Archiv der Kategorie: Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Ausschau halten

Man sucht den Horizont ab, nach Festland vielleicht, nach Menschen, nach Rettung. Dabei läge die Rettung vielleicht näher als man denkt. Die Weitsichtigen sind dabei im Vorteil, denn sie können den Horizont noch klar erkennen, der sie begrenzt und Halt bietet. Wir Kurzsichtigen dagegen schauen ins Ungefähre, Grenzenlose, das jeglichen Halt verweigert.

Auch gut – taste ich mich eben am Naheliegenden entlang und bin dadurch womöglich schneller am Ziel als die ewig Ausschau Haltenden, die sich von ihrem Aussichtspunkt nicht wegbewegen. Also warum in die Ferne schweifen, liegt das Glücke doch so nah?

Sicher, aber manchmal muss ich einfach in die Ferne blicken und Ausschau halten nach dem Unsicheren, Ungefähren und Unerreichbaren, um nicht zu vergessen, wie es sich anfühlt, Sehnsucht zu haben …

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Heute kein Foto.
Kein Foto, das die Katastrophe, die sich auf meinem Balkon ereignet hat, dokumentieren würde. Erstens denkt man in so einem Moment nicht daran, Fotos zu machen, man ist damit beschäftigt, sich um die Opfer zu kümmern. Zweitens könnte selbst die stärkste Verschwommenheit eines Fotos die Abscheulichkeit dieses Ereignisses nicht abmildern. Sensiblen Gemütern, insbesondere solchen mit einer starken Vorstellungskraft, empfehle ich an dieser Stelle, nicht weiterzulesen. Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Netzwerke

Trotz der Sauberkeitsermahnungen meiner Mutter bringe ich es nicht übers Herz, die innenarchitektonischen Meisterwerke meiner saisonalen Mitbewohnerinnen zu zerstören. Erst wenn der Winter vorbei ist und neue Spinnen ihre Chance haben wollen, schreite ich mit Bedauern und Besen zur Tat. Bis dahin haben diese Luftschlösser bereits Schmutz angesetzt und versuchen, durch lange, herabhängende Fäden Kontakt mit meinem Scheitel aufzunehmen.

Als ich noch Kind war, trieb ich mich des Öfteren Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Die Folterkammer in Venedigs Dogenpalast nimmt sich im Vergleich zu den Folterkammern in mittelalterlichen Burgverliesen bescheiden aus. Sie setzt auf die Schmerzen beim Ausrenken und Brechen von Knochen und verzichtet auf überflüssiges Blutvergießen. Diese nahezu elegante Art der Folter passt in diese prächtige Stadt, in deren Straßen auch Folterwerkzeuge von ausgesuchter Schönheit und Eleganz angeboten werden, wie beispielsweise Stilettos, die Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Liebesgedicht an einen Seelenverwandten

Ich sah dich stehen
unter anderen finsteren Gestalten
warst du der Finsterste und
ich habe dich sofort geliebt dafür.
Jedes Mal
wenn ich an dir vorüberging,
wenn ich in deine garst‘ge Fratze sah,
wenn ich vergeblich
deinen Grimm
auf mich zu lenken suchte, Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Der Fussel-Index

Im Laufe des letzten Jahres wurde ich mit einem Problem konfrontiert, das sich mir in dieser Härte noch nie gestellt hatte. Es handelt sich um Fusseln, Fädchen, Flusen oder auch Wuzerl, wobei  Letzteres eine Verniedlichung darstellt, die dem niederträchtigen Charakter dieser Erscheinung nicht gerecht wird.

Es fing an mit dieser schicken Strickjacke. Nach ein paar Stunden bereits hatte sie mithilfe einer Invasion von Fusseln Besitz ergriffen von meiner schwarzen Hose,  eine aggressive Landnahme sozusagen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass diese Strickjacke in der Türkei produziert worden ist und da Erdogan Deutschland offenbar für eine widerständige türkische Kolonie hält, sehe ich hier einen tieferen Zusammenhang.
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Flaschenpoetik

(Fs. zu „Aufmerksamkeiten“ vom 07.10.2016)

Da steht es, das Fläschchen, immer noch unberührt, ungeöffnet, beunruhigend unversehrt. Der Empfehlung, den Geist aus der Flasche zu lassen, bin ich also nicht gefolgt. Was wäre auch gewonnen, hätte ich es getan?

