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Postkarte aus meinem Schubfach

Nein, ich habe noch nicht alle Schubkästen und Schränke aufgeräumt. Im Garten wächst noch Unkraut. Es stehen immer noch ungelesene Bücher im Regal, die Fenster sind noch nicht geputzt und der Schal ist auch noch nicht fertig gestrickt. Aber ich schreibe: Briefe, Postkarten, Tagebuch, Blogbeiträge, Gedichtzeilen, E-Mails und am Manuskript fürs nächste Buch.

Leeres Land

Ricarda de Haas

Platz, wohin man schaut. Im doppelten Sinn. Wo die Leute fehlen, ist statt dessen Platz da.
Zugleich ist es das, wonach der Blick Ausschau hält: Wo ist Platz?
Leute-freie Lücken finden. Beim Einkaufen. Im Park. Um sich Platz nehmen zu können.

Diese Leere ist vertraut. Von früher. Auch jetzt ist alles ein bißchen grau. Wie damals. Als wir hier in dem anderen Land lebten. Als wir auch abends zu Hause saßen. Distanzlos, mit Freunden um den Küchentisch. Damals.

Doch im Park die Bänke sind alle in Ordnung. Heute.

Postkarte aus Leipzig

Meine Güte, war die Karte aber lange unterwegs! Vor Weihnachten schon abgeschickt. Mal gucken, was drauf steht.

— Schöne Grüße aus Leipzig. Schade, dass wir uns nicht gesehen haben. Aber ich bin ja bald wieder hier. Wir sehen uns zur Buchmesse im März. —

Tja, und nun? Ich hab gehört, es soll eine virtuelle Buchmesse geben. Virtuelle Spatzen mit virtuellen Krönchen auf ihren Vogelköpfchen zwitschern es von virtuellen Dächern.

Na ja, nicht verrückt machen lassen. Es liegen genügend Postkarten im Schubfach und Briefmarken hab ich auch auf Vorrat gekauft.

… das Glück zu finden

Ricarda de Haas

Er steht einfach da, stumm, inmitten geschäftigen Treibens. Von fern wirkt er unscheinbar. Groß, kantig, etwas schwerfällig vielleicht. Ich, gerade auf der Suche, gehe wie absichtslos in seine Richtung. Man soll mir den Hunger nicht ansehen.

Wenige Meter vor ihm die Überraschung. Er ist Anders. Anders als erwartet. Anders als alle. Schön wie in meinen kühnsten Träumen. Als wäre ein Leuchten um ihn. Farben, die mich mitten ins Herz treffen. Ich will, will. Alles. Sofort. Obwohl ich bis eben von seiner Existenz nichts ahnte.

Es ist unmöglich, zu widerstehen. Er hat alles, was eine Autorin braucht. Papier. Tintenroller. USB-Stick. Ladekabel. Korrekturmaus. Leuchtstifte. Haftstreifen in allen Farben. Automatenglück, wie man es nur als Kind kannte. Soeben neu erfunden von der Staatsbibliothek.

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Nur für meinen Magen findet sich nichts.

Er protestiert.

Aber sehr leise.

Wiener Häuslichkeiten

Ricarda de Haas

Auf dem Weg zum Campus schlendere ich durch den neunten Bezirk, vorbei an Cafés, Trafik* und dem Freud-Museum, das gerade umgezogen ist. Und da entdecke ich es. Unscheinbar steht es da, zwei Stockwerke niedrig, mit geschlossenen Läden träumend, zwischen Gründerzeitbauten, die es um vier Stockwerke stolz überragen.

Traum-Haus. Biedermeierhaus.

Die deutsche Sprache ist merkwürdig. Warum ist ein Traumhaus ein Haus, von dem Menschen träumen, und nicht ein Haus, das träumt? Ist ein Biedermeierhaus ein Haus, in dem Menschen biedermeiern? Oder doch ein Haus, das bieder meiert? Und wie genau zieht ein Museum um? Schlüpft Freud aus der Kiste, um ein letztes Mal Kisten zu packen? Oder zieht das Museum die Wände aus dem Boden und sucht sich ein schönes freies Plätzchen?

Dieses Haus jedenfalls zieht nicht um, und es renoviert sich nicht. Etwas zerzaust steht es da, die Schrift über den geschlossen Läden noch lesbar, das Hausschild über der Tür verblasst. Ein Rudolf Schlapota, Pferdefleischhauer und Selcher, verkaufte hier, ein Alexander Häuser nutzte einen Teil als Lager, ein Rechtsanwalt praktizierte im oberen Stock, ein Fenster- und Zimmerputzer hatte unten ein schmales Geschäft.

