Archiv der Kategorie: Allgemein

zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
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für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
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und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 5

Élouise und ich spazierten zu zweit durch das Feld mit Platz zwischen uns für eine unsichtbare Dritte. Noch vor Anbruch der Sperrstunde wollten wir in der Dunkelheit die Unsichtbare nach Hause geleiten, wo immer das sei. Wir begegneten anderen spazierenden Paaren mit unsichtbaren Dritten in ihren Mitten, liefen in großen Bögen umeinander herum.

Mitten im Handschuhsheimer Feld lag ein Kaffeehäuschen, das schon länger im Lockdown war. Das große Fenster, durch das man einst Cappuccino hinausgereicht hatte oder Espresso Macchiato, war schon lange geschlossen, hatte kunstvoll Patina angesetzt, nach Graffiti-Art.

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Melancholia

Ricarda de Haas

Es gibt sie, die magischen Orte. Wo es einen anweht, dass wir immer auch zu spät kommen. Zu einem Ereignis, einem Leben, einem Fest. Nur Spuren statt Begegnung.

Das Besondere an diesem Ort: in diesem Saal speisten einst Frauen, die selten erwähnt werden. Junge Arbeiterinnen. Lungenkrank. Die drei Monate lang genesen durften, bevor sie zurück gingen. Zu ihren Kindern, zu ihren Männern. Essen, das sie nicht mal an Festtagen bekamen, reichlich. Bäder. Natur. Ruhe.

Es gibt diesen Film, vom Ende der Welt. Ein Stern stürzt in die Erde. Menschen feiern im Angesicht des Untergangs. Eine Hochzeitstafel im Schloßgarten. Unter der Schminke bricht es hervor. Eifersucht, Gier, Geschwisterrivalität. Und doch sind die Bilder voll Schönheit.

So auch hier. Der Zauber hat einen schnöden Namen. Versicherung. Die Genesenen kehren zurück. Nach Berlin. In die Fabrik. Der Speisesaal hat eine Empore. Für die Aufseherinnen. Sie verhindern, dass Essen gestohlen wird. Für die Kinder. Am Besuchstag.

Und doch weht es einen an hier, die Schönheit, Kostbarkeit der verschwundenen Leben. So sind wir nun mal, wir Menschlein. Am Ende bleiben nur Spuren. Immer.

Postkarte aus Diensdorf-Radlow

Ich bin kein Stück voran gekommen.
Wasser, Spiegelungen. Immer gleich, egal an welchem Ort.

Aber ich weiß jetzt, auf wen ich warte. Auf Undine. Sie hat uns was zu sagen. Jetzt. Sie kann überall aus dem Wasser steigen. Die Meere dieser Welt sind miteinander verbunden. Das Märkische Meer mit dem Mittelmeer, mit der Ostsee, mit dem Pazifik.

Ich warte und schweige. Es raschelt im Schilf.

They Did It – Back To Reality

Ricarda de Haas

Wer hätte gedacht, dass man so froh sein kann, wenn in einem anderen Land ein Präsident gehen muss. Und vor allem: erleichtert.

Erleichtert, dass sich nun alle wieder auf dieselbe Realität beziehen (können). Unabhängig davon, wie sie sie einschätzen oder sich dazu verhalten. Fakten statt Lügen. Politik statt Propaganda. Die Erde eine Kugel, keine Scheibe.

Die Erschütterung hallt noch nach. Dass jemand, der in einem sehr privaten Universum lebt, eine solche Machtfülle erhalten konnte. So viele Follower hat, noch immer. Die dessen „emotionaler Beweisführung“ so viel abgewinnen konnten. Und damit die kognitive Verzerrung teilten, stützten. Ihr so viel Leben einhauchten, dass daraus eine andere Realität entstand.

Erleichtert auch, dass diese Demokratie funktioniert. Keine „Bananenrepublik“ in Nordamerika. Emotionale Beweisführung hieße hier konkret: „Ich fühle mich schlecht, wenn die Mehrheit der Amerikaner mich nicht mehr als Präsidenten haben will. Auf mein Gefühl kann ich mich verlassen. Also will die Mehrheit der Amerikaner eigentlich, dass ich ihr Präsident bin. Wenn die Ergebnisse das nicht widerspiegeln, muss es sich um Wahlfälschung handeln.“

In Deutschland wissen wir, wohin das führen kann. Wenn niemand dagegen hält. Wenn niemand dafür eintritt, die Realität zu bewahren.
Wir wissen auch, wohin es führt, wenn genug Menschen die Realität zurecht rücken. Wenn derjenige ausgelacht wird, der nach seiner Absetzung noch zu Abgeordneten sagt: Ich liebe doch alle!

