Archiv der Kategorie: Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Per Anhalter unterwegs in Israel

Am Shabbat des Pessach-Festes sind wir von Haifa nach Tiberias getrampt.
Als wir in Haifa mit unserem Schild an der Ausfahrtstraße im Regen warteten, sammelte ein Obdachloser an der Bushaltestelle Flaschen. Er kam extra zu uns herüber, um unser Schild anzuschauen, auf das wir „Tiberias“ geschrieben hatten, und uns wild gestikulierend in Hebräisch auf den einzigen Bus zu verweisen,  der noch aus der Stadt heraus fuhr. Wir sind seinem Rat gefolgt, sind mit dem Bus aus der Stadt herausgefahren und haben uns dort an die Autobahn gestellt. Insgesamt haben uns vier Autos mitgenommen.

  1. Zwei junge Männer mit einem winzigen Hund, der von dem Schoß des einen auf den des anderen hüpfte und wieder zurück. Im Kofferraum lag eine Gitarre.
  2. Ein Designer mit schwarzen Locken und schwarzer Sonnenbrille, der schon mal in Mainz auf einem Austausch war und die letzen Jahre in Südamerika gelebt hat. Er hatte das schickste Auto. Auf der Rückbank lag seine schwarze Lederjacke.
  3. Eine junge Frau, die vor kurzem in Berlin war und dort den Sommer verbrachte. Die ganze Rückbank war voller Einkäufe.
  4. Zwei junge arabische Frauen, die in Tiberias in einem Hotel arbeiten. Der Onkel der einen hat ein marokkanisches Restaurant in Düsseldorf mit Salzgrotte. Sie haben uns bis zu unserem Hotel gebracht.
    Als wir ausstiegen schien die Sonne am See Genezareth.
    Nehmt Anhalter mit!

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stillleben mit Händen

Wenn ich die Hände auflege beim Tippen, kann ich ruhig sein beim Schreiben, bette Handballen auf  Kissen aus Gel, entspanne die Schultern. Zum Nachdenken schaue ich fensterwärts, dann wieder auf die Hände hinunter. Unbeteiligt und still liegen sie auf den Tasten herum, so als ob es doch nicht die meinigen wären.

Doch sie scheinen mein Alter zu haben (der Rest von mir sieht, finde ich, ein klein wenig jünger aus ;)). Und da sie meistens tippen, was ich vorher dachte, scheint zwischen ihnen und mir eine Verbindung zu bestehen. Sie sind eindeutig festgemacht an meinen Armen und Schultern dazwischen mein alter Kopf, in den ich altmodische Wörter spreche, um ihren Klang zu testen. So leise spreche ich in ihn hinein, dass manchmal die Wörter, die ich schreibe andere sind, als ich dachte. Sie gleiten hinab auf meine Schultern, rutschen die Arme hinunter bis zu den Händen, die still auf der Tastatur liegen und warten. Ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie auch die merkwürdigen Wörter schreiben, die von ganz hinten unten kommen und es schwer haben, sich auf dem Bildschirm zu behaupten. Manche Wörter brauchen lang, bis sie richtig sind.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren stockte die Zeit zwischen gestern und morgen wie eine Single auf dreiunddreißig und füllte den Spalt mit Traurigkeit. Nur wer die Zähflüssigkeit der Trauer spürte, war hellsichtig genug, konnte die feinen Fäden erkennen, gesponnen von der Zeit zwischen den Jahren wie zwischen den Lebenden und ihren Toten.

Und am letzten Tag zwischen den Jahren teilten wir einen Baum als unseren Standort auf WhatsApp, bis wir viele waren mit von Trauer geschärftem Blick. Wir schalteten auf Flugmodus, fassten uns wortlos an den Händen und erhoben uns in die Dunkelheit der Luft mit noch leuchtenden Displays in unseren Hosentaschen. Unsere Schuhbänder verhedderten sich in den Ästen des Baumes und wir strampelten uns frei, ließen die Schuhe zurück. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Where have you been, when the wall came down?

Die Frage schickte mich von Porto zurück nach Berlin. Ich war schon zweimal gereist in der Zeit, vom Sommer in den Winter und von Frankfurt nach Porto. Zeitreisen war leicht und ich lehnte mich einfach noch weiter zurück.

Als die Mauer fiel in Berlin, sang ich Mozart aus dem Fenster der Musikschule hinaus, hinein in den sandigen Todesstreifen zwischen den Hälften der Stadt.

Bei Mähännern, wehelche Liehiebe fühlen, fehlt auhauch ein guhutes Herherze nicht.

Grüne Uniformen gingen dort mit Hunden auf Patrouille, mit Jeeps und Maschinengewehren. Mein Mozart beeindruckte sie nicht.


Als die Mauer gefallen war, ging ich durch einen der schmalen Grenzübergänge die Straße zu Ende und in den Osten der Stadt. Mein Bruder, ein Mauerspecht, legte mir triumphierend bunte Mauerstücke auf die Hand, so als sei er es gewesen,  der die Durchgänge schuf. Wir kletterten mit den anderen auf die Mauer hinauf und schauten hinüber zum Mozartfenster. Obwohl es geschlossen war, hörte ich Gesang. Die Trabis fuhren zwar wieder auf der anderen, aber doch auf der falschen Seite. Es war durcