Archiv der Kategorie: Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Plastikmüll

Der Grill so groß wie ein Mittelklassewagen. Das arme Schwein ist halb verkohlt. Der Fisch trägt mehr Plastik in sich als der Teller, auf dem er gleich landen wird. Das in Würstchenform gepresste Phytoöstrogen hält Abstand zu all dem Tierischen. Fett trieft. Dämpfe wabern. Männer greifen zu. Frauen lassen das Brot weg. Und die Kräuterbutter. Und die Steaksoße. Unter dem Tisch speisen die Mücken, saugen das frisch getankte Eisen aus rasierten Beinen. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Mitgemeint

Verborgen in den Tiefen der sprachlichen Gewohnheit, spüre ich die Sehnsucht nach dem explizit Weiblichen, das in seiner ureigenen Form leider selten zu finden ist, in der Regel verschwiegen und auch sonst viel zu häufig beiseitegeschoben, allein dort plakativ ins Bewusstsein gerückt, wo es ziemlich nackt dasteht.

Seit jeher. Ist das so. Zwar will unsere Gegenwart längst eine andere sein, doch das andere wird laut Duden nun einmal bevorzugt kleingeschrieben, während das Weitere immer groß daherkommt und deshalb seinen Platz verteidigt gegen jeden Widerspruch, der kein Schon- wieder-Spruch ist. So bleibt die Kundin auch zukünftig ein Kunde für die Bank, die sich die Frau wohl gar nicht vorstellen kann, wenn es ums Geld geht oder ums Vermögen in diesem brüderlichen Vaterland, das sich auch nicht neu denken lassen will.

Und dann höre ich folgenden Dialog:
Kind: Wofür ist denn das Geld hier in der Schale?
Mutmaßliche Mutter: Für die Putzfrau.
Zu diesem Zeitpunkt ist weit und breit kein Mensch zu sehen, der oder die zum Reinigungspersonal gehören könnte, und doch ist das generische Maskulinum ganz schnell und selbstverständlich von der Bildfläche verschwunden, hat sich aus dem Staub gemacht und verlangt nach keinem Richter und auch nach keiner Richterin, es zum Maß aller Dinge zu erheben. Dem Kind werden die wenigen Münzen als kümmerlicher Lohn erscheinen. Na ja, für solchen braucht’s ja dann auch keine Bank.

 

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Sonderbare Sondierungen
Tage und Nächte im Schein der Argumente oder Argumente zum Schein.
Reporter und Journalistinnen beißen sich mit ihren Fragen die Zähne aus.
Still schweigen die Verhandelnden. Keine Reg(ier)ung.
Aber die Macht ist ein sehr altes Tier. Immer hungrig.
GroKo und Kroko schnappen zu.

 

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Bushaltestelle

Trüb der Himmel. Sprühregen und Nebel. Ich ziehe die Schultern hoch und den Schal bis über die Nase. Der Bus kommt. Hat nur noch fünfzig Meter bis zur Haltestelle so wie auch ich. Aber er fährt und kommt näher. Ich warte an der roten Ampel. Autos rauschen vorbei, viel zu viele, viel zu schnell.
Der Bus hat die Haltestelle beinahe erreicht. Ich sehe den Blinker, trete auf der Stelle. Die Ampel springt um.
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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Wählen gehen!

Es einfach tun. Keine Ausreden. Kein Wenn und Aber.

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Eine Schlange von den Tischen bis zur Tür.
Sich die Zeit vertreiben, die Wartenden studieren. Was die wohl …?
Der Alte vorn führt seinen Dackel aus, schaut kurz im Rathaus vorbei. Einmal wie immer, bitte. Dem Hund ist’s egal.
Die Frau im Schlabberlook hat die Lippen fest aufeinandergepresst. Drängelt und schubst und schiebt sich vorwärts. Will endlich heimzahlen. Oder ist bloß sauer, weil ihr Lover sich das Frühstück aus den Zahnzwischenräumen pult.
Muss ihr Lover sein, tätschelt nun ihren Hintern. Blickt sich um. Alles neu für ihn. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Nachtschicht

