Archiv der Kategorie: Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

UNBERECHENBAR

Er schreit sie an, immer wieder schreit er sie an, die jungen Männer, sie sollen sich von seiner Frau fernhalten; die meiste Zeit jedoch läuft er nur allein den Gehweg lang, über Straßen und Tramgleise, um Ecken, an parkenden Autos vorbei und ich beobachte ihn von fern, weil sein Schreien mich schreckt, ihn unberechenbar macht für mich, diesen magerschmächtigen alten Mann mit dem schlohweißen Haar, der Frauen freundlich ansieht und ihnen Kusshändchen zuwirft.

Er findet immer wieder nach Hause, der alte Mann, und ich frage mich, ob dort jemand auf ihn wartet, ob die Frau bei ihm geblieben ist. Denn er hat sich in meine Gedanken geschrien und geküsst und ich achte darauf, seinen Weg nicht zu kreuzen. Doch er erwischt mich in einem lichten Moment, spricht mich an wie ein Philosoph und ich bin mir nicht sicher, ob es sein lichter Moment ist oder der meine. Erst als ich ihn Tage später dabei beobachte, wie er einen Baum küsst, erkenne ich, dass er mir weit voraus ist, weil er den Verstand längst hinter sich gelassen hat. Denn er schrumpft durch Liebe und Schmerz hindurch in die Unendlichkeit zurück und ich misstraue meiner Hoffnung, es ihm eines Tages gleichtun zu können, anstatt einfach nur sterben zu müssen.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

StressTEXT

Vielleicht am besten irgendwie eine art instanttext, also in gewisser weise wahrscheinlich so etwas wie eine buchstabensuppe, in diesem zusammenhang natürlich mit wirklich heißer luft zubereitet. Hauptsache einfach mal schnell, nicht wahr, en blog sozusagen, regelrecht direktemang und ganz zweifellos mit sicherlich viel nährstoffarmem füllmaterial, zugegeben.
Das alles dann relativ stressfrei geschrieben und wenn auch praktisch nicht wirklich nachhaltig, so doch im prinzip mit umschweife, also vergleichsweise wohl doch einigermaßen aufwendig letzten endes.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Fahnengewäsch

Neulich gab es bei den Vereinten Nationen jede Menge Gewäsch, nachdem mal wieder Blut vergossen worden war und dann auch noch ein paar unappetitliche alte Herren in die Fahnen gerotzt hatten. Es handelt sich hier wohlgemerkt nicht um die Fahnen aus der Jägersprache, also nicht um die Schwanzbehaarung von Hunden, Eichhörnchen oder sonstigem Getier, sondern um die müde vor sich hin flatternden, immer noch leicht fleckigen, bunten Stoffbahnen, mit denen bei Staatsakten jede mögliche Blöße bedeckt wird.
Nach all dem Gewäsch hängte man die feuchten Fahnen nach dem Wind, damit sie trocknen. Während sie da hingen, kam unerfreulicherweise der dauerhaft von Dünnschiss geplagte Wolpertinger Donald auf seiner aufblasbaren Fahnenstange geflogen (hier berufe ich mich nun doch auf das Jägerlatein). Und die Moral von der Geschicht: Nationalfahnen ohne Blut-, Scheiße- und Rotzflecken gibt es nicht.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

ZERBORSTENE WELT

die nicht auseinanderfällt dank Sicherheitsglas mit 100%iger Laminatqualität, ohne Blasenbildung und Schmutzeinschlüsse, entstanden im alten Sack-Verbund. Es handelt sich hierbei um eine neue Dimension gläserner Sicherheit für die gläserne Bürgerin von beispielloser Tragweite! Denn dieses Sicherheitsglas garantiert unübertroffene Steifigkeit, Tragfähigkeit und Biegefestigkeit, die unsere gläserne Welt stark machen gegen Stoß-, Schlag- und Biegebeanspruchungen. Nur so können wir nämlich Spontanausbrüche vermeiden und Abstürze und Durchbrüche hemmen und hindern. Was kümmern uns also noch Einschläge und Steinschläge äh … auf der Suche nach Synonymen meinte ich vielleicht Stunk seid umgefallen seid emigriert seid hinausgefahren seid hinausgegangen seid hinausgezogen seid hingefallen seid nachgehinkt seid umgedreht seid umgekehrt seid gebrochen Scherben Flitter Mandelsppplitter

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Ausschau halten

Man sucht den Horizont ab, nach Festland vielleicht, nach Menschen, nach Rettung. Dabei läge die Rettung vielleicht näher als man denkt. Die Weitsichtigen sind dabei im Vorteil, denn sie können den Horizont noch klar erkennen, der sie begrenzt und Halt bietet. Wir Kurzsichtigen dagegen schauen ins Ungefähre, Grenzenlose, das jeglichen Halt verweigert.

Auch gut – taste ich mich eben am Naheliegenden entlang und bin dadurch womöglich schneller am Ziel als die ewig Ausschau Haltenden, die sich von ihrem Aussichtspunkt nicht wegbewegen. Also warum in die Ferne schweifen, liegt das Glücke doch so nah?

Sicher, aber manchmal muss ich einfach in die Ferne blicken und Ausschau halten nach dem Unsicheren, Ungefähren und Unerreichbaren, um nicht zu vergessen, wie es sich anfühlt, Sehnsucht zu haben …

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Heute kein Foto.
Kein Foto, das die Katastrophe, die sich auf meinem Balkon ereignet hat, dokumentieren würde. Erstens denkt man in so einem Moment nicht daran, Fotos zu machen, man ist damit beschäftigt, sich um die Opfer zu kümmern. Zweitens könnte selbst die stärkste Verschwommenheit eines Fotos die Abscheulichkeit dieses Ereignisses nicht abmildern. Sensiblen Gemütern, insbesondere solchen mit einer starken Vorstellungskraft, empfehle ich an dieser Stelle, nicht weiterzulesen. Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Netzwerke

Trotz der Sauberkeitsermahnungen meiner Mutter bringe ich es nicht übers Herz, die innenarchitektonischen Meisterwerke meiner saisonalen Mitbewohnerinnen zu zerstören. Erst wenn der Winter vorbei ist und neue Spinnen ihre Chance haben wollen, schreite ich mit Bedauern und Besen zur Tat. Bis dahin haben diese Luftschlösser bereits Schmutz angesetzt und versuchen, durch lange, herabhängende Fäden Kontakt mit meinem Scheitel aufzunehmen.

Als ich noch Kind war, trieb ich mich des Öfteren Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Die Folterkammer in Venedigs Dogenpalast nimmt sich im Vergleich zu den Folterkammern in mittelalterlichen Burgverliesen bescheiden aus. Sie setzt auf die Schmerzen beim Ausrenken und Brechen von Knochen und verzichtet auf überflüssiges Blutvergießen. Diese nahezu elegante Art der Folter passt in diese prächtige Stadt, in deren Straßen auch Folterwerkzeuge von ausgesuchter Schönheit und Eleganz angeboten werden, wie beispielsweise Stilettos, die Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Liebesgedicht an einen Seelenverwandten

Ich sah dich stehen
unter anderen finsteren Gestalten
warst du der Finsterste und
ich habe dich sofort geliebt dafür.
Jedes Mal
wenn ich an dir vorüberging,
wenn ich in deine garst‘ge Fratze sah,
wenn ich vergeblich
deinen Grimm
auf mich zu lenken suchte, Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen