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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bilanz eines Sommers

Die Badeseen schon im Juni so warm wie das Mittelmeer im August. Die Wasserläufe, die sie gewöhnlich verbinden, sind nur noch Rinnsale. Das Kanu tragen. Um Herzkranke fürchten bei vierzig Grad. Staubgrau die Schuhe beim Spaziergang durch den Wald, entwurzelte Bäume liegen kreuz und quer, Mehltau besiedelt die Eichenblätter. Ich lausche: Nichts summt um mich her.

Alle Fenster sind offen. Trotzdem kommen keine Mücken herein. Brandgeruch weht in die Stadt aus Richtung der Truppenübungsplätze. Niemand löscht, es liegt Sprengstoff im märkischen Boden, es liegt ein Unwetter in der Luft, kommt näher, tobt sich aus über den Dächern, Blitz und Donner kennen keine Pause, und Schlammlawinen drängen in die Häuser mit dem Wolkenbruch.

Vom Klimawandel reden. Den Klimawandel spüren.
Manche bezweifeln, dass es den Klimawandel gibt.

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Glatt gelogen!

Ich hatte diese Frage, die ich online nicht stellen konnte, und rief deshalb die Nummer auf dem Schreiben an, auf dem stand, man helfe mir gerne weiter. Sogleich meldete sich eine weibliche Stimme, die sich mir als künstliche Person vorstellte und vorschlug, ich könne ja auch online oder eben warten, bis ihre menschliche Mitarbeiterin frei sei, und dann klingelte es kurz und ich hörte wieder eine weibliche Stimme, die diesmal wohl menschlich sein sollte und doch von der vorherigen nicht zu unterscheiden war, und die menschliche weibliche Stimme fragte tatsächlich und zuckersüß, womit sie mir denn weiterhelfen könne. Ich stellte frohen Mutes meine Frage, ein bisschen vertrackt war die ganze Angelegenheit, sonst hätte ich ja auch online …

Sie antwortete, es tue ihr leid, da könne sie mir auch nicht weiterhelfen, plötzlich gar nicht mehr menschlich, aber noch immer sehr weiblich und zuckersüß und bedauernd. Das Gespräch war damit beendet.

Und ich saß da. Mit dem Telefon in der einen und dem Schreiben in der anderen Hand, den Blick starr auf die Wand gerichtet. Und mit einer Körperschwere, als hätte ich seit dreiundzwanzig Tagen und Nächten nicht geschlafen, so müde, so abgebügelt und doch nicht faltenfrei. Schon einmal hatte ich mich so gefühlt, damals war ich unaufmerksam gegen einen Straßenpfeiler gelaufen. Aber dieser ließ sich – immerhin – danach noch umgehen, wenn auch mit einer Beule auf der Stirn.
Und jetzt?
Und. Was. Jetzt?
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Viel Vergnügen