Dünn ist die Decke der Zivilisation. Heute hat sie sich als etwas stabiler erwiesen.

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Bild: Bibi Saint-Pol, Public domain, via Wikimedia Commons
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hecataeus_world_map-de.svg

Postkarte aus Wolsztyn

Zuerst dachte ich, es wäre Nebel. Aber es war Dampf. Dampf von den Lokomotiven, für die Wolsztyn berühmt ist. Als der sich verzog, wurde die Stadt sichtbar und die Menschen.  Alle waren festlich gekleidet. Die Frauen dufteten nach Parfüm. Die Männer rückten ihnen die Stühle hin, wenn sie sich in den Cafés setzten. Die Blumen auf dem Platz vor dem Rathaus und die auf den Soldatengräbern tauchten aus dem Dampf auf, die Möwen und die graugetigerte Katze, die zum Angeln ging. Lachend liefen die jungen Mädchen vor uns her.  Auf der Straße wurden Schulhefte verkauft. Es war der erste September.

Nachtschattennotizen im Tagwald

wenn mond, dann liebe

jetzt hing er wieder solo rum. mehr noch: durch.
verhangene stimmung in seinen entrückten sphären.
nur noch die hälfte seiner selbst.
allein allein. alleiner geht nicht.

„cuando luna, amore…“ in dauerschleife. 
ging nicht mehr aus seinem kopf.
eine melodie dazu wusste er auch.

anubis hieß er. bei den wolken, oder?
fünf jahre latein, von totengöttern aber wenig ahnung.
hauptsache mond, anubis hatte das von anfang an so gewollt.
ob voll ob halb ob sichel, hauptsache mond war anubis‘ bedingung.

er hatte es nicht hinterfragt. 
„cuando luna, amore…“ 
immer nur dieser teil eines, wie er meinte, liedrefrains,
seit wochen schon, immer nur „cuando luna, amore…“.

mehr text fiel ihm partout nicht ein.
gab es dieses lied überhaupt?

Urbane Gezeiten

Ricarda de Haas

Ohne sonne spazieren.
Ab und an ein tropfen.
Noch schlendern alle.
Ab und an ein tropfen zu viel.
Schneller gehen Im nieselsprüh.
Der feine film auf bloßer haut
Unangenehm feucht.

Rückblende, eine woche:
Rasensprenger im park.
Erwachsene hüpfen quiekend durchs nass.
Kindisch. Ungeniert. Glücklich.
Den feinen film auf der haut
Behalten wollen.
Sommer zum mitnehmen.

Die letzten meter im regen rennen.
Dann diese spezielle geborgenheit
Wenn es draußen schüttet und
Man drinnen warm sitzt.
Cats and dogs die ganze nacht.
Dieses seltsam tröstliche rauschen.
Als wäre die welt so in ordnung.
Jetzt.

Postkarte aus dem Regio

Liebe Bettine A., B’tynA, Betty,
ich hätte dich so gern getroffen in Berlin, in der Großstadt. Mit dem Regio wollte ich zum vereinbarten Termin. Ich war mir sicher: du wirst diesmal kommen, da sein. Die Umstände wären seltsam genug gewesen: distanziert.
Allerdings – ich blieb auf der Strecke, in der Provinz.
Ein verdächtiger Gegenstand liegt im Gleis, hieß es. Die Polizei beschäftigt sich mit dem Ding.
Betty? Hast du einen verdächtigen Gegenstand ins Gleisbett gelegt? Wolltest du wissen, was passiert? Wolltest du sehen, wie ich in Erkner aus dem Zug steige, zur S-Bahn gehe, die Anzeige lese: Schienenersatzverkehr (Worte, über die ich noch nachdenke … Schienenersatz, verdächtiger) Betty? Hätte ich nur richtig hinschauen müssen? Warst du die im gelben Kleid, die in der Menge verschwand? Hast du gesehen, wie ich die Treppe hinunterstieg, wie ich mich auf dem Bahnhofsvorplatz umschaute. Kein Verkehr, nur Schilder und Wartende. Standest du da unten am provisorischen Haltestellenschild, Betty? Warst du die mit dem Klapprad? Hast du gesehen, dass ich zurück ging zum Regio, den Lokführer fragte, ob er zurück fährt und wieder einstieg? Hast du gesehen, wie die Türen sich schlossen und der Zug wieder anfuhr – zurück, zurück, zurück?