Archiv der Kategorie: Carmen Winter: Postkarte aus…

Postkarte aus der Galerie

Der Vorhang hebt sich, sagt sie. Sie können hier durchgehen, sagt er, dann hören Sie Töne.

Ich gehe hindurch und herum und hinauf. Ich höre die Töne, ich sehe den Vorhang. Bunt ist der und er hebt sich noch nicht.

Aber morgen, morgen wird der Vorhang aufgehen und dann: Theater, Kino, Konzert,Lesung, Ausstellung. Begegnung, Gespräch, Futter fürs Gehirn. Lächeln.

(Rauminstallation „Der Schleier hebt sich“ von Kerstin Hoffmann in der Spectrum Galerie Kunigam)

Postkarte aus Aurith/Urad

Schöne Grüße von der Oder!
Ich weiß nicht, ob die Oder besungen wurde, wie der Rhein oder wie die Saale. Ich weiß, dass Günther Eich schrieb: „Oder, mein Fluss.“ Aber vertont wurde dieses Gedicht wohl nicht. Vielleicht gibt es polnische Lieder über die Odra. Soll ich eine Suchmaschine fragen? Es ist nicht so einfach, mit dem Begriff ODER in Suchmaschinen zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen.

Wenn ich an der Oder entlang radele, lausche ich den Liedern der Vögel. In meinem Kopf summt es. „Muss i denn, muss i denn ..“ Ja, ich muss hinaus! An den hellen Strand der Mutter Oder. Dahin, wo die Angler aufs Wasser starren, wissend, dass tief unten der Wels wartet.

Postkarte aus dem TUNNEL

Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.
Stell ihn auf langsames Tropfen ein.
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
stell den Motor ab. Zähl die Tropfen.
Zähle eins und eins und zwei und drei und fünf und acht und
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.

Postkarte aus dem KINDHEITSLAND

Als ich ein Kind war, fiel der Schnee in dicken Flocken. Mit weißen Tüchern deckte er die Fensterbretter zu, den Hof und das ganz Dorf. Wir rodelten. Die Großen schnallten die Skier unter. Wir bauten Schneemänner und lernten das Gedicht von den hungrigen Vögeln im Winter. „Buntspecht, komm nach vurn. Buntspecht, hier ist dein Wurm. Und besten Dank für die Arbeit.“

Einmal fiel der Schnee und fiel und fiel und hörte gar nicht mehr auf zu fallen. Die Großen nahmen die Schaufeln und schaufelten Gänge vom Haus zur Straße und vom Haus zum Holzschuppen und vom Haus zu den Hühnerställen. Wir formten Ziegel aus dem Schnee und bauten mitten im Garten einen Iglu. Nur ich konnte darin aufrecht stehen.

Postkarte aus Wolsztyn

Zuerst dachte ich, es wäre Nebel. Aber es war Dampf. Dampf von den Lokomotiven, für die Wolsztyn berühmt ist. Als der sich verzog, wurde die Stadt sichtbar und die Menschen.  Alle waren festlich gekleidet. Die Frauen dufteten nach Parfüm. Die Männer rückten ihnen die Stühle hin, wenn sie sich in den Cafés setzten. Die Blumen auf dem Platz vor dem Rathaus und die auf den Soldatengräbern tauchten aus dem Dampf auf, die Möwen und die graugetigerte Katze, die zum Angeln ging. Lachend liefen die jungen Mädchen vor uns her.  Auf der Straße wurden Schulhefte verkauft. Es war der erste September.

Postkarte aus dem Regio

Liebe Bettine A., B’tynA, Betty,
ich hätte dich so gern getroffen in Berlin, in der Großstadt. Mit dem Regio wollte ich zum vereinbarten Termin. Ich war mir sicher: du wirst diesmal kommen, da sein. Die Umstände wären seltsam genug gewesen: distanziert.
Allerdings – ich blieb auf der Strecke, in der Provinz.
Ein verdächtiger Gegenstand liegt im Gleis, hieß es. Die Polizei beschäftigt sich mit dem Ding.
Betty? Hast du einen verdächtigen Gegenstand ins Gleisbett gelegt? Wolltest du wissen, was passiert? Wolltest du sehen, wie ich in Erkner aus dem Zug steige, zur S-Bahn gehe, die Anzeige lese: Schienenersatzverkehr (Worte, über die ich noch nachdenke … Schienenersatz, verdächtiger) Betty? Hätte ich nur richtig hinschauen müssen? Warst du die im gelben Kleid, die in der Menge verschwand? Hast du gesehen, wie ich die Treppe hinunterstieg, wie ich mich auf dem Bahnhofsvorplatz umschaute. Kein Verkehr, nur Schilder und Wartende. Standest du da unten am provisorischen Haltestellenschild, Betty? Warst du die mit dem Klapprad? Hast du gesehen, dass ich zurück ging zum Regio, den Lokführer fragte, ob er zurück fährt und wieder einstieg? Hast du gesehen, wie die Türen sich schlossen und der Zug wieder anfuhr – zurück, zurück, zurück?

Postkarte aus meiner Wolke

Ich bitte um Eintritt. Ich werde aufgefordert, einzutreten. Wir checken Ihre Kamera. Wir checken Ihr Mikrofon. Hören Sie den Ton? Wo kann ich mich setzen? Wir wechseln hier ständig die Plätze. Wir ändern auch unsere Namen. Manchmal hilft es, den Raum kurz nochmal zu verlassen. Was stand an der Tür? War ich im falschen Raum? Schon wieder verirrt? Oder ist es die falsche Zeit? Ich verlasse den Raum. Wer schließt die Tür hinter mir?