Im oberen Stock ein angelehntes Fenster. Blumentöpfe hinter den Scheiben, Fensterschlangen. Irgendjemand wohnt da noch. Trotzt der Zugluft im alten Haus.

Wovon träumt dieses Haus?

Von den wilden Zeiten seiner Jugend? 1781 zwischen Porzellanmanufakturen, Ziegeleien, Webereien und Seidenraupenzucht geboren, hatte es kurz nach der Jahrhundertwende bereits schwere Brände zu überstehen, einen Pestausbruch, die napoleonische Besetzung sowie einen Eisstoß in Donau und Donaukanal. Wasser bekam es erst nach 55 Jahren, Quellwasser, das aus den Bergen durch die Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung nach unten strömte. Knapp siebzigjährig zitterte es sich durch die Wiener Oktoberrevolution, als viele Häuser durch kaiserliche Truppen beschädigt wurden. Als rundum Gründerzeithäuser die Biedermeierhäuser verdrängten blieb das träumende Haus verschont.

Seine späten Jahre waren nicht weniger gefährlich — oder besser: gefährdend? Es überstand Weltkrieg, kommunistischen Putschversuch, Weltwirtschaftskrise. Wurde Zeuge des Novemberpogroms, der Deportation von 12.000 jüdischen Bewohnern aus dem Bezirk. An einige Hundert von ihnen erinnern jetzt in den Boden gelassene „Steine der Erinnerung“, vierzehn davon allein in dieser Straße. Keiner vor diesem Haus. Weil niemand deportiert wurde? Oder weil sich niemand erinnert?

Den Bombenhagel, der viele Häuser im Viertel zerstörte, überstand es fast unbeschädigt. Befreiung durch die Rote Armee und zehn Jahre amerikanische Besatzung hinterließen kaum Spuren. Wirtschaftswunder, Deindustrialisierung, Gentrifizierung und Tourismus folgten – ob es davon noch etwas gemerkt hat? Es träumt so tief..

Als ich es fotografiere, kommt eine Frau vorbei, sagt: „Ewig schad“. Nur diese zwei Worte, hingeworfen in dieser unnachahmlichen Wiener Melancholie. Wo sich Kummer mit Protest mischt, die Stimme erst hoch und dann in den Keller geht. Ich frage, ob sie von dem Haus Genaueres wüsste. Sie verneint. Es sei eine Schande, das Haus verkommen zu lassen. Aber die da hinter den Fenstern, die sei starrsinnig. Sie wolle nicht ausziehen, auch der Gemeinde das Haus nicht übergeben. Ob sie die Frau kennt, die da wohnt? Nein, aber – und nun spricht sie mit Autorität – sie lese die Bezirkszeitung.

* Trafik – zu deutsch-deutsch: Tabakladen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Streit. Kultur.

Setzen Sie sich doch einen Augenblick, sagt die Assistentin von ihrem Platz hinter dem Tresen her und gibt mir die Chipkarte zurück. Ich tue, wie mir geheißen, muss gar nicht erst ins Wartezimmer; keine Konsultation, nur ein Rezept. Finde einen Stuhl nahe beim Empfang. Herbstvoll ist die Praxis, die Kabinen besetzt, vermutlich EKG, Grippeschutz und Nadeln im Kopf gegen Migräne. Es hustet ringsumher, es schnaubt, eine Alte schlurft aus dem Behandlungsraum, schiebt ihren Rollator vor sich her, setzt sich darauf ab, ein Taxi wird gerufen.

Die Tür geht auf. Er kommt herein. Aufrecht geht er, ist groß und schlank von Statur. So jung, wie er sein möchte, ist er nicht mehr, aber alles an ihm ist anerkennenswert: der Dreitagebart, der BMI, die Warnweste zum Fahrradhelm. Sogar die Hosenbeine hat er in die Socken gesteckt. Keine Sturzgefahr.

Noch lächle ich in mich hinein, aber schon dreht er sich um neunzig Grad und mir seinen Rücken zu. Da steht es in riesigen Lettern auf neongelbem Grund: CARFREE CITIES!

