Archiv der Kategorie: Allgemein

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Viel Vergnügen

Sonntag und Sommerwetter und ich mit einem guten Buch am Ufer des Teltowkanals, bis der Hunger kommt. Moment mal, Anfang Juni, ist da nicht ein Rummel im Park um die Ecke wie in jedem Jahr? Ich stelle die Ohren auf Empfang: Tatsächlich, nun höre ich ein Jauchzen und Kreischen und Hupen und wummernde Bässe. Ist ja nicht so, dass man mich mit Autoscootern und einem Riesenrad locken könnte, aber wenn ich mir Knoblauchbrot und Erdbeerbowle vorstelle, sieht es schon anders aus. Das Buch zugeklappt, zehn Minuten Fußweg, und schon bin ich mitten im Getöse. Alles dreht sich, alles bewegt sich, eine Menschentraube an der Losbude, die Oma bringt fünf Punkte, der Opa zehn. Nichts Neues, denke ich und folge dem Duft von gebrannten Mandeln, bis  mich etwas abrupt innehalten lässt:
Eine Gondel steht senkrecht hoch über den Baumkronen, die andere ist gerade am Boden und wird frisch befüllt, sechs coole, aber kreideweiße Teenager torkeln heraus, fünf neue werden festgesteckt, ein Mädchen springt ab im letzten Moment, sichbar verzweifelt, wohl weil der Mut sie verlassen hat. Dabei brauchte es doch schon immer viel mehr Courage, sich dem Gruppendruck zu widersetzen, als eine Wahnsinnstat zu begehen. Denn für die anderen gibt es schon kein Entrinnen mehr. Langsam, schneller, rasend herum und herum und wieder herum wie eine Waschmaschine im Schleudergang, nur nicht Shirts und Shorts an Bord, sondern Halbwüchsige, und eine Trommel dreht sich nicht auch noch um die eigene Achse und schaukelt dabei hin und her wie dieses Höllengerät.
Da heißt es immer, die Jugendlichen litten heutzutage unter Bewegungsmangel. Nun, diese hier nicht. Es kann auch keine Rede von Entschleunigung sein, noch lange hin, bis die Kids Rosinen kneten und im Storchengang durch Schlamm waten werden. Wildes Geschrei saust an mir vorbei, zum Glück, sie leben noch, und auch meine Fantasie ist quicklebendig. So weiche ich zurück für den Fall, dass jemandem da oben der noch eben genossene Imbiss aus dem Gesicht fällt; ein Schauer durchgekauter Pommes rot-weiß aus tintenblauem Himmel. Und was geschieht eigentlich, wenn ein plötzlicher Defekt die Maschine nicht mehr stoppen lässt?
Aber nein. Aber nein. Das Tempo verlangsamt sich. Allmählich. Die Bremsen scheinen zu greifen. Das Karussell bleibt stehen, und hinter der Absperrung hat sich schon eine Schlange gebildet für die nächste Fahrt. Es gibt sie, die Außerirdischen, sie leben mitten unter uns. Die da und ich – das kann doch nicht dieselbe Spezies sein.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Bedrohliche Untergrundbewegung

Habt ihr euch in letzter Zeit mal die Straßen angesehen, durch die ihr Tag für Tag lauft? Da finden sich zunehmend Kuhlen und Löcher, Risse in Häuserwänden – und das nicht nur in Berlin. In der Neuen Zürcher Zeitung war kürzlich zu lesen, dass weltweit immer mehr Häuser, Brücken, Gleise, ja ganze Städte absinken. Wir verlieren offensichtlich den Boden unter den Füßen! Man denke nur an das Busunglück in Trudering vom 20.09.1994, an den Einsturz des Stadtarchivs in Köln am 03.03.2009 oder an meinen Sturz vom 13.07.2018, als ich in ein Straßenloch trat und mir nicht nur den rechten Knöchel verstauchte, sondern auch mein linkes Knie aufschürfte! Und das sind nur drei Beispiele von vielen.

