Alle Beiträge von reupsch

Wanderungen

„Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen … Alle Welt reist. So gewiss in alten Tagen eine Wetterunterhaltung war, so gewiss ist jetzt eine Reiseunterhaltung. ‚Wo waren Sie in diesem Sommer?‘, heißt es von Oktober bis Weihnachten; ‚Wohin fahren Sie im nächsten Sommer?‘, heißt es von Weihnachten bis Ostern …“[1]

Woher dieses Zitat stammt? Aus einer Vossischen Zeitung des Jahres 1873. Autor ist der gewisse Th.F., den wir am Ende des vorigen Jahres eigentlich wieder in der Versenkung verschwinden lassen wollten. Aber er hat uns eins gehustet und lacht sich ins Fäustchen: Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind im gerade zu Ende gegangenen Sommer zum Volkssport geworden. Auch Bettine A. und Bettina E. wurden mit Rucksack gesichtet auf dem Weg zur Burg Beeskow, die sie am kommenden Wochenende erreichen wollen. Ja, ja, zu Fuß, und nicht, wie Goethe 1874 schrieb „mit der entsetzlichen Schnelle“ [2][der Postkutsche]. Und schon gar nicht mit der Eisenbahn, auf die bezogen Paul Heyse im Jahr 1900 von einem „ atemlose[n] Hindurchjagen durch die merkwürdigsten … Gegenden …“[3] schrieb. Immerhin 25 bis 50 Kilometer schafften die alten Stahlrosse zu dieser Zeit. Vom Fliegen sprechen wir mal überhaupt nicht, und das Auto bleibt unter der Laterne stehen, gewandert wird!

„Es ging, weil die Spree hier sieben Arme hat, über sieben Brücken, und als die letzte Brücke hinter uns lag, lag auch schon die weite Landschaft vor uns …“[4] beschrieb er, der gute alte Th.F.  seinen Weg in die Gegend von Beeskow hinein. Daher stammen sie also, die sieben Brücken, über die wir gehen müssen.

Wir sehen uns hinter der siebenten am kommenden Wochenende.


[1] Dieter Richter: „Fontane in Italien“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, S.11 [2] Ebenda S.21 [3] Ebnda S.21 [4] Theodor Fontane „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ Band 2, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1987, S.115

Wo bist du, Bettine?

In Berlin, Rio de Janeiro und Shanghai lebst du, habe ich gelesen, und tourst gerade in den USA. Aber wo bist du jetzt zu Hause? Brauchst du nicht auch einen Ort des Geborgenseins? 
Ich müsste nicht lange überlegen, wenn ich die Auswahl hätte. Du lächelst vielleicht über meine Engstirnigkeit? Gut tätest du daran, Bettine.
Und doch erwischte ich dich allzu gern. Flanierst durch unsere Texte, ohne dass ich dich zu fassen bekomme. Nicht einmal zu hören.

Schön wäre es, deinem Portugiesisch zu lauschen. Schlängelt es sich wie kunstvoll gezischeltes Vulgärlatein aus deinem Mund und erobert sich gerade die Straßen Rios?

Zischeln geht auch chinesisch ganz gut. Du wirst das perfekt beherrschen. Ja. Aber …  . Du könntest mir Vieles begreiflich machen. Wo bist du, Bettine?

undefinedDieser Brief geht heut noch per Taube ab.

Sie wird dich singen hören. Du wirst sie entdecken. Ich werde auf ihre Rückkehr warten.

