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Postkarte aus Wolsztyn

Zuerst dachte ich, es wäre Nebel. Aber es war Dampf. Dampf von den Lokomotiven, für die Wolsztyn berühmt ist. Als der sich verzog, wurde die Stadt sichtbar und die Menschen.  Alle waren festlich gekleidet. Die Frauen dufteten nach Parfüm. Die Männer rückten ihnen die Stühle hin, wenn sie sich in den Cafés setzten. Die Blumen auf dem Platz vor dem Rathaus und die auf den Soldatengräbern tauchten aus dem Dampf auf, die Möwen und die graugetigerte Katze, die zum Angeln ging. Lachend liefen die jungen Mädchen vor uns her.  Auf der Straße wurden Schulhefte verkauft. Es war der erste September.

Nachtschattennotizen im Tagwald

wenn mond, dann liebe

jetzt hing er wieder solo rum. mehr noch: durch.
verhangene stimmung in seinen entrückten sphären.
nur noch die hälfte seiner selbst.
allein allein. alleiner geht nicht.

„cuando luna, amore…“ in dauerschleife. 
ging nicht mehr aus seinem kopf.
eine melodie dazu wusste er auch.

anubis hieß er. bei den wolken, oder?
fünf jahre latein, von totengöttern aber wenig ahnung.
hauptsache mond, anubis hatte das von anfang an so gewollt.
ob voll ob halb ob sichel, hauptsache mond war anubis‘ bedingung.

er hatte es nicht hinterfragt. 
„cuando luna, amore…“ 
immer nur dieser teil eines, wie er meinte, liedrefrains,
seit wochen schon, immer nur „cuando luna, amore…“.

mehr text fiel ihm partout nicht ein.
gab es dieses lied überhaupt?

Urbane Gezeiten

Ricarda de Haas

Ohne sonne spazieren.
Ab und an ein tropfen.
Noch schlendern alle.
Ab und an ein tropfen zu viel.
Schneller gehen Im nieselsprüh.
Der feine film auf bloßer haut
Unangenehm feucht.

Rückblende, eine woche:
Rasensprenger im park.
Erwachsene hüpfen quiekend durchs nass.
Kindisch. Ungeniert. Glücklich.
Den feinen film auf der haut
Behalten wollen.
Sommer zum mitnehmen.

Die letzten meter im regen rennen.
Dann diese spezielle geborgenheit
Wenn es draußen schüttet und
Man drinnen warm sitzt.
Cats and dogs die ganze nacht.
Dieses seltsam tröstliche rauschen.
Als wäre die welt so in ordnung.
Jetzt.

Postkarte aus dem Regio

Liebe Bettine A., B’tynA, Betty,
ich hätte dich so gern getroffen in Berlin, in der Großstadt. Mit dem Regio wollte ich zum vereinbarten Termin. Ich war mir sicher: du wirst diesmal kommen, da sein. Die Umstände wären seltsam genug gewesen: distanziert.
Allerdings – ich blieb auf der Strecke, in der Provinz.
Ein verdächtiger Gegenstand liegt im Gleis, hieß es. Die Polizei beschäftigt sich mit dem Ding.
Betty? Hast du einen verdächtigen Gegenstand ins Gleisbett gelegt? Wolltest du wissen, was passiert? Wolltest du sehen, wie ich in Erkner aus dem Zug steige, zur S-Bahn gehe, die Anzeige lese: Schienenersatzverkehr (Worte, über die ich noch nachdenke … Schienenersatz, verdächtiger) Betty? Hätte ich nur richtig hinschauen müssen? Warst du die im gelben Kleid, die in der Menge verschwand? Hast du gesehen, wie ich die Treppe hinunterstieg, wie ich mich auf dem Bahnhofsvorplatz umschaute. Kein Verkehr, nur Schilder und Wartende. Standest du da unten am provisorischen Haltestellenschild, Betty? Warst du die mit dem Klapprad? Hast du gesehen, dass ich zurück ging zum Regio, den Lokführer fragte, ob er zurück fährt und wieder einstieg? Hast du gesehen, wie die Türen sich schlossen und der Zug wieder anfuhr – zurück, zurück, zurück?