Sie musste wach bleiben, den Blick auf die Formel richten, P1010165adie noch immer nicht stimmte. Sie gähnte. Rieb sich die Augen. Gähnte erneut. Den ganzen Tag lang das Grübeln und Verwerfen für nichts. Eine neue Berechnung. Der nächste Versuch. Papierkorb, real und digital. Weg damit.
Es arbeitete weiter und immer weiter in ihrem Hirn, obwohl längst das Mondlicht hell auf ihren Schreibtisch fiel. Etwas war falsch falsch falsch.
Die Glieder wie Steine so schwer. Sie ließ die Schultern kreisen und spürte keine Besserung. Vielleicht sollte sie kurz den Kopf auf die Arme sinken lassen. Und die Augen schließen. Nur für … ein paar … Minuten. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Schnell die Zähne putzen. Und duschen. Etwas trinken to go. Flugs noch Geld holen. Und ausgeben. Die Zeitung überfliegen. Oder den Äquator. Die Welt bereisen. Und ein Selfie schießen. Vielleicht auch den Vogel ab. Mal eben die Arbeitszeit hinter sich bringen in der Werkstatt, im Labor, in der Praxis, im Büro. Ein Callcenter in der Leitung. Der Anruf kostet Sie. Pro Minute. Fix was essen. Rasch ein Kind zeugen. Rush Hour, um Himmels Willen, so lange dauert das nicht. Kurz das Kind füttern. Und den Opa auch. Ihn beerdigen. Eilends trauern. Blick nach vorn. Licht am Ende des Tunnels. Weit weg.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Vielleicht werden eines Tages Roboter(Innen???) das Problem mit den Fusseln lösen, sie mit geschickten stählernen Fingern vom Mantel sammeln oder uns schon vor dem Kauf beraten, in Quantencomputergeschwindigkeit den Fusselindex aus Materialbeschaffenheit und -dichte errechnen.

Warum sagen Wissenschaftler(Innen, ja!!!) eigentlich immer, dass sie Gott spielen, wenn sie an den Humanoiden herumbasteln? In der Regel halten sie doch jeden irgendwie religiös gefärbten Glauben für unvereinbar mit ihrem Selbstverständnis, während sie in der Forschung wetteifern, wer den besten stets verfügbaren Pflegehelfer, die aalglatteste Servicekraft oder die martialischste von Ferne zu steuernde Waffe entwickelt. Das alles klingt gruselig, und doch beflügeln die Neuheiten aus den Laboren meine Fantasie. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Da liegt diese Schachtel auf dem Tisch, seit Wochen schon. Es ist ja nicht so, dass ich ihr keine Beachtung schenke – ganz im Gegenteil. Sehr genau habe ich sie in Augenschein genommen und sogar ihr Innerstes studiert: den Beipackzettel.

Ich muss ja nicht. Im Grunde fühle ich mich pudelwohl. Es wäre alles in Ordnung, gäbe es da nicht diese Forschungsgruppe, die mit ihrem Tun die halbe Menschheit drangsaliert und pathologisiert für Ruhm und Ehr und vielleicht auch noch mehr …

Zu Risiken und Nebenwirkungen.
Was ist denn das eigentlich für ein Wort? Neben Wirkungen.
Das Zipperlein ist behoben, von Herz und Nieren war nicht die Rede, oder was?
Und warum so winzige Buchstabenfolgen? Wollen die mir jetzt etwas mitteilen oder lieber doch nicht? Schreib möglichst klein, dann schrumpfen auch die Bedenken.

Einer bis zehn von 100, von 1000, von 10000 Behandelten; die Nullen bilden lange Ketten und werben um Vertrauen. Aber was denn jetzt – einer oder zehn?
Hier ist es beinahe dasselbe, aber wenn nur zwei statt drei von 1000 erkranken, nennen sie das: ein Argument von 33 Prozent.

Ich ziehe einen Blister aus der Verpackung, befühle die einzelnen Kammern.
Warum soll ich denn nur? Warum soll ich denn nicht?
Vielleicht morgen …