Archiv der Kategorie: Allgemein

Ricarda de Haas: Stadt. Raum. Gender. Stil.

Karachi

Erster Tag, shoppen gehen. Ich brauche etwas, das hier passend ist. Viele Männer, vor allem die jungen, tragen globalen Mainstream – Jeans und T-Shirt – statt der traditionellen Kurta. Doch meine Sommerkleider sind hier deplatziert. Frauen hüllen ihre Körper in Tunikas und weite Hosen, dazu ein leichter Schal, der oft lose um die Schultern liegt. Junge Mädchen rebellieren, tragen enge Jeans unter langen Hemden, die zart eine Taille andeuten. Eine radikale Gruppe trifft sich einmal pro Monat in einem Strassen-Café. So erobern sie sich die Stadt zurück. Die Frauen, mit denen ich unterwegs bin, finden das gut und mutig, auch wenn sie froh sind, dass ihre Töchter nicht so viel riskieren. Ich höre zu, schaue. Wir fahren zum Bazar.

Trockene Hitze. Linksverkehr, zumindest meistens. Wenn man auf der Schnellstrasse im Stau steht (offiziell 6 Spuren, inoffiziell viele-viele), wenn Hupen nix nützt oder es bis zur nächsten Wendemöglichkeit zu weit ist, wechselt man zu Rechtsverkehr. Geisterfahrer. Vorbei an bunt dekorierten Trucks: Ornamente, Spiegel, Knöpfe – Pakistani Truck Art. Nach drei solcher Aktionen schnappe ich nicht mehr nach Luft. Hoffe, dass der Fahrer weiss, was er tut. Bis das Kamel auftaucht. Direkt vor uns. Herzklopfen. Es ist riesig. Langsam. Macht große Augen vor Angst. Der Wagenlenker zerrt am Zügel, das Maul schwenkt nach links. Wir nehmen die Abfahrt rechts, und sind vorbei. Pfff…

Vorm Bazar stehen Männer und plaudern, lehnen an Autos oder liegen lässig auf ihren Mopeds. Ich bin fasziniert. Wie entspannt sie die Balance halten! Doch meine Neugier provoziert Reaktionen. Unsere kleine Gruppe, in der Mehrzahl Frauen, fällt auf der Strasse ohnehin schon auf. Wir hasten nach drinnen, froh, vor zudringlichen Blicken geschützt zu sein. Glitzernde Stoffe, Baumwolle, Seide. Pastelltöne neben kräftigen Farben. Silberfäden, in den Stoff gestickte Spiegel, Perlen. Wir gehen von Stand zu Stand, kaufen Stoffe und Tücher, überlassen der Gastgeberin das Handeln. Gehen dann weiter in die Mall. Und finden uns plötzlich in einer Öffentlichkeit, die weiblich dominiert ist. In Cafés und beim Burger, in der Eisbar oder müßig schlendernd: erwachsene Frauen und Grüppchen junger Mädchen, enge Freundinnen und Frauen in der Großfamilie, manche mit und manche ohne Schleier.

Lahore

Siebter Tag. Wir besuchen das Lahore Fort, Shahi Qila, UNESCO Weltkulturerbe. Diesmal sind wir nur zu dritt, doch unter all den Touristen hier fallen wir auf. Es kommen kaum noch Ausländer, und sicher nur wenige, die ihr Schwulsein so offen mit schrägem Outfit betonen (auch wenn Händchen haltende Männer hier ein gewohnter Anblick sind). Meine Begleiter werden dauernd um Selfies gebeten, und zum ersten Mal geniesse ich die Geschlechtersegregation, die mich davor bewahrt, mein Konterfei mit allen teilen zu müssen.

Irgendwann spricht mich dann doch eine Frau an, ihre Töchter möchten ein Selfie. Wir reden eine Weile. Dann sagt sie: ihr müsst unbedingt das Spiegelkabinett ansehen. Es ist so schön – da sind überall Spiegel, sogar an der Decke. Ich gebe mich höflich-erfreut. Wir drei sind uns einig: wir haben in unserem Leben genug Spiegelkabinette gesehen. Tee und Gebäck ist jetzt eher unsere Liga.

