Archiv der Kategorie: Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stimmen

Entschuldigung, aber ich habe das nicht verstanden. Könnt ihr mal bitte ein bisschen leiser sein? Eine nach der anderen, ja? Alle kommen dran. Weshalb hallt das hier so? Der Hall lässt die Wörter ineinander verschwimmen, macht einen Wortbrei aus dem, was ihr sagt.

Ich mach da jetzt einfach was draus, aus dem, was ich nicht verstehe. Bestimmt soll das so sein. Ich schreib mir mal eine innere Stimme, eine, die mir Mut zuspricht, wenn ich wieder nichts verstehe. Ist ganz einfach, eigentlich. Man muss nur die eigene Erwartung zurücknehmen an dem, was man glaubt, verstehen zu müssen. Hört sich kompliziert an und ist es dann auch.

Klangkörper

Sind ermahnende Stimmen im Kopf immer weiblich, so mütterlich? Ab wie vielen Stimmen im Kopf ist man eigentlich verrückt? Wohl dann, wenn man die Kontrolle verliert, nicht mehr ich es bin, die ihnen das Wort erteilt. Ruhe, hab ich gesagt! Schön der Reihe nach. Sieh mal an, meine Stimmen gehorchen mir noch. Und weiblich sind sie, glaube ich, auch nicht. Obwohl sich das schwer unterscheiden lässt ohne Körper am Klang.

Was hast du gesagt? Ja, ist egal, vielleicht hast du Recht, obwohl ich wirklich gern wüsste, mit wem ich mich da unterhalte. Ist schließlich mein Kopf. Was ist denn jetzt besser für die Kreativität? Wenn ich die Diskussionsleitung mache oder lieber so basisdemokratisch? Na, euch kann ich nicht fragen …

Schön wäre, wenn ihr euch einigen könntet, vielleicht auf chorisches Sprechen. Mit Gesang wäre schön! Nur mit Hall ist so schwierig, dass sich da immer Falten bilden bei mir auf der Stirn, die gerunzelte Frage, ob ich nicht eigentlich – ich bessere mich – etwas Anderes, Besseres, Genaueres, Deutlicheres hätte verstehen müssen. Etwas … wie heißt das gleich? Jetzt helft mir doch mal!

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Gestern habe ich Zeit verloren im Netz und heute danach gesucht

Gestern habe ich Zeit verloren im Netz und heute danach gesucht. Ich las die Timeline rauf und runter auf der Suche nach dem Keyword der Zeit. Pfeilschnell überflog ich Websites, so als sähe ich sie ganz weit von oben. Ich scannte hoch hinauf, skimmte im Sturzflug und stieg mit dem Scrollbar wieder auf. Gedanken tanzten mir aus dem Kopf, manche schlugen Purzelbaum. Federleicht waren sie, so wie ich. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

LETIT

Ich betrete den Text und schaue mich um. Direkt vor mir lungern halbstarke Großbuchstaben, lässig aneinander gelehnt. Sie drehen mir den Rücken zu und scheinen mich nicht zu bemerken. Vielleicht rauchen sie oder sie erwarten einen Elfmeter und beraten, wie sie sich aufstellen sollen. „LETIT“, in dieser Reihenfolge stehen sie noch nebeneinander, versperren mir die Sicht. Ich schleiche heran und spähe heimlich durch die Balken des E.

Ich kann keinen Fußball entdecken, aber in der Ferne sehe ich Linklöcher und Zwischenüberschriften wie Hütchen und Hürden beim Sportunterricht. Als das E etwas schreit, schrecke ich auf. Ich renne los und stolpere gleich im ersten Satz über ein Komma, das hier gar nicht hätte herumliegen dürfen. Ich hebe es auf und schleudere es mit Schwung über den Textrand hinaus. Als ich merke, was für Spaß es mir macht, mit Kommas zu werfen, springe ich einen Satz weiter runter und kicke den Punkt vor mir her wie eine scheppernde Dose. Langsam austrudelnd bleibt er in einer Satzkuhle liegen. Weil er nun oben fehlt, sammle ich ihn wieder ein und lege ihn reumütig zurück an die Abschussstelle. Dabei fällt mein Blick ganz zurück und ich sehe, dass das L und das I losgerannt sind, mir hinterher. Die zwei Ts und das E feuern sie an. Was genau sie rufen, verstehe ich nicht. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

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Obdach

Ob da ein Dach ist? Über meinem Kopf? Ist es lose das Dach? Könnte es wegfliegen? Und wenn ich nicht in der Lage wäre, zum Bauhaus zu gehen, mir Werkzeug zu besorgen und Material, um mein Dach, mein Obdach dauerhaft zu befestigen? Dann wäre ich schutzlos, dachlos ausgeliefert dem Wetter, den Blicken, den mitleidigen wie den neugierigen, den bösen wie den hasserfüllten, dem Schmutz und dem Hunger. Ich müsste mir provisorischen Schutz suchen, einen Pappkarton vielleicht, der ironischerweise aus dem Bauhaus kommen könnte, oder eine Autobahnbrücke, ausgerechnet ich, die ich fast nie Auto gefahren bin.