Schreibtisch sucht Weitsicht

so gesehen …

die regale sind voller
toilettenpapier, wer soll das
alles einkaufen
macht keinen spaß
mehr: mundundnasen-
schutz vor unnötigem geld-
ausgeben, was man heute noch hat,
wer weiß

schon, wem es wo
noch dreckiger
aber nein, wir
waschen uns doch ständig
die Hände
erheben sich gegen
was auch immer
wer will

schon sehen, wo das leid mehr
tut es uns leid
dass wir doch gar nichts tun
können, wegen des abstands

Alternativen inmitten leerer Stühle und erloschener Kategorien

SERENADE                                          

Auf der Wiese ein Gedränge zwischen Löwenzahn und Disteln

geben Grillen ihr Konzert. Frau Glühwurm hat mich eingeladen,

was die Hummeln sehr verstimmt, aber Monsieur Weinbergschneck

bietet mir die Loge an und Schwärmer flattern aufgeregt

in ihren Abendroben. Dann wird es still –

der Maulwurf hebt den Taktstock und das Nachtkonzert beginnt.

VOM ANGELKAHN					

Der Narr in seiner Einsamkeit lud sich

die Weide ein gefangen hat sie ihn umgarnt

lässt er sich von den Fischen feiern.

(Texte aus meinem Gedichtband: „Klatschmohn heizt das Feld“,  ©Reupsch, 2006)

Magische Daten

Beinahe hätte ich es verpasst, das Palindrom-Datum am vergangenen Sonntag, dabei bin ich doch eine Liebhaberin von Palindromen, wegen der Zweiseitigkeit, ich hatte in einem früheren Beitrag schon darüber gelabert, lauter leere Worte.  Naja, Palindrome sind nun mal Worte oder Wortfolgen. Doch wer macht heute noch einen Unterschied zwischen Wortfolgen und Zahlenfolgen? Schließlich leben wir ja im Zeitalter der Digitalisierung.

Magische Daten weiterlesen
seitensprünge

Schenkt doch ein Buch!

Wer springt da noch immer von Ladentür zu Ladentür, von Stand zu Stand auf dem Weihnachtsmarkt, von Seite zu Seite im Internet, um dann doch wieder ratlos dazustehen, ohne Geschenke für Alex und Kati, Schwager und Vati, Chris und Tante Trudel, die Katze und den Pudel?

Euch allen Verzweifelten da draußen im Gewühle kann geholfen werden! Wir haben Bücher für Jung und Alt, dünne und dicke, voller Schnee, aus dem Wald, zum Lachen und zum genauen Bedenken, in jedem Fall ein Tipp zum Verschenken:

Schenkt doch ein Buch! weiterlesen

seitensprünge

Perspektivwechsel

Vara* öffnet mir die Tür. Ihr Gesicht strahlt  zwischen zwei Zöpfen. „Gretazöpfe“, wie sie jetzt oft getragen werden. Wir üben Mathematik, fast zwei Stunden, Zahlbereiche, Potenzen, Wurzelgleichungen.  Und immer wieder fordert mich das syrische Mädchen auf: „Stellen Sie mir noch eine Aufgabe, bitte.“

Eine Wochen später – Greta Thunberg war inzwischen auf dem Klimagipfel mit etwas anderer Frisur aufgetreten, nur ein Zopf, über die linke Schulter hinweg – empfängt mich Vara auch mit einem solchen Zopf. Eine Mathearbeit steht bevor.

„Ich muss üben, am Freitagmittag ist die letzte Mathestunde vor der Klassenarbeit.“

„Freitagmittag?“

Vara nickte kurz.

„Gehst du nicht zur Demo?“ Die Frage rutscht mir heraus.

Perspektivwechsel weiterlesen

seitensprünge

So viele Fragen.

Von einer Straßenseite zur anderen müsste ich springen, wenn ich all die bunten Plakate mit den coolen Sprüchen lesen wollte, die zur Zeit Brandenburgs Straßen mit Farbe und Sinn erfüllen. Zu viert oder fünft hängen sie übereinander an allen Lichtmasten, dazwischen das eine oder andere Gesicht freundlich blickender Menschen.
Und erstmals auch Tiere: viele Bienen, auch einige Schweine. Aber keine Kühe – die furzen zu viel Methan. So viele Fragen. weiterlesen