Archiv der Kategorie: Allgemein

Postkarte aus Angermünde

Im neueröffneten Museum im Haus Uckermark stand es vor mir, das Modell des blauweißen E 512. Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, summte es in meinem Kopf. Sehr früh ging sie zur Arbeit, wenn sie auf den Mähdrescher stieg. Aber bevor sie die Ernteschlacht schlug, reisten wir im himmelblauen Trabant quer durch das Land und machten Urlaub an der Ostsee. Es waren heiße Sommer. Aber die Sehnsucht nach Veränderung wuchs im Land. Konzerte mit Bob Dylan und dem Boss konnten das Verschwinden des Landes, in dem der E 512 im Sommer über die Felder fuhr, nicht mehr aufhalten.

Der Gesang Der Ratten

Ricarda de Haas

Mit dem Leben kommen zugleich alle Geräusche zurück. Töne, Sound, Musik. Die ersten Nachbarn, die live auftreten, sind Katzen. Jellicle Ball im Hinterhof.

Anders als bei Cats ist die höfische Victoria eine reinschwarze Katze. Klein, elegant, mit scharfen Krallen. Macavity ist viel netter als sein Ruf, aber er gibt sich Mühe, dass niemand das merkt. Bombalurinas Stimme, wie könnte es anders sein, ist am häufigsten zu hören. Nächtelang. Kater finden sie sehr verführerisch. Mr Mistoffelees ist neu eingezogen, aber verzaubert schon alle. Und ist vermutlich nicht binär (soweit Menschen das bei Katzen beurteilen können).

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Und Alt Deuteronomus? Schläft.
Und interessiert sich ansonsten für Hühnchen.

Alle zusammen bilden eine Compagnie.
Sie singen für sich, nicht für uns, und man hört, dass sie Spaß daran haben.
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Noch vor den Katzen sangen die Ratten.
Im Lockdown verteilten sie sich auf die Fenster,
pro Fenster eine Corona-Gemeinschaft.
Die bekannten „Interpretationen der
Kirchenchor-Top-Ten und DDR-Arbeiterkampflieder“
(O-Ton rattenbar.com) schallten durch die Höfe,
enthusiastisch, politisch
und nicht ganz synchron.

Sie probten für einen Sommer mit Live-Auftritten. Rattenbar und Rattenchor werden dieses Jahr zwanzig. Und der CSD ruft, natürlich.
Sie sangen für sich, nicht für uns, und man hörte, dass sie Spaß daran hatten.

Und doch: Hinterhof-Konzerte gehören allen, die zufällig hinhören. Sie sind der Sound eines heißen Sommers.

Bleibt nur die Frage: Wieso hat noch niemand Rats komponiert? Das queere Kiezmusical mit „Räkeldamen“, „Armdrücken“ und „Trashexzessen“. Laut, schrill, widerständig. Und selbstverständlich asynchron.

shownotes:
http://rattenbar.com/rattenbar/

Der kurze Traum vom Sommer

Ricarda de Haas

Manchmal träumt man ja völlig bekloppt. Wirr, bunt. Als wäre man in ein Wimmelbild gepurzelt.

Japanische Familien picknicken unter rosa Kirschbäumen. Junge Mädchen in weißen Kleidern drehen sich unter fallenden Blüten, die schwarzen Haare fliegen. Ihre Freunde fangen ihre Bilder mit dem Handy.

Am Spreeufer lassen Leute die Beine baumeln, nackte Waden neben Plateaustiefeln neben bunten Söckchen, eine nicht endende Reihe. Wenn ein Schiff kommt, gehen alle Füße hoch.

Leute, die auf rohen Steinblöcken sitzen. Mitten drin eine Rockband, coole Jungs 60plus, gestreifte Hosen, Stirnband im Haar. Sie sind gut, nur das Schlagzeug ist aus dem Rhythmus. Der Song ist zu Ende, die Trommeln nicht. Gegenüber steht eine Sambagruppe im Kreis. Als die Band wieder loslegt, trommeln sie weiter.

Ein zehnjähriger Junge mit Mafiabike reisst das Vorderrad hoch, fährt ein Wheelie. Fährt und fährt um den halben Platz. Ein Knirps mit Roller guckt mit großen Augen. Reisst den Lenker herum, fährt auf einen Hügel. Schaut stolz in die Runde.

Zwei Frauen in Tanktops sonnen sich auf hölzernen Liegen. Ein paar Männer mit wilden Bärten werfen Blicke. Als die Frauen genervt aufstehen, schnappen sie Tüten und Taschen und stürzen hin. Zwei erobern die Liegen, verscheuchen die anderen. Die schlagen grummelnd ihr Lager unter Bäumen auf.