Ohmage, nicht

Hej, ich hab grad Euren Blog ausgecheckt – Respekt! Bin impressed, was aus dem zarten Anfang der Alphabettinen geworden ist, ihr seid fantástico!
@Konstanze: charmant, so analoge Post. Die Taube hat sich mit meiner Katze angefreundet und klaut ihr das vegane Futter. Evidentemente, sie will noch nicht zurück fliegen.
@Maja: Alegra-me, dass du meine Ohrringe magst. Deine Gedanken zur Negation haben mich zu meinem neuen Song „Ohmage, nicht“ (s.u.) inspiriert, obrigada!
beijos,
B‘tynA

Ohmage, nicht (music/lyrics by B‘tynA)

Du
Sagst Es War Nur Illusion
Ich
Hielts Für Echte Emotion
Frag Dich Nach Deiner Motivation
War Ich Die Neue Sensation
Deine Worte Nur Hülle Oder Alles Spiel
Was Ich Fühle Egal Oder Viel Zu Viel

Hab Dich Gefunden
In Den Verbalen Gewittern
Unsere Körper Verbunden
Sich Verzehrend Ein Zittern
Auf Der Bühne Nur Show Doch In Uns Strom
Unsre Nacht Unsre Cipher Rappin‘ Im Ohm

Wir Trieben Im Fluss
Als Zwei Schimmernde Otter
Jede Line Ein Genuss
Doch Nun Nennst Du‘s Gestotter
Synchrone Bewegung Ton Für Ton
Das Wunder Verbrannt Von Deinem Hohn

Was Ist Wahrheit
Was Lüge
Du Sprichst Ohne Sinn
War Es Traum-Zeit
Genüge
Ich Nur Obenhin

Deine Gefühle So
Abstrahiert
Reduziert
Minimiert

Mein Wollen So
Konterkariert
Diffamiert
Als
„Antiquiert“

Es Reicht!
Verpiss Dich
Es Reicht!
Ich Vermiss Dich
Nicht
Überhaupt
Nicht.

Meine songs findet ihr auf soundcloud. Wenn ihr das Ohm unterstützen wollt, könnt ihr das corona-release von FJAAK: SYS01 kaufen – s FB-seite vom Ohm oder hier:
https://shop.spandau20.com/produkte/26204-sys01?fbclid=IwAR3dddgklD1OiKrYyuzCMqg1qcGwJKBL3FxkAvHe9xbkybLaT85zfqXXBYs

Notizen aus dem Papierkorb

hochsicherheitsgefühl (an oper oslo)

es scheint des menschen machwerk flach und plan geworden
// click touch und touch und wischen seitwärts (vision) nicht vergessen //
der mensch er wirkt nicht mehr ins weite offene
(tat er’s denn je) (vision impossible)

er werkelt  
werkelt kleinteilig vor sich hin 
so planquadratisch sei welt einfangbar

und dabei hoffend betend es mögen
die börsenverfitzelten kursverlaufskurven 
doch hoch hinaus schraubend die salden und margen
in himmels gefilde sicher verbringen 
und dort auf heimlichen konten
gebunkert werden rückkopplungsfrei
no feedback nicht zurückgefüttert tax free for free

visionen wirkungsfrei und konjunkturbereinigt
so algorithmisch smart verbürgt von geisterhand
wohlgeborgen hinter entspiegelt glasklaren screens
rückkopplungsfrei no feedback nicht zurückgefüttert auch
das eigne antlitz schmerzfrei gebleecht 

eben und plan und schräges exakt berechnet
so lässt sich lässig kultur genießen (immer: go west)
bei angenehmen fallhöhen wohl kalkuliert
die da wären höchstens virtuell zu verschmerzen 
(auf samtrot gepolsterten sitzen nach großmüttersundväters sitte) 

Das sinnlose Leben der Litfaßsäule

Ricarda de Haas

Letztes Jahr, irgendwann im März, mutierten Berliner Litfaßsäulen zu Grabsäulen. Man ging vorbei, in stummer Trauer, und dachte an Berlin, wie es gewesen war. Oder vielmehr, wie es gewesen sein soll, vor der eigenen Zeit. Als Litfaßsäulen jung waren, Symbol einer Moderne, die Mitte des 19. Jahrhunderts eher erahnt als erlebt wurde.

Und nun das. Ende einer Ära. Aussortiert, nicht würdig zu existieren in einer Zeit, in der Papier nicht geduldig, sondern nur geduldet war. Verblüffend nur, dass die Leerstellen nicht auffielen. Als wären die Flecken an den Ecken der Plätze, an denen die Säulen über hundert Jahre wie festgewachsen standen, schon immer nur freies Pflaster gewesen, über das Füße geschäftig liefen.