Ups! Öfter mal das Auto stehen lassen – okay. Klimaneutrale Mobilität jetzt – einverstanden. Steht da aber nicht. Da steht: CARFREE CITIES.
Adrenalin schießt ein. Nicht aufregen. Ruhig atmen. Nichts werde ich sagen, gar nichts. Ich will doch nur ein Rezept. Die Alte wartet noch immer auf ihr Taxi. In meiner Fantasie macht sie sich nun zu Fuß auf den Weg, sicher hat sie es nicht so weit, vielleicht zweieinhalb Kilometer. Dann die Erinnerung und mit ihr die Mutter auf dem Beifahrersitz, erledigt von der Bestrahlung, die hinter ihr liegt. Zum Adrenalin kommt das Herzblut. Frühling. Blumenerde für den Balkon. Vier Kästen mal zwanzig Liter.

Wie ist es möglich, dass ein Hormon so dominant werden kann? Mach schon, gib’s ihm, ruft es mir zu. Warum kann dieser Kerl nicht endlich an der Reihe sein. Sein Anliegen vortragen und verschwinden, ins Wartezimmer oder weiß der Teufel wohin.

Der Teufel? Was will der denn jetzt in meinem Text? Flüstert mir die Worte zu. Los, Junge, besorg dir deine Anti-Aging-Pillen. Besprich die Werte deines Fitness-Trackers mit Frau Doktor. Hol‘s dir bei ihr ab: braves Bürschchen, fein gemacht. Und dann komm in die Gänge, denk auf dem Heimweg an die Hafermilch für dein Flohsamen-Porridge und …

Stopp!
Verschwinde, Satan!
Was weiß ich denn schon? Vielleicht wurde diesem da ja übel in Mamas und Papas Wagen, vielleicht hat er Angst vor dem Stadtverkehr, vielleicht wurde sein Kind überfahren – nichts weiß ich.
Vermutlich hat er bloß eine Mission. Zu viele davon sind schon unterwegs. Ich lasse ihm den Imperativ im Kreuz. Aber er ist noch immer nicht dran. Ob das ein Zeichen ist?
Also doch, ihn ansprechen. Immer sachte.
Reden. Hören.

Postkarte aus LAUCHHAMMER

Liebe Anja, liebe Mitleser,
ich schreibe Euch aus Lauchhammer. Hier wird auch geschimpft. „Der Holländer, das Dreckschw…“ sagte ein Mann der mir vorhin auf dem Bürgersteig entgegen kam. Er sagte es mehr zu sich, aber doch so laut und so deutlich, dass ich es hören musste. Ich wusste, was er meint: In Lauchhammer stinkt es zum Himmel. Ein Landwirt verteilt Gülle auf seinen Feldern. Ich kenne den Geruch nur zu gut, bin ich doch auf dem Lande groß geworden. Die Nase gewöhnt sich nicht daran.
Vielleicht wird eines Tages erfunden, dass wir nicht nur Bilder, Texte, Töne und Filme virtuell austauschen können, sondern auch Gerüche. Dann schicke ich Euch Geruchspostkarten.

Grüße an die Ellerbecks, in Gottes Namen.

 

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bilanz eines Sommers

Die Badeseen schon im Juni so warm wie das Mittelmeer im August. Die Wasserläufe, die sie gewöhnlich verbinden, sind nur noch Rinnsale. Das Kanu tragen. Um Herzkranke fürchten bei vierzig Grad. Staubgrau die Schuhe beim Spaziergang durch den Wald, entwurzelte Bäume liegen kreuz und quer, Mehltau besiedelt die Eichenblätter. Ich lausche: Nichts summt um mich her.

Alle Fenster sind offen. Trotzdem kommen keine Mücken herein. Brandgeruch weht in die Stadt aus Richtung der Truppenübungsplätze. Niemand löscht, es liegt Sprengstoff im märkischen Boden, es liegt ein Unwetter in der Luft, kommt näher, tobt sich aus über den Dächern, Blitz und Donner kennen keine Pause, und Schlammlawinen drängen in die Häuser mit dem Wolkenbruch.

Vom Klimawandel reden. Den Klimawandel spüren.
Manche bezweifeln, dass es den Klimawandel gibt.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Windenblüte

Es wirkt entschieden, nahezu brutal, wie diese zarte Windenblüte das Blatt durchstößt und sich selbst fesselt.

Ich ziehe die Blüte vorsichtig aus dem Blatt, kann dabei aber nicht verhindern, dass es noch weiter einreißt; und das nur, weil ich es nicht ertragen kann, dass die Blüte sonst nicht aufblühen könnte, sich nicht öffnen würde.

Nun blüht sie in all ihrer Schönheit, doch in meine Freude mischen sich Zweifel und ein leises Bedauern.