Aber darauf käme es nicht mehr an, denn mit dem Obdach gingen auch Teile von mir verloren, so wie unter dem Schmutz meine Kleidung und meine Mimik verschwinden, meine Sprache nicht mehr anderen gilt, sondern nur noch mir selbst. Bin ich das Dach los, so bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, igel mich ein in einem Kokon aus Schutzschmutz. Ich flüstere darin auf mich ein, beschwörend vielleicht über das, was einmal war, erzähle es mir selbst, um es nicht zu verlieren, wie schon das Dach. Weil doch ohne Dach alles davonfliegen könnte, alles, was mich einmal ausmachte, von mir abfallen könnte, so wie meine Hose, die nun zerrissen ist, viel zu groß ist und rutscht. Bald bin ich sie los. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Unterrichten an der Uni Mannheim

Nächstes Wochenende werde ich an der Uni Mannheim die erste Hälfte meiner Übung „Von der Idee zum Text. Kreatives Schreiben für verschiedene Publikationsformen unterrichten.“ Ich werde die Textarten Blog, Essay, biografischer Text und Texte fürs Marketing behandeln.

17 Student*innen haben sich für die Übung angemeldet, und ich bin schon sehr gespannt. Ich erhoffe mir auch von den Student*innen Antworten darauf, wie sich unser Schreiben durch das Internet und die Digitalisierung verändert hat.

 

Das „uncreative writing“ von Kenneth Goldsmith

Im Vorfeld der Übung habe ich mich mit Kenneth Goldsmith beschäftigt, einem Autor, Künstler und Writing-Professor, der den Begriff des „uncreative writing“ prägte. Nach Goldsmith kann kein Schreiben mehr so tun, als ob es das Internet nicht gäbe. Uncreative writing bedeutet in Zeiten von Copy und Paste ein Remixen, eine Wiederverwertung von Texten, die es im Internet massenhaft gibt. Aber selbst das Abtippen macht eine Auswahlentscheidung erforderlich. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

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Kleine helle Nacht mit Schafen

Tagsüber fraßen die weißen Schafe grünes Gras. Jetzt kommt die helle Nacht. Das Gras wird grauer, aber die immer noch weißen Schafe lassen sich den Appetit nicht verderben.

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Helle Nacht in Norwegen

Und immer noch liegt der Widerschein der Sonne auf dem dunklen Fjord neben großen, vom Eis geschliffenen Steinen.

Ich mache ein Panoramafoto von der Nacht, darin bewegt sich das Licht. An und aus geht das Licht, an und aus, in kleinen Kreisen aus Zeit.

Schaum, Wolken und Schafe sind hell mit der Nacht. Am Horizont liegen Wolken auf felsigen Bergen wie Eis. Dort reiht die kleine helle Nacht mit Schafen sich ein in die Zyklen der Zeit.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Remake für Mia in Berlin.

Élouise und ich warfen unsere Blicke durch den Zaun, strichen vorsichtig entlang am Stacheldraht. Die Verbote waren unübersehbar und schön anzuschauen. Der Himmel dahinter war zum Fliegen geöffnet, er zog uns an und ängstigte uns. Aber die Angst hielt uns nicht davon ab, durch die Zäune hindurch ans Fliegen zu denken.

Es begann leise zu regnen, vor und hinter dem Zaun, und in den Tropfen spiegelte sich ein Abbild des Himmels in Silber und Gold. Es kam uns nicht in den Sinn, den Zaun zu zerschneiden, ja, wir rüttelten nicht einmal daran. So standen wir vor dem rostigen Zaun und blickten hindurch auf die Tropfen, die dort vom Himmel gefallen waren.

Und wir öffneten hier den Mund, damit sie uns auf die Zunge fielen und wir erführen wie der Himmel schmeckte in Gold und in Silber. Wir spürten die Angst, aber sie störte uns nicht. Trotzig blickten wir in den geöffneten Himmel, seinen Geschmack auf der Zunge.

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(aus dem Blog: „On the road with Élouise“)

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Was bedeutet es, für ein Blog zu schreiben?

Hat es im Blog eine Bedeutung, dass ich Texte schreibe, die nie auf Papier erscheinen werden? Wie verändern sich Texte auf Papier? Oder wie verändert sich unser Schreiben, wenn wir die Texte gedruckt sehen möchten? Was bedeutet es, dass Leser*innen mir zurückschreiben können? Ähnelt das Blog einem Brief?

Was bedeutet es für ein Blog zu schreiben?

