, in der Papier nicht geduldig, sondern nur geduldet war. Verblüffend nur, dass die Leerstellen nicht auffielen. Als wären die Flecken an den Ecken der Plätze, an denen die Säulen über hundert Jahre wie festgewachsen standen, schon immer nur freies Pflaster gewesen, über das Füße geschäftig liefen.

Dann, plötzlich, im März diesen Jahres die Entdeckung: eine neue Säule steht da, nicht ganz am Platz der alten, aber doch am selben Eck. Voll jugendlicher Tatkraft schaut sie in den Kiez. Anders als angekündigt leuchtet sie nicht. Nur der Haarkranz oben ist aus Plastik statt aus Eisen und Beton. Ansonsten lässt sich kaum ein Unterschied bemerken. Noch einmal trauert man. Die alte hätte doch noch etwas bleiben können.

Doch nun steht ist sie da, die Neue. Und steht. Kündigt Veranstaltungen an, die Ende März schon gestern waren. Und keiner kommt, und keiner klebt was Neues auf. Und keiner weiß, wann es wieder etwas zu verkünden geben wird. Fast möchte man sie bedauern. So jung ist sie, so sinnlos schon ihr Dasein.

Reiseandenken

Ricarda de Haas

Wer kennt noch dieses schöne Wort ‚Reiseandenken‘. Aus der Zeit, bevor man ‚Souvenir‘ sagte. Als Reisen etwas Besonderes war. Sommerurlaub. Klassenfahrt. Wintersport. Je einmal im Jahr. (Zu Freunden wurde nicht gereist, das galt als ‚Besuch‘). Etwas, an das man sich jedenfalls erinnern wollte, später. Im Alter? Oder wenn man wieder zu Hause saß? Fernweh bekam.

Das Reiseandenken erzählte davon, dass die Welt größer war. Selbst wenn die Reise manchmal nur in die nächste Stadt führte. Ein paar hundert Kilometer nach Norden, Süden oder Osten. (Westen war keine Reiserichtung. Im Westen lag Fantasia.) Bei manchen wohnten Reiseandenken hinter Glas. In der Guten Stube. In der Mitte der Schrankwand. Neben der Glaskugel, in der es schneite. Das Souvenir hat nie eine solche Magie besessen. Darin ähnelte es dem Mitbringsel: eine Kleinigkeit, die, sofern nicht essbar, bald verstaubte.

Jetzt könnte das Reiseandenken ein Revival erfahren. Statt an eine konkrete Reise zu erinnern, könnte es ein Gedenken ans Reisen sein. An eine Ära, in der Reisen alltäglich war. Damals, vor März 2020. Als Unterwegs sein eine Selbstverständlichkeit war, eine Art des In-Der-Welt-Seins. Mobilität eine Lebenshaltung. Ein Diktum individueller Freiheit.

Fragt sich nur, wie diese Art Reiseandenken beschaffen sein wird. Wie lässt sich die Abwesenheit von etwas darstellen? Die Lücke zwischen Hier und Dort.

Eine App, die Selfies vor den schönsten Hintergründen der Welt im Loop projiziert? Die Stimme in der S-Bahn, die unverändert ansagt, dass Reisende Richtung Flughafen Tegel in Jungfernheide umsteigen sollen? Ein virtueller Ticketgenerator, der Reise-Gutscheine für eine nicht näher bezeichnete Zukunft ausspuckt? Ein Gedenktag, an dem die einen lauthals trauern, während andere sich leise schämen?

Sicher ist nur, dass es eins nicht sein wird: Eine Kugel, in der Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe durcheinander wirbeln, wenn man sie schüttelt.

Leeres Land

Ricarda de Haas

Platz, wohin man schaut. Im doppelten Sinn. Wo die Leute fehlen, ist statt dessen Platz da.
Zugleich ist es das, wonach der Blick Ausschau hält: Wo ist Platz?
Leute-freie Lücken finden. Beim Einkaufen. Im Park. Um sich Platz nehmen zu können.

Diese Leere ist vertraut. Von früher. Auch jetzt ist alles ein bißchen grau. Wie damals. Als wir hier in dem anderen Land lebten. Als wir auch abends zu Hause saßen. Distanzlos, mit Freunden um den Küchentisch. Damals.

Doch im Park die Bänke sind alle in Ordnung. Heute.