Manche glauben, dass daran die in Teilen schlecht befestigten Tunnelsysteme schuld sind, die ausgehend von Großbaustellen wie dem Flughafen BER in Berlin oder Stuttgart 21 unser Land durchziehen. Angeblich sollen in diesen Tunneln Millionen von Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Postkarte aus KLÜTZ

Ich fand einen Speicher, in dem Getreide gespeichert wurde. Es rieselte von Etage zu Etage durch das ganze Haus. Ich fand einen Speicher, in dem Literatur gespeichert wird. Texte, Wörter, festgehalten an den Wänden, in Büchern, auf Tonträgern. Uwe Johnson war hier – eigentlich nicht. Oder doch? Ist Klütz = Jerichow? Eigentlich nicht – oder doch? Der alte Speicher versucht, ein Leben und ein Werk zu fassen, Fakten und Fiktion. Tür und Fenster stehen offen. So kann das eine oder andere entweichen. Und ich konnte eintreten. Ich fand die Katze Erinnerung. Die kroch mir in den Jackenärmel.

Der Traum vom Fliegen

Ricarda de Haas

Im überfüllten Bus wieder diese BER-Gespräche. Der Humor, mit dem wir uns verbrüdern, erinnert an ddr-Zeiten. Aber die Security ist freundlicher. Viel. Wir sind Reisende, nicht verdächtige Subjekte. In der Schlange ein paar Osteuropäer. Man erkennt sie an der Professionalität, mit der sie das Anstehen organisieren. Effizient, diskret. Die Schweden dagegen voll überfordert. Laut, hysterisch fast. Sie sausen von Schlange zu Schlange. Beginnen dann verärgert von vorn. Niemand will sie hinein lassen. Niemand mag Nervöse.

Unser Flugzeug muss auch in die Schlange. Vier Maschinen rollen vor uns in dieselbe Landebahn. Ich frage mich, ob der Takt in Tegel nicht längst den der legendären Tempelhofer Rosinenbomber übertrumpft. Und ob nicht doch mal was passiert. Noch machen wir Witze. Fühlen uns seltsam lokalpatriotisch dabei.

Der Traum vom Fliegen ist längst perdu. Erst später, unten, wenn die Schultern schwerer, die Füße langsam sind auf Asphalt, hängt der Himmel plötzlich tiefer. Der Schatten eines Traumes.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Anhalten

Messer und Gabel auf blauem Grund. Eigentlich möchte ich die Fahrt nicht unterbrechen, doch ich setze den Blinker und ärgere mich, denn mein Körper lässt mir keine Wahl. Ist es ein Nachteil des Reisens mit dem Auto, dass ich mich von den Überflüssigkeiten nicht während der Fahrt befreien kann wie im Zug, wie im Flugzeug? Oder ist es ein Glück? Ein morgenkühler Wind weht mich wach, die Muskeln lockern sich, und mein Blick sieht dankbar nicht mehr nur Leitplanken und Rücklichter, sondern das Treiben auf dem Parkplatz. Zwei Motoradfahrer kommen unter ihren Helmen zum Vorschein, ein junges Paar knutscht am Fahrbahnrand, eine Mutter wickelt am Spielplatz erst das Baby, dann belegte Brote aus, und die anderen Reisenden schlendern auf das Restaurant zu. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Postkarte aus KÖNIGS WUSTERHAUSEN

Es regnete, es war dunkel und kalt. Ich hatte Hunger. „Tausche alte Kaffeekanne gegen Tasse Kaffee“ las ich am Schlosskaffee. Ich hatte keine Kaffeekanne dabei. Also weiter. In der nächsten Gaststätte wurde ein Geburtstag gefeiert. Der DJ hatte die Bässe bis zum Anschlag hoch gefahren. „Bella ciao„, „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär“ und das Rennsteiglied spielte er direkt nacheinander. Ich löffelte meine Tomatensuppe. Die Ohren kann man nicht schließen.

Frauentag, Berlin

Ricarda de Haas

Ältere Frau auf buntem Fahrrad.
Sie bremst scharf, steht.