Dann, plötzlich, im März diesen Jahres die Entdeckung: eine neue Säule steht da, nicht ganz am Platz der alten, aber doch am selben Eck. Voll jugendlicher Tatkraft schaut sie in den Kiez. Anders als angekündigt leuchtet sie nicht. Nur der Haarkranz oben ist aus Plastik statt aus Eisen und Beton. Ansonsten lässt sich kaum ein Unterschied bemerken. Noch einmal trauert man. Die alte hätte doch noch etwas bleiben können.

Doch nun steht ist sie da, die Neue. Und steht. Kündigt Veranstaltungen an, die Ende März schon gestern waren. Und keiner kommt, und keiner klebt was Neues auf. Und keiner weiß, wann es wieder etwas zu verkünden geben wird. Fast möchte man sie bedauern. So jung ist sie, so sinnlos schon ihr Dasein.

Postkarte aus meiner Wolke

Ich bitte um Eintritt. Ich werde aufgefordert, einzutreten. Wir checken Ihre Kamera. Wir checken Ihr Mikrofon. Hören Sie den Ton? Wo kann ich mich setzen? Wir wechseln hier ständig die Plätze. Wir ändern auch unsere Namen. Manchmal hilft es, den Raum kurz nochmal zu verlassen. Was stand an der Tür? War ich im falschen Raum? Schon wieder verirrt? Oder ist es die falsche Zeit? Ich verlasse den Raum. Wer schließt die Tür hinter mir?

Reiseandenken

Ricarda de Haas

Wer kennt noch dieses schöne Wort ‚Reiseandenken‘. Aus der Zeit, bevor man ‚Souvenir‘ sagte. Als Reisen etwas Besonderes war. Sommerurlaub. Klassenfahrt. Wintersport. Je einmal im Jahr. (Zu Freunden wurde nicht gereist, das galt als ‚Besuch‘). Etwas, an das man sich jedenfalls erinnern wollte, später. Im Alter? Oder wenn man wieder zu Hause saß? Fernweh bekam.

Das Reiseandenken erzählte davon, dass die Welt größer war. Selbst wenn die Reise manchmal nur in die nächste Stadt führte. Ein paar hundert Kilometer nach Norden, Süden oder Osten. (Westen war keine Reiserichtung. Im Westen lag Fantasia.) Bei manchen wohnten Reiseandenken hinter Glas. In der Guten Stube. In der Mitte der Schrankwand. Neben der Glaskugel, in der es schneite. Das Souvenir hat nie eine solche Magie besessen. Darin ähnelte es dem Mitbringsel: eine Kleinigkeit, die, sofern nicht essbar, bald verstaubte.

Jetzt könnte das Reiseandenken ein Revival erfahren. Statt an eine konkrete Reise zu erinnern, könnte es ein Gedenken ans Reisen sein. An eine Ära, in der Reisen alltäglich war. Damals, vor März 2020. Als Unterwegs sein eine Selbstverständlichkeit war, eine Art des In-Der-Welt-Seins. Mobilität eine Lebenshaltung. Ein Diktum individueller Freiheit.

Fragt sich nur, wie diese Art Reiseandenken beschaffen sein wird. Wie lässt sich die Abwesenheit von etwas darstellen? Die Lücke zwischen Hier und Dort.

Eine App, die Selfies vor den schönsten Hintergründen der Welt im Loop projiziert? Die Stimme in der S-Bahn, die unverändert ansagt, dass Reisende Richtung Flughafen Tegel in Jungfernheide umsteigen sollen? Ein virtueller Ticketgenerator, der Reise-Gutscheine für eine nicht näher bezeichnete Zukunft ausspuckt? Ein Gedenktag, an dem die einen lauthals trauern, während andere sich leise schämen?

Sicher ist nur, dass es eins nicht sein wird: Eine Kugel, in der Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe durcheinander wirbeln, wenn man sie schüttelt.

Alternativen inmitten leerer Stühle und erloschener Kategorien

SERENADE                                          

Auf der Wiese ein Gedränge zwischen Löwenzahn und Disteln

geben Grillen ihr Konzert. Frau Glühwurm hat mich eingeladen,

was die Hummeln sehr verstimmt, aber Monsieur Weinbergschneck

bietet mir die Loge an und Schwärmer flattern aufgeregt

in ihren Abendroben. Dann wird es still –

der Maulwurf hebt den Taktstock und das Nachtkonzert beginnt.

VOM ANGELKAHN					

Der Narr in seiner Einsamkeit lud sich

die Weide ein gefangen hat sie ihn umgarnt

lässt er sich von den Fischen feiern.

(Texte aus meinem Gedichtband: „Klatschmohn heizt das Feld“,  ©Reupsch, 2006)