Sonntag und Sommerwetter und ich mit einem guten Buch am Ufer des Teltowkanals, bis der Hunger kommt. Moment mal, Anfang Juni, ist da nicht ein Rummel im Park um die Ecke wie in jedem Jahr? Ich stelle die Ohren auf Empfang: Tatsächlich, nun höre ich ein Jauchzen und Kreischen und Hupen und wummernde Bässe. Ist ja nicht so, dass man mich mit Autoscootern und einem Riesenrad locken könnte, aber wenn ich mir Knoblauchbrot und Erdbeerbowle vorstelle, sieht es schon anders aus. Das Buch zugeklappt, zehn Minuten Fußweg, und schon bin ich mitten im Getöse. Alles dreht sich, alles bewegt sich, eine Menschentraube an der Losbude, die Oma bringt fünf Punkte, der Opa zehn. Nichts Neues, denke ich und folge dem Duft von gebrannten Mandeln, bis  mich etwas abrupt innehalten lässt:
Eine Gondel steht senkrecht hoch über den Baumkronen, die andere ist gerade am Boden und wird frisch befüllt, sechs coole, aber kreideweiße Teenager torkeln heraus, fünf neue werden festgesteckt, ein Mädchen springt ab im letzten Moment, sichbar verzweifelt, wohl weil der Mut sie verlassen hat. Dabei brauchte es doch schon immer viel mehr Courage, sich dem Gruppendruck zu widersetzen, als eine Wahnsinnstat zu begehen. Denn für die anderen gibt es schon kein Entrinnen mehr. Langsam, schneller, rasend herum und herum und wieder herum wie eine Waschmaschine im Schleudergang, nur nicht Shirts und Shorts an Bord, sondern Halbwüchsige, und eine Trommel dreht sich nicht auch noch um die eigene Achse und schaukelt dabei hin und her wie dieses Höllengerät.
Da heißt es immer, die Jugendlichen litten heutzutage unter Bewegungsmangel. Nun, diese hier nicht. Es kann auch keine Rede von Entschleunigung sein, noch lange hin, bis die Kids Rosinen kneten und im Storchengang durch Schlamm waten werden. Wildes Geschrei saust an mir vorbei, zum Glück, sie leben noch, und auch meine Fantasie ist quicklebendig. So weiche ich zurück für den Fall, dass jemandem da oben der noch eben genossene Imbiss aus dem Gesicht fällt; ein Schauer durchgekauter Pommes rot-weiß aus tintenblauem Himmel. Und was geschieht eigentlich, wenn ein plötzlicher Defekt die Maschine nicht mehr stoppen lässt?
Aber nein. Aber nein. Das Tempo verlangsamt sich. Allmählich. Die Bremsen scheinen zu greifen. Das Karussell bleibt stehen, und hinter der Absperrung hat sich schon eine Schlange gebildet für die nächste Fahrt. Es gibt sie, die Außerirdischen, sie leben mitten unter uns. Die da und ich – das kann doch nicht dieselbe Spezies sein.

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Anhalten

Messer und Gabel auf blauem Grund. Eigentlich möchte ich die Fahrt nicht unterbrechen, doch ich setze den Blinker und ärgere mich, denn mein Körper lässt mir keine Wahl. Ist es ein Nachteil des Reisens mit dem Auto, dass ich mich von den Überflüssigkeiten nicht während der Fahrt befreien kann wie im Zug, wie im Flugzeug? Oder ist es ein Glück? Ein morgenkühler Wind weht mich wach, die Muskeln lockern sich, und mein Blick sieht dankbar nicht mehr nur Leitplanken und Rücklichter, sondern das Treiben auf dem Parkplatz. Zwei Motoradfahrer kommen unter ihren Helmen zum Vorschein, ein junges Paar knutscht am Fahrbahnrand, eine Mutter wickelt am Spielplatz erst das Baby, dann belegte Brote aus, und die anderen Reisenden schlendern auf das Restaurant zu. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

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Dunkel um vier. Graupelschauer. Kein Blatt am Baum. Der Wind dreht auf Nord. Bloß schnell Frostschutz für das Wagenwischwasser holen, sozusagen für das www.

Ob der Drogeriemarkt so etwas führt? Groß genug wäre die Filiale ja, zwei Etagen neuerdings. Unten Eau de Toilette und Bio-Nudeln. Ich könnte hochfahren. Hochfahren fürs www. Andererseits: Erst die Rolltreppe und dann alle Gänge absuchen für nichts?
Da hinten steht jemand im Kittel. Ich warte, während die Verkäuferin einen Rentner in Gesundheitsfragen berät. Schauen Sie mal hier: Selen plus Jod. Der Alte zieht zum Glück die Nase kraus.
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Vor der Tür stehen, das heißt ja: Nicht mehr lange,
bis es kommt, gleich, gleich.
Ein Countdown der besonderen Art ist der Kalender mit den 24 Türchen. Nur ein bisschen Schokolade, ein buntes Bild, die Kinder freuen sich.