Ewig und schnelllebig

Texte, die online erscheinen, sind kurzlebiger, weil sie schneller verschwinden. Bei Snapchat z.B. verschwinden die Stories nach 24 Stunden. Aber ist das Internet nicht auch der Ort, an dem alles erhalten bleibt? Wird das Printbuch nicht schneller verramscht als das E-book und die gedruckte Zeitung schneller weggeschmissen als ihre Online-Version aus dem Netz verschwindet? Ich schreibe also in das Verschwinden und das Nie-Vergessen gleichzeitig hinein.

Und ja, ich bin mir beim Schreiben bewusst, dass ich für einen kurzen, kurzlebigen Blog schreibe. Kurzlebig deshalb, weil es schon nach einer Woche des Herunterscrollens bedarf, um ihn hinter den darauffolgenden Blogbeiträgen aufzuspüren. Andererseits weiß ich auch, dass jeder, der mich unter meinem Namen sucht, unter Umständen immer diesen einen Blogbeitrag finden wird.

Spontan

Ist mein Schreiben im Blog spontaner, lehnt sich also eher an das automatische Schreiben, die Improvisation z.B. der Beatniks an?

Meine Freundin Dane hat einmal gesagt, sie sei nicht fürs ständige Optimieren gemacht, sie sei mehr für Rock’n Roll. Und ich finde, das ist auch eine gute Beschreibung des Blogs. Ein Blog ist eher Rock’n Roll, sich etwas trauen, ohne es lange auszuprobieren, Mut beweisen zur Spontanität, sich in Texten zeigen, ohne ewig darüber zu reflektieren, wie sie denn auf andere wirken könnten, welches Bild sie von mir als Autorin geben.

Multimedial

Das Blog bietet multimediale Möglichkeiten, die vom reinen Text ablenken, ihn bereichern können. Dies erfordert auch von mir andere Fähigkeiten als nur das Schreiben, wie z.B. die Bildbearbeitung. Ich musste mir einiges an technischem Know-How aneignen, um ein Blog führen zu können.

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Für meinen eigenen Blog habe ich eine für mich neue Blogart zu schreiben entwickelt, kleine Texte, die sich auf die Fotos beziehen, die wiederum Teil der Geschichte sind. Selbst die Hauptfigur ist einem Graffiti, einem Foto entsprungen. Hier im alphabettinenblog experimentiere ich z.B. mit Audios und mit Kommentaren, die ich selbst zum Bestandteil meiner Blogtexte mache. Solche Texte könnte ich auf Papier nie schreiben und sie könnten nur schwer gedruckt werden.

Vernetzt

Als Blogschreiberin schreibe ich gleichzeitig bei mir in der Poetinnenstube als einsame Poetin, als ich mich auch wie bei einer Lesung auf einer Bühne präsentiere. Über die Links und SEO-Möglichkeiten des Blogs bin ich ganz nah dran an der Vernetzung, aber auch am Marketing.

Auf Augenhöhe

Als Schreiberin eines Blogs reagiere ich direkt auf Kommentare. Vielleicht ist eine Blogschreiberin am ehesten mit einer Stadtschreiberin in einer kleinen Stadt vergleichbar, deren Bewohner sie besuchen kommen, während sie schreibt, Besucher, die die Schreiberin nach ihren Texten fragen und von ihr Antworten erhalten. In diesem Sinne ist das Blog eine Möglichkeit, seinen Leser*innen, aber auch anderen Blogger*innen auf Augenhöhe zu begegnen.

 Gemeinsam

Unser alphabettinenblog ist ein gemeinsames Projekt. Zwar schreibe ich in einer eigenen Kategorie, nämlich „Bloggen mit Hut“, aber dennoch erscheinen unsere Texte hintereinander und gemeinsam hier im Blog, wie in einer Blogparade. Manchmal beziehen wir uns aufeinander und kommentieren uns.

 Blograum – Schreibraum

Das Blog scheint mir nicht nur ein Text sondern auch ein Raum zu sein, ein Raum, in dem ich privat schreibend sitze, ein Raum in dem ich veröffentliche, ein Raum, in dem mich andere besuchen kommen, ein Treffpunkt, ein Textraum, ein Klangraum, eine Galerie.

Wir alphabettinen, die bloggen, gehen hinein in den Blograum, treffen uns dort, wissen, wen von uns wir dort als Schreibende antreffen, wir, die wir sonst an verschiedenen Orten wohnen, in Frankfurt/Oder, Heidelberg, Berlin und Halle. Das Blog schafft den Schreibenden einen Raum, keinen Rückzugsraum sondern einen Raum, in dem wir schreiben, den Text bearbeiten, ihn hineinstellen, öffentlich schalten, ihn kommentieren und dazu Kommentare beantworten, einen Ort, an dem wir andere Blogger*innen treffen. Das Blog ist ein Ort und ein Text, Schreibort und Schreiben zugleich. Es liegt an uns, ihn auch als solchen zu gestalten.