Archiv der Kategorie: Konstanze Reupsch: Schreibtisch sucht Weitsicht

Vorträumen

Vorgenommen habe ich mir nichts für dieses gerade begonnene Jahr, vorsichtig bin ich geworden mit meinem Vorhersagen und Vorausschauen. Diese eigenartige VOR-Silbe führt mich zurzeit eher zurück:
Vor langer Zeit hat es in diesem ersten Monat des neuen Jahres stets viel Schnee gegeben. Vor zwei Jahren habe ich in dieser Woche meine Ski ins Auto geladen, um ins Gebirge zu fahren, dort auf den Brettern den Wald zu durchqueren, bergauf, bergab.

Vor einem Jahr habe ich an diesem Tag vor meinem PC gesessen und einen Flug gebucht, für Mai, mit Frühbucherrabatt, in einen entfernten Winkel unseres Kontinents …
Nun sitze ich hier und zerreiße den (inzwischen ungültigen) Gutschein der Fluggesellschaft.
Wenigstens vordenken könnte ich ja in meiner Traumbastelbude für Träume mit hohem Erfüllungspotenzial. Ich drehe am Globus und spähe durchs Fernglas.
Da ist einer: Ich streife mit Élouise durch den Tagwald, denke über Assoziation zwischen Kiez und Welt nach, hefte dabei Postkarten aus verborgenen Winkeln Brandenburgs an die Bäume und streue Nachtschattennotizen auf den Weg.

Und dort noch einer: An einem schönen Sommertag drehen alle alphabettínen zusammen in Plessa das Mühlrad.
Das Fernglas beginnt vor Freude zu zappeln.

heute morgen

Irgendwann in dieser viel besungenen vorigen Nacht erhielt ich einen Anruf vom Nikolaus.

Er müsse dringend mit mir zoomen oder skypen oder … Egal, ich solle jedenfalls schnell meinen PC hochfahren. Mit Seitenblick auf meine noch leeren ungeputzten Stiefel tat ich, wie er mir geheißen. Dass er in Quarantäne sei, erzählte er mir per Videoschalte und mich dazu auserkoren habe, ihn zu vertreten.

„Wieso ich?“

„Frauenquote.“

„Ach so.“ Stille.

„Aber ich kann doch nicht treppauf,  treppab … ich bin doch schließlich auch schon al…“

„Papperlapapp“, unterbrach der Nikolaus meinen zaghaften Protest. „Dann poste eben den Kindern, dass sie ihre Schule vor die Haustür stellen sollen, aber jedes nur den linken Stiefel, damit das Gedränge auf der Straße nicht zu groß wird.“

„Aber nein, das ist viel zu gefährlich.“ Und ich begann, dem Nikolaus die Geschichte von Tyll zu erzählen, der alle Dorfbewohner dazu aufgefordert hatte, einen ihrer Schuh (war es der Linke?) in die Luft zu werfen. Und was daraus wurde, als sich alle auf die Suche nach ihrem Schuh machten.

Doch meine Erzählung gelang wohl nicht so rasant, wie bei Daniel Kehlmann. Jedenfalls schlief der Nikolaus vor dem Bildschirm ein und seine Nase begann rot zu leuchten. Ich versuchte ihn durch meine Ansprache zu wecken. Erfolglos, er begann laut zu schnarchen. So laut, dass ich davon aufwachte und – noch im Halbschlaf – darüber nachdachte, warum der Nikolaus eine rot leuchtende Nase hat. Schnupfen? Oder war er etwa durch die eiskalte Nacht gelaufen, trotz Quarantäne? Oder ist er gar ein Säufer?

Inzwischen konnte ich meine schweren Augenlider öffnen, schälte mich langsam aus den Decken, schlich in den Flur zu meinen Stiefeln, Ich kippte sie um, leuchtete sie aus mit Sternlein und Lichtern.

links Quarantäne, rechts Kontaktbeschränkung

Euch allen trotz allem eine schöne Adventszeit.

Herbstentdeckungen

Wer sagt denn, dass im Herbst das
Ende naht, wenn die Blätter fallen,
enthüllen sie Weite, finden wir Sicht-
Achsen, zeigen sich Wege, tasten wir
uns entlang, klicken auf Neustart.

