Archiv der Kategorie: Carmen Winter: Postkarte aus…

Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.

Postkarte aus KLÜTZ

Ich fand einen Speicher, in dem Getreide gespeichert wurde. Es rieselte von Etage zu Etage durch das ganze Haus. Ich fand einen Speicher, in dem Literatur gespeichert wird. Texte, Wörter, festgehalten an den Wänden, in Büchern, auf Tonträgern. Uwe Johnson war hier – eigentlich nicht. Oder doch? Ist Klütz = Jerichow? Eigentlich nicht – oder doch? Der alte Speicher versucht, ein Leben und ein Werk zu fassen, Fakten und Fiktion. Tür und Fenster stehen offen. So kann das eine oder andere entweichen. Und ich konnte eintreten. Ich fand die Katze Erinnerung. Die kroch mir in den Jackenärmel.

Postkarte aus KÖNIGS WUSTERHAUSEN

Es regnete, es war dunkel und kalt. Ich hatte Hunger. „Tausche alte Kaffeekanne gegen Tasse Kaffee“ las ich am Schlosskaffee. Ich hatte keine Kaffeekanne dabei. Also weiter. In der nächsten Gaststätte wurde ein Geburtstag gefeiert. Der DJ hatte die Bässe bis zum Anschlag hoch gefahren. „Bella ciao„, „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär“ und das Rennsteiglied spielte er direkt nacheinander. Ich löffelte meine Tomatensuppe. Die Ohren kann man nicht schließen.

Postkarte aus Kołobrzeg

In Kołobrzeg schwammen die Fische im Wald umher. Nachts sahen wir UFOs am Himmel und der Bogen einer Brücke leuchtete in Gelb, Blau, Grün, Orange und Rot. Vor dem Rathaus nahmen die Menschen auf einem roten Sessel aus dem Weihnachtsmannland Platz und ließen sich fotografieren. Im Schaufenster standen Marilyn und Rambo beieinander. Sie flüsterten sich etwas zu. Ich konnte es sehen, aber nicht hören. Ich habe die Möwen und die Dohlen gefragt, was hier geflüstert wird. Ich habe den Leierkastenmann gefragt und seine Papageien. Ich habe keine Antwort bekommen. Es regnete die ganze Zeit.

Postkarte vom OHRFELDHAFF

 

Ohrfeldhaff, Niesgrau – das sind Orte, die mich allein wegen ihrer Namen neugierig machen. Ich sehe ein Feld, auf dem Ohren wachsen. Ich lausche.  Ich höre graue Wolken niesen. Ich sehe das Meer. Ich sehe eine Stadt, einen Hafen. Der Himmel ist grau. Der Regen jagt mich nach drinnen, in eine Aalräucherei. An der Tür Poesie: Sage Kapseln nie Adieu ohne einen Aal von Föh.

PS: Als Souvenir  bringe ich außer dem Aal eine graue Regenjacke mit.

Postkarte aus FRANKFURT (ODER)

Vor 30 Jahren bin ich hier her gezogen. Damals war Frankfurt noch Bezirksstadt. Die erste Wohnung hatte Ofenheizung und einen Nachbarn, der den Schlüssel nahm und heizte, wenn wir im Winter mal eine Woche weg waren.
Ich erinnere mich, das ich immer müde war. Auch im Büro musste morgens ein Ofen geheizt werden. Es war das Büro des Bezirksliteraturzentrums. Der Platz auf einer Postkarte reicht nicht aus, um zu erklären, was das für eine Einrichtung war.
1988 habe ich natürlich nicht gedacht, dass ich 2018 immer noch in Frankfurt (Oder) leben würde.

Postkarte aus Groß Breesen

Hier hinterm Haus sitzen und lesen. Das Gemurmel der andern Gäste hören. Über der Schafweide die Schwalben – knapp überm Boden. Zwitschern, Blätterrauschen. Ein Stück gehen, in die Bücherscheune gucken, zurückkehren, einen ganz großen Eisbecher mit Erdbeeren essen, weiter lesen. Zwischendurch ein Foto machen für die Postkarte aus Groß Breesen. Dann ein großer Raubvogel überm Haus. Leider erkenne ich sie immer noch nicht am Flugbild.

Postkarte aus Seyðisfjörður

Seyðisfjörður, das bedeutet Zaubertrankfjord. Eine Trollfrau stand hier, das eine Bein auf dem rechten Berg, das andere Bein auf dem linken Berg und rührte mit einem großen Löffel den Zaubertrank um, den sie kochte, so erzählt man sich. So erzählt man sich in diesem Land, aus dessen Erde es blubbert und dampft, in diesem Land, das die Mutter der Berge verehrt, in diesem Land, das nicht anders entstanden sein kann als durch Erzählen. Berg und Fjord und Trollfrau wurden erzählt und mit dem Erzählen wurden sie sichtbar.

Postkarte aus WOLFENBÜTTEL

DSCF6353Wer Korn in die Schünemannsche Mühle trägt, wird es wieder nach Hause tragen müssen. Zwar rauscht das Wehr wie eh und je, aber in der Mühle malten wir uns was aus: einen Schriftstellerkongress und einen 50. Geburtstag mit Ehrengästen und eine neue Zukunftserzählung und eine Mandatsprüfungskommission und die Welt der Selfpublisher und die Zukunft der Arbeit und, und, und. Und eine las ein Stück aus einem Krimi vor, darin war einer Schuld an allem Übel. Jedenfalls glaubten das die Leute.