Das Fläschchen selbst ist ja völlig leidenschaftslos, ist einfach nur ein Fläschchen von vielen, verziert mit der berühmten Marien-Erscheinungs-Szene von Lourdes und angefüllt mit Weihwasser, vor dem ich dank meiner katholischen Jugend keine Berührungsängste habe. Hätte ich das Fläschchen geöffnet, wäre vermutlich nichts passiert und ich wäre nach wie vor beunruhigt. Denn die Beunruhigung geht von mir aus, sie spiegelt sich nur in den Dingen und Wesen um mich her.

Nehmen wir aber mal an, das Fläschchen wäre gar nicht so unschuldig, sondern würde tatsächlich eine Art Flaschengeist beherbergen, der entfleucht, sobald das Fläschchen geöffnet wird und mit ihm verschwände das Beunruhigende an der Existenz dieses Fläschchens. Dann wäre ich nicht länger beunruhigt – und wie beunruhigend ist das denn! Schließlich verdankt sich der Blogtext zu einem großen Teil dieser Beunruhigung, was bedeuten würde, dass mich mein Bedürfnis, dem Fläschchen auf den Grund zu gehen, meiner Inspiration berauben würde. Und die Beunruhigung darüber, meiner Beunruhigung verlustig zu gehen, hat nun diesen Folge-Text verursacht.

Deshalb glaube ich auch, dass die Gebrüder Grimm den Flaschengeist schön in der Flasche gelassen haben, um Geschichten erzählen zu können. Wer allem auf den Grund gehen will, alle Geheimnisse lüften will, der sollte in die Wissenschaft oder die Politik gehen, da ist das eine wichtige Sache.
Im Schreiben, in der Poesie lüfte ich das Geheimnis nicht, sondern lasse mich von ihm inspirieren und schnüffle mich wie ein junger Hund an der Flasche entlang, um ihr Wesen zu ergründen, ohne ihr Geheimnis zu zerstören, das ich lieber feiern will. Denn sie spiegelt mein Geheimnis und wehe all diesen Psycholog(-inn)en, die uns die dunklen Ecken unserer Seele ausleuchten wollen, die uns aufschrauben wollen und den Geist austreiben wollen, um nicht mehr von uns beunruhigt zu werden …

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Aufmerksamkeiten

Ich sitze in meiner Küche und sehe mich um. Mein Blick fällt auf Gegenstände, die mich irritieren; weil ich sie lange übersehen und dabei vergessen habe und nun feststelle, dass sie noch existieren; weil ich nicht mehr weiß, woher ich sie habe;  oder weil ich mich eben nur zu gut daran erinnere, wie sie in meinen Besitz gelangt sind.

Dieses Fläschchen beispielsweise, das das Tageslicht nutzt, um sowohl Schatten als auch ein Leuchten an die Wand zu werfen, hat mir eine ehemalige Freundin aus Lourdes mitgebracht. Es ist bis zum Anschlag gefüllt mit geweihtem Wasser und trotzdem liegt wohl eine Art Fluch darauf. Denn die Schenkende ist mir mittlerweile nicht mehr wohlgesinnt.

Das Bild, das eine andere Freundin mir einst schenkte, ist kurz vor dem Entschlafen unserer Freundschaft von der Wand gefallen und zerbrochen. Die drei Kakteen, ein Geschenk meiner drei Freundinnen aus Teenagertagen, sind damals gleichzeitig mit unserer Freundschaft eingegangen, so auch die Pflanze einer weiteren Ex-Freundin.  Und dann ist da noch die Tasse, die ein enger Freund mir getöpfert hat und die um die Zeit seines Todes plötzlich einen Sprung bekam.

Manche Geschenke sind  mehr als Dinge, sie sind Aufmerksamkeiten und gelegentlich selbst mehr als Aufmerksamkeiten. Und dann nehmen sie das Enden von Liebe, Freundschaft und Respekt persönlich und fallen von Wänden und Fenstersimsen, ersticken unter Mehltau, bekommen Risse und brechen auseinander.

Nur dieses Fläschchen ist noch nicht zerbrochen, obwohl es doch allen Grund dazu hätte. Und das beunruhigt mich.