Vor ihr quert eine junge Frau. Vermutlich Frau.
Geht, schreitet. Unberührt vom Verkehr, den Blicken.
Schmale Beine in engen schwarzen Hosen, Stiefel, Lederjacke.
Rot leuchtendes Schottenröckchen.
Um die Schultern wippen schwarze dichte Strähnen.
Das Gesicht davon verborgen, umhüllt.

Wer ist sie?
Ein Goth aus den 80ern, auf der Suche nach dem verschwundenen Kreuzberg?
Eine Manga Figur? Afrofuturistisches Model? Riot Grrrl?
In diesem Kiez, in dem nichts je erschütterte, drehen alle sich um.

Als hätte ein Baum sich keck aufgemacht, urbanes Leben zu erkunden.
Zarte Weidewurzeln aus Erde und Wasser gezogen.
Kariertes Schürzchen umgeschnallt.
Und spazierte nun, mit stolz ausladender Krone, neben der Hochbahn.
Der schmale Stamm von dicht belaubten Zweigen umspielt.

Die ältere steht noch immer, schaut. Sehnsucht im Blick.
Fährt mit der Hand durch kurzes Haar. Was sieht sie?
Ihre eigene verwegene Jugend?
Die Freiheit, alles zu wagen, zu sein?
So sichtbar, und doch geschützt.

Der Verkehr rollt an. Die Geräusche kommen zurück.
Das Baummädchen verschwindet.
Die andere steigt in die Pedale.
In ihrem Gesicht zeigt sich Glück.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Irgendwo weit hinten in der Kommode stapeln sich die Erinnerungsschachteln, liegt ein altes Tagebuch, in Leder gebunden und versehen mit einem winzigen Schloss. Die Worte darin handgeschrieben und mit nichts verlinkt als mit dem tiefen Gefühl eines längst vergangenen Augenblicks. Das Private ein wohlgehütetes Gut, nur der besten Freundin erzählt von Angesicht zu Angesicht. Alles persönlich und wahr, sentimental oder kämpferisch oder voller Ironie, auf jeden Fall aber flüchtig. Eine Momentaufnahme. Unsinn reden und lachen und vergessen. Und kaum jemals eine Kamera dabei. Mit eigenen Augen sehen. Graue Zellen speichern den Sonnenuntergang und die Milchstraße in tiefschwarzer Nacht. Und nirgends eine Cloud.

Postkarte aus Kołobrzeg

In Kołobrzeg schwammen die Fische im Wald umher. Nachts sahen wir UFOs am Himmel und der Bogen einer Brücke leuchtete in Gelb, Blau, Grün, Orange und Rot. Vor dem Rathaus nahmen die Menschen auf einem roten Sessel aus dem Weihnachtsmannland Platz und ließen sich fotografieren. Im Schaufenster standen Marilyn und Rambo beieinander. Sie flüsterten sich etwas zu. Ich konnte es sehen, aber nicht hören. Ich habe die Möwen und die Dohlen gefragt, was hier geflüstert wird. Ich habe den Leierkastenmann gefragt und seine Papageien. Ich habe keine Antwort bekommen. Es regnete die ganze Zeit.

Der moment des losgehens..

Ricarda de Haas

… wenn man schon in der tür steht, sich verabschiedet von denen die bleiben.

Dieser moment, der die luft anhält, absolute stille, bewegungslosigkeit. Während eine hand sich noch ausstreckt zu den bleibenden und die andere sich schon zur klinke denkt.

Perfekte balance zwischen da sein und weg gehen.

In diesem augenblick scheint alles möglich.

Während man sich offiziell bereit macht für die geplante reise, ein paar tage nur, blitzt im innern eine tür zu einer anderen welt auf, ein netz möglicher wege.

Man könnte noch abbrechen, sich entscheiden, zu bleiben. Oder aus der tür gehen, um nie zurück zu kehren. Aufbrechen in ein anderes leben.

Man könnte alles wagen, alles..

Und dann ist der moment vorbei. Man hat die tür zugeschlagen, die träume vergraben, die leben, die anderen, verschoben. Auf später.