Archiv der Kategorie: Carmen Winter: Postkarte aus…

Postkarte aus dem KINDHEITSLAND

Als ich ein Kind war, fiel der Schnee in dicken Flocken. Mit weißen Tüchern deckte er die Fensterbretter zu, den Hof und das ganz Dorf. Wir rodelten. Die Großen schnallten die Skier unter. Wir bauten Schneemänner und lernten das Gedicht von den hungrigen Vögeln im Winter. „Buntspecht, komm nach vurn. Buntspecht, hier ist dein Wurm. Und besten Dank für die Arbeit.“

Einmal fiel der Schnee und fiel und fiel und hörte gar nicht mehr auf zu fallen. Die Großen nahmen die Schaufeln und schaufelten Gänge vom Haus zur Straße und vom Haus zum Holzschuppen und vom Haus zu den Hühnerställen. Wir formten Ziegel aus dem Schnee und bauten mitten im Garten einen Iglu. Nur ich konnte darin aufrecht stehen.

Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.

Postkarte aus Groß Breesen

Hier hinterm Haus sitzen und lesen. Das Gemurmel der andern Gäste hören. Über der Schafweide die Schwalben – knapp überm Boden. Zwitschern, Blätterrauschen. Ein Stück gehen, in die Bücherscheune gucken, zurückkehren, einen ganz großen Eisbecher mit Erdbeeren essen, weiter lesen. Zwischendurch ein Foto machen für die Postkarte aus Groß Breesen. Dann ein großer Raubvogel überm Haus. Leider erkenne ich sie immer noch nicht am Flugbild.

ABC

Postkarte aus BLOSSIN

In den brandenburgischen Wäldern, außerhalb des Berliner Rings, ja, außerhalb dieses Autobahnrings rings um die Stadt, die sich beständig in die Wälder hineinfrisst und in die Dörfer, da liegt das Alphabet auf der Straße und auf allen Stufen, die nach oben führen und auf allen Stufen, die nach unten führen. Dort wollten wir uns treffen.
Autorinnentreffen im Wald bei Blossin. Die Buchstaben lagen so offenbar auf der Straße und auf den Treppenstufen, wir mussten uns dort treffen und lesen und reden, fragen und antworten, Texte abklopfen. (Ach, immer dieser begrenzte Platz auf den Postkarten, es gäbe noch so viel zu erzählen.)

Postkarte aus JOACHIMSTHAL

Ich schreibe aus dem Lyrikhaus. Es steht in der Schorfheide. Ihr werdet es finden, ganz gewiss. Ich habe es an einem Wintertag im Januar gefunden, habe mich hier mit einem Lyriker aus Lübeck getroffen. Der Hausherr hatte für uns die Büchertische beiseite geräumt, seine Frau hatte Kuchen gebacken, Kaffee gekocht und er hatte den Ofen geheizt, einen Lehmoffen. Wir durften auf der Ofenbank sitzen und uns den Hintern wärmen, während wir den Gästen unsere Gedichte vorlasen. Idylle? Ja. Idylle mit Tränen, die einer Frau über die Wangen rannen beim Gedicht über die Zeit von Neunzehnhundertdreiunddreißig bis Neunzehnhundertfünfundvierzig.

Postkarte aus SYRAKUS

Blauer Himmel, Sonne, Ortigia, Steinbrüche, das griechische Theater, essen im Il Blu, der Markt, das Meer und viel Espresso, das ist Syrakus. Syrakus am Mittelmeer, unweit von Lampedusa. Ich las Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus. „Sobald Gerechtigkeit sein wird, wird Friede sein und Glück: sie ist die einzige Tugend, die uns fehlt. Wir haben Billigkeit, Großmut, Menschenliebe, Gnade und Erbarmung genug im Einzelnen, bloß weil wir im Allgemeinen keine Gerechtigkeit haben.“ Das schrieb er 1802.

Postkarte aus BEZ GRANIC

BEZ GRANIC – ohne Grenze. Ein Fluss, ein Grenzfluss, er fließt zwischen zwei Ländern. In den beiden Ländern werden verschiedene Sprachen gesprochen. Eine Fähre – Prom trägt mich und mein kleines rotes Auto von einem Ufer zum anderen. Der Boden unter meinen Füßen und unter den Rädern meines Autos schwankt ein wenig. Ich habe weiche Knie auf BEZ GRANIC zwischen den Ufern, schaue nach Norden und schaue nach Süden: der Fluss fließt grenzenlos. Nur die Ufer im Osten und Westen grenzen ihn ein.
Dann legt die Fähre an. Ich muss einsteigen und weiterfahren. Es ist ganz angenehm, festen Boden unter den Füßen und Rädern zu haben.

Postkarte aus KASSEL

Nein, ich bin nicht zum Lachyoga in Kassel. Ich bin zum Schreiben hier. „Über Lachen zu schreiben macht gute Laune“, hat heute jemand geschrieben. Jetzt sitze ich am Friedrichsplatz, auf dem die Menschen sich bewegen wie auf einer großen Bühne, und lausche welche Arten von Lachen ich zu hören bekomme. Ansteckendes Lachen war noch nicht dabei. Aber Auslachen: als die laute junge Frau am Nebentisch beim Aufstehen einen Stuhl umstieß.

 

Carmen Winter: Postkarte aus HANNOVER

Das Hotel habe ich ganz schnell gefunden.  Mein Zimmer ist winzig. An der Wand steht der Spruch „Die wichtigsten Dinge sind oft nur sehr klein.“ Daneben die Silhouette eines Kindes, das an einem Laptop spielt. Sind die wichtigsten Dinge also: Zimmer, Kind und Laptop?

Essen waren wir in einer Gaststätte, die meinen Namen trägt.  Ich habe versucht, die Gespräche meiner Tischnachbarn zu synchronisieren. Mit dem Ergebnis bin ich nicht zufrieden: „Wenn man die Männchen alleine einsperrt, singen sie schöner. Und dann werden sie frittiert.“

Ich erzählte von meinem winzigen Zimmer und dem Spruch an der Wand und mein Gegenüber erinnerte sich, einmal in einem  großen, saalartigen Zimmer übernachtet zu haben, in dem nur ein Bett und ein Schrank standen. Er wünschte sich einen Teppich, sagte er, der hätte ihm Trost vermittelt.