An der Eisdiele sitzen Menschen auf Bänken, auf denen steht, dass sie da nicht sitzen sollen. Die Polizei kommt, schließt den Laden: „Einundzwanzig Uhr, Sperrstunde!“ Die Leute essen gemütlich ihr Eis auf.

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Als ich aufwache, rauscht Regen vorm Fenster.

Das war so‘n typischer Berlin-Traum,
denke ich.

Frage mich, wie das aussehen würde.

Wenn man Träume fotografieren könnte…

Maja Linthe: #Wochenendewanderspaß

Da oben ist daneben

Da drüber ist da drunter

Ist droben hoch im Tümpelteich

Ist Wasserwipfel wellenweich

Ist Entenflott an Dornenspitz

Ist Entengrütz‘ mit Rankenritz

Ist Himmeltief mit Siebengrün

Im Weiherwald mit Tausendschün

Ist Blätterbad mit Knospenknack

Im Sphärenrausch mit Entenkack

Ist Wochenendewanderspaß

Mit oben offen, unten nass

Ist Baum im Teich, Teich in der Wiese

und alles ohne Élouise.

Stille Frauen

Ricarda de Haas

Wohin man hört dieselben Worte. Unter der Akzeptanz ein leiser Ärger. Ziellos, richtungslos.
Frühlingsmüdigkeit, diesmal anders. Und still.

Die Performerin, die keine online Performances mehr macht, weil die icons klatschender Hände sie leer zurück lassen.

Die Hochschullehrerin, die das Gefühl hat, durch digitale Tage zu rasen, ohne jemals anzukommen.

Die Krankenschwester, die sich in die Klinik quält, vor ihrer Schicht fürchtet.

Die Forscherin, die zwei Projekte gleichzeitig abschließen muss, und sich fragt wofür.

Die Mutter, die sich zwischen home office und home schooling abhanden kommt.

Die Lehrerin, für die der Impftermin das Licht am Ende des Tunnels bedeutet, bevor er wieder abgesagt wird.

Die Rentnerin, die nicht immer alleine mit sich vor die Tür gehen mag.

Überall dieselben Worte: Müde. Ausgebrannt. Mag nicht mehr. Nicht nachvollziehbar. Akku leer. Kann nicht, muss ja.

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Festhalten an kleinen Freuden.

Warme Tage.

Aus dem Boden knallende Tulpen.

Leichte Jacken.

Skaten, Radfahren, Joggen.

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Doch diese Worte, diese Frauen, sind immer noch überall still.

Überall? Nein. Ein kleines queerfeministisches Grüppchen in Pankow leistet Widerstand…

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Postkarte aus dem TUNNEL

Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.
Stell ihn auf langsames Tropfen ein.
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
stell den Motor ab. Zähl die Tropfen.
Zähle eins und eins und zwei und drei und fünf und acht und
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.

Frühlingstrunken

Ricarda de Haas

Freitag:
Mit dem schnee ist der blogtext geschmolzen. Worte und fotos hatten zu viel weiß. Viel zu viel weiß.

In einem geschlossenen cafe ein gedeckter tisch mit reserviert-schildchen: Es war einmal. Es wird nochmal.

Samstag:
Spazieren mit einem freund. Eine echte live-begegnung. Wir holen uns coffee-to-go und reden alles mögliche. Vermeiden das c-wort. Beim abschied fällt es doch. Er sagt: es fühlt sich an, als wäre corona vorbei.

Wir lachen. Spüren das lebendige in uns, in der stadt.


Sonntag:
Wieder draußen.

Ganz berlin ist auf den beinen.
Kein fleckchen grün ist unbesetzt, unbelaufen.

Wir schlängeln uns durch, laufen bögen.
Pausieren, wenn eine meute kommt.

Abends denke ich: gefühle können verdammt gefährlich sein. Irrational eben.
Nie hätte ich gedacht, dass dieser satz mal eine so andere bedeutung haben kann.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 6

Während ich mit Élouise durch die Stadt lief, hörte ich Musik und tippte von Zeit zu Zeit in den Rhythmus unserer Schritte und in mein Smartphone hinein meinen Text. Vor der Sammlung Prinzhorn hielten wir an, spähten durch die Scheibe und unser Spiegelbild ins geschlossene Museum. Ich reichte Élouise den rechten Knopf meiner Kopfhörer und gemeinsam hörten wir die Zeile des Refrains: „Don‘t look away, it will be gone.“ Also wandten wir den Blick nicht ab, sondern blieben stehen und ich notierte mir die Liedzeile, so gut es ging, blind.

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zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
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für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
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und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.