Während wir Richtung Ausgang schlendern, denke ich über Spiegel nach. Spiegel in Pakistan, in Truck Art und Mode. Dieses Spiegelkabinett könnte ganz anders aussehen als bei uns. In der Ferne blitzt etwas auf. Wir machen einen kleinen Umweg. Und finden den Palast aus 1001 Nacht. Zieselierte Bögen aus Marmor, in Stuck gefasste Spiegelsplitter, teilweise blind vom Alter, restaurierte gläserne Blumen. Man steht unter dieser blendend weissen Kuppel, inmitten von Gefunkel, und denkt: überall sind Spiegel, sogar an der Decke!

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Sonderbare Sondierungen
Tage und Nächte im Schein der Argumente oder Argumente zum Schein.
Reporter und Journalistinnen beißen sich mit ihren Fragen die Zähne aus.
Still schweigen die Verhandelnden. Keine Reg(ier)ung.
Aber die Macht ist ein sehr altes Tier. Immer hungrig.
GroKo und Kroko schnappen zu.

 

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

jahresrückblick jahresrückblickblick rückrückblickblickblickblick

deine augen machen blickblick und alles ist vergessen

weil heute der letzte tag von     und morgen der erste tag von     ist

der blick in die röhrenkanäle und zurück und

das eigene wundern über das eigene jahr und

wo es hin ist auf einmal das eigene jahr wo ist es hin die tage so aneinandergetackert so und dann und dann und dann so und

dann sollst du aber sooo nicht einen aufsatz schreiben, hast du mal

in der schule gelernt, so viele ungezählte nebeneinander und nach- und übereinander getürmte zeiten, ewige bald

so ein urzeitlich daherkommender strom aus alten tagen, der

sich ungefragt weiter dahinwälzt und

sich einfach jetzt und jetzt und jetzt in dein jetzt ergießt, so einfach geht das

das leben, so geht das, mit oder ohne rückblick, und aber

das SCHÖNE daran ist ja, dass du nicht lügen musst, wenn du sagst, was war

was so wahr war bei dir und damals

du variierst nur aus deinem jetzt heraus die vielen jetzte von damals

und jede variation stimmt für dich, jetzt

das ist aber schööön

jetzt

blickblick rück vor und dann und

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bushaltestelle

Trüb der Himmel. Sprühregen und Nebel. Ich ziehe die Schultern hoch und den Schal bis über die Nase. Der Bus kommt. Hat nur noch fünfzig Meter bis zur Haltestelle so wie auch ich. Aber er fährt und kommt näher. Ich warte an der roten Ampel. Autos rauschen vorbei, viel zu viele, viel zu schnell.
Der Bus hat die Haltestelle beinahe erreicht. Ich sehe den Blinker, trete auf der Stelle. Die Ampel springt um.
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Zieht euch warm an, die Zeit der Windsbraut ist gekommen! Sturmzerzaust braust sie mit gewetzten Zähnen durch schwarzes Gewölk und wirbelt über finsteren Himmeln rasende Schönheit auf. Sie heult um die Ecken vermeintlich sicherer Häuser, in denen Frevel hausen, schreit bis die Fenster platzen und fegt durch schmutzige Stuben, tobt durch missbrauchte Betten, reißt und zerrt am Niederträchtigen bis es in Fetzen liegt …

 

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

ruhig brauner

all die alternativen für deutschland

aldi alter nativ für deutschland und ein liedl auf den lippen

von völkern und freiheit und

geld macht geil

und endlos gleist das gebalke der donnermänner durch meinen gehörgang

„lasst uns unser land in ein land der pilze verwandeln!“

flüstert kim jong un aus tausend lautsprechern

(das träume ich, das flüstern; beinahe schon poetisch)

vorbildliche ordnung

thomas bernhard bleibt erstaunlich ruhig und schreibt: „ da ist ein nazi in der suppe“

ja, frau christa wolf, welch glückliche einrichtung, dass auf der stirn nicht zu lesen ist, was hinter ihr gedacht wird

das erledigt heutzutage unser täglich netz

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Wählen gehen!

Es einfach tun. Keine Ausreden. Kein Wenn und Aber.