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach
schon lange nicht mehr, doch trügt die Ruhe
in Mühlenräumen, die Stille ist wach
geküsst von der Muse, bald klappert es wieder,
ganz leise: klipp klapp, in den Tasten, klipp klapp.

Wer neugierig ist, fährt aus der Stadt, folgt dem
Zug der Vögel, bis sie sich zeigt, die Mühle, neu
gestartet, zu hören ist, beim Gedankenmahlen
zu Worten, unter Tasten geraten,
klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp.

Wanderungen

„Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen … Alle Welt reist. So gewiss in alten Tagen eine Wetterunterhaltung war, so gewiss ist jetzt eine Reiseunterhaltung. ‚Wo waren Sie in diesem Sommer?‘, heißt es von Oktober bis Weihnachten; ‚Wohin fahren Sie im nächsten Sommer?‘, heißt es von Weihnachten bis Ostern …“[1]

Woher dieses Zitat stammt? Aus einer Vossischen Zeitung des Jahres 1873. Autor ist der gewisse Th.F., den wir am Ende des vorigen Jahres eigentlich wieder in der Versenkung verschwinden lassen wollten. Aber er hat uns eins gehustet und lacht sich ins Fäustchen: Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind im gerade zu Ende gegangenen Sommer zum Volkssport geworden. Auch Bettine A. und Bettina E. wurden mit Rucksack gesichtet auf dem Weg zur Burg Beeskow, die sie am kommenden Wochenende erreichen wollen. Ja, ja, zu Fuß, und nicht, wie Goethe 1874 schrieb „mit der entsetzlichen Schnelle“ [2][der Postkutsche]. Und schon gar nicht mit der Eisenbahn, auf die bezogen Paul Heyse im Jahr 1900 von einem „ atemlose[n] Hindurchjagen durch die merkwürdigsten … Gegenden …“[3] schrieb. Immerhin 25 bis 50 Kilometer schafften die alten Stahlrosse zu dieser Zeit. Vom Fliegen sprechen wir mal überhaupt nicht, und das Auto bleibt unter der Laterne stehen, gewandert wird!

„Es ging, weil die Spree hier sieben Arme hat, über sieben Brücken, und als die letzte Brücke hinter uns lag, lag auch schon die weite Landschaft vor uns …“[4] beschrieb er, der gute alte Th.F.  seinen Weg in die Gegend von Beeskow hinein. Daher stammen sie also, die sieben Brücken, über die wir gehen müssen.

Wir sehen uns hinter der siebenten am kommenden Wochenende.


[1] Dieter Richter: „Fontane in Italien“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, S.11 [2] Ebenda S.21 [3] Ebnda S.21 [4] Theodor Fontane „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ Band 2, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1987, S.115

Wo bist du, Bettine?

In Berlin, Rio de Janeiro und Shanghai lebst du, habe ich gelesen, und tourst gerade in den USA. Aber wo bist du jetzt zu Hause? Brauchst du nicht auch einen Ort des Geborgenseins? 
Ich müsste nicht lange überlegen, wenn ich die Auswahl hätte. Du lächelst vielleicht über meine Engstirnigkeit? Gut tätest du daran, Bettine.
Und doch erwischte ich dich allzu gern. Flanierst durch unsere Texte, ohne dass ich dich zu fassen bekomme. Nicht einmal zu hören.

Schön wäre es, deinem Portugiesisch zu lauschen. Schlängelt es sich wie kunstvoll gezischeltes Vulgärlatein aus deinem Mund und erobert sich gerade die Straßen Rios?

Zischeln geht auch chinesisch ganz gut. Du wirst das perfekt beherrschen. Ja. Aber …  . Du könntest mir Vieles begreiflich machen. Wo bist du, Bettine?

undefinedDieser Brief geht heut noch per Taube ab.

Sie wird dich singen hören. Du wirst sie entdecken. Ich werde auf ihre Rückkehr warten.

Schreibtisch sucht Weitsicht

so gesehen …

die regale sind voller
toilettenpapier, wer soll das
alles einkaufen
macht keinen spaß
mehr: mundundnasen-
schutz vor unnötigem geld-
ausgeben, was man heute noch hat,
wer weiß

schon, wem es wo
noch dreckiger
aber nein, wir
waschen uns doch ständig
die Hände
erheben sich gegen
was auch immer
wer will

schon sehen, wo das leid mehr
tut es uns leid
dass wir doch gar nichts tun
können, wegen des abstands