Kinder? Wie jetzt, Kinder? Und die Erwachsenen?
Die brauchen das doch auch, noch viel dringender sogar, sich überraschen lassen, wo gibt es das denn noch in Zeiten des Word Wide Web, wo wir schon vorher wissen, wie das Klo aussehen wird, in das wir im Urlaub pinkeln werden, welche Ecke am Strand zu meiden ist, weil das angeschwemmte Plastik den Meerblick trübt. Türchen also, wunderbar, und wo die Kleinen klein, sind die Großen groß, größer, gigantisch. Schokolade war einmal. Und Türchen auch. Jetzt sind es Säcke, Pakete, Ungetüme im Schrankformat. Der Adventskalender wird zum Statussymbol. In 24 Raten abstottern, was schiefgegangen ist übers Jahr, damit Frieden herrscht zum Fest. Die Premiumausgabe ist schon für knapp 230 Talerchen zu haben, Peanuts das alles, Zinsen gibt’s ja nicht, bloß weg mit dem Geld. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

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Der Algorithmus ist keine Erfindung des Internets, ist ein Unkraut, das wuchert und austreibt und sich zwischen all die zarten Pflänzchen des Möglichen drängt. Wenn Baby, dann Wiege, wenn Mädchen, dann rosa, wenn rosa, dann Puppe und Ponyhof. Anziehen. Vom Leibe halten. Die Haut wächsern unter dem Make-up, die Decke gläsern und doch aus Beton. Job und Geld, ab und zu, wenn alle anderen zufrieden sind. Familie und Ehrenamt. Rückenschule und Abendkurs. Auch mal Nein sagen. Fünf Doppelstunden und Praxisteil. Gepflegt altern. Zur Tafel gehen oder tafeln gehen auf hoher See. Wenn Kreuzfahrt, dann Cocktailkleid. Zum Schluss wieder Puppe. Roboter aus Plüsch rollt mit den Augen, gibt Pfötchen und zaubert ein Lächeln. Für sie allein.

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Die Nacht wird nicht dunkel. Kaum ein Stern ist zu sehen, stattdessen die roten Lichter der Baukräne über den Dächern der Stadt. Turmhoch die Gebäude, die Preise, die Erwartungen. Der flexible Mensch des 21. Jahrhunderts macht sich immobil. Oder zockt und setzt auf Leerstand. Gedränge in den Fluren, auf den Bürgersteigen. Alle Parkhäfen sind belegt, alle Parkbänke auch.


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Plastikmüll

Der Grill so groß wie ein Mittelklassewagen. Das arme Schwein ist halb verkohlt. Der Fisch trägt mehr Plastik in sich als der Teller, auf dem er gleich landen wird. Das in Würstchenform gepresste Phytoöstrogen hält Abstand zu all dem Tierischen. Fett trieft. Dämpfe wabern. Männer greifen zu. Frauen lassen das Brot weg. Und die Kräuterbutter. Und die Steaksoße. Unter dem Tisch speisen die Mücken, saugen das frisch getankte Eisen aus rasierten Beinen. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

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Mitgemeint

Verborgen in den Tiefen der sprachlichen Gewohnheit, spüre ich die Sehnsucht nach dem explizit Weiblichen, das in seiner ureigenen Form leider selten zu finden ist, in der Regel verschwiegen und auch sonst viel zu häufig beiseitegeschoben, allein dort plakativ ins Bewusstsein gerückt, wo es ziemlich nackt dasteht.

Seit jeher. Ist das so. Zwar will unsere Gegenwart längst eine andere sein, doch das andere wird laut Duden nun einmal bevorzugt kleingeschrieben, während das Weitere immer groß daherkommt und deshalb seinen Platz verteidigt gegen jeden Widerspruch, der kein Schon- wieder-Spruch ist. So bleibt die Kundin auch zukünftig ein Kunde für die Bank, die sich die Frau wohl gar nicht vorstellen kann, wenn es ums Geld geht oder ums Vermögen in diesem brüderlichen Vaterland, das sich auch nicht neu denken lassen will.

Und dann höre ich folgenden Dialog:
Kind: Wofür ist denn das Geld hier in der Schale?
Mutmaßliche Mutter: Für die Putzfrau.
Zu diesem Zeitpunkt ist weit und breit kein Mensch zu sehen, der oder die zum Reinigungspersonal gehören könnte, und doch ist das generische Maskulinum ganz schnell und selbstverständlich von der Bildfläche verschwunden, hat sich aus dem Staub gemacht und verlangt nach keinem Richter und auch nach keiner Richterin, es zum Maß aller Dinge zu erheben. Dem Kind werden die wenigen Münzen als kümmerlicher Lohn erscheinen. Na ja, für solchen braucht’s ja dann auch keine Bank.