P1070505 (2)

Eine Schlange von den Tischen bis zur Tür.
Sich die Zeit vertreiben, die Wartenden studieren. Was die wohl …?
Der Alte vorn führt seinen Dackel aus, schaut kurz im Rathaus vorbei. Einmal wie immer, bitte. Dem Hund ist’s egal.
Die Frau im Schlabberlook hat die Lippen fest aufeinandergepresst. Drängelt und schubst und schiebt sich vorwärts. Will endlich heimzahlen. Oder ist bloß sauer, weil ihr Lover sich das Frühstück aus den Zahnzwischenräumen pult.
Muss ihr Lover sein, tätschelt nun ihren Hintern. Blickt sich um. Alles neu für ihn. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Denk/mal schräg

Beim absichtslosen Schlendern in einem verwilderten Schlosspark entdeckte ich diesen verlassenen Sockel; als sei die jeweilige Göttin, Königin oder Philosophin herabgestiegen und mal kurz auf Reisen gegangen. Bei näherem Hinsehen hielt ich es allerdings für wahrscheinlicher, dass die jeweilige Göttin, Königin oder Philosophin sich auf dem schrägen Sockel nicht halten konnte, herabstürzte und im Vergessen entsorgt wurde wie viele andere gebrochene Frauen.

Nun, was auch immer geschehen war, der Platz war frei und ich Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Dreiländereck

Grenzland ohne Grenzen. Wilde Wege durch wuchernden Wald. Bergauf, bergab. Die Federgabel arbeitet, die Knie auch. Knirschende Reifen, Keuchen. Ansonsten Stille. Grünes Laub, rote Beeren. Licht und Schatten.

Pling – eine sms, die einen im Ausland begrüßt, über Tarife in Europa informiert. Man hat wohl eine Grenze überquert. Pling – man ist wieder eingereist. Rechte Biege – pling, linke Biege – pling. Abends zählt man Nachrichten und weiß, wie oft man im Ausland war. Andere Nachrichten kriegt man nicht. Notrufe, ja – normale Rufe, nein. Im Wald sind Sendemasten rar.

Im Dorf ist der Empfang kaum besser. Doch das Quartier soll Internet haben. Es läuft über eine alte Überlandleitung zum Haus. Und gibt tatsächlich ein Signal. Wenn man den Hocker unters Dachfenster schiebt. Sich darauf stellt. Das Handy aus dem Fenster streckt. Wir lachen, als wir auf Nachrichtenfang gehen. Du die Emails, ich die Zeitung. Zum Umblättern muss wieder eine auf den Hocker klettern.

Bei Gewitter gibt es kein Netz. Der Blitz hat schon vier Geräte geschmolzen. Der Gastgeber hütet das fünfte, schaltet bei Regen ab. Bei Regen? Sie nennen Regen, was bei uns Unwetter heisst. Blitze tanzen um den Berg, Donner kracht, Wege verschwinden: Es gießt von oben, spritzt von unten, gurgelt, wirbelt, flutet ins Tal. Wir suchen Schutz unter Bäumen.

Zwei Einwohner spazieren gemütlich vorbei, suchen Pilze. Ein Hund tobt ausgelassen, schüttelt sich. Tropfen stieben aus seinem Fell, neue fallen von oben nach.

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Wir frühstücken auf dem Balkon. Plaudern. Schauen. Schweigen. Der Gastgeber schickt das fünfte Gerät zur Reparatur. Abends braten wir Pilze.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Nachtschicht

Sie musste wach bleiben, den Blick auf die Formel richten, P1010165adie noch immer nicht stimmte. Sie gähnte. Rieb sich die Augen. Gähnte erneut. Den ganzen Tag lang das Grübeln und Verwerfen für nichts. Eine neue Berechnung. Der nächste Versuch. Papierkorb, real und digital. Weg damit.
Es arbeitete weiter und immer weiter in ihrem Hirn, obwohl längst das Mondlicht hell auf ihren Schreibtisch fiel. Etwas war falsch falsch falsch.
Die Glieder wie Steine so schwer. Sie ließ die Schultern kreisen und spürte keine Besserung. Vielleicht sollte sie kurz den Kopf auf die Arme sinken lassen. Und die Augen schließen. Nur für … ein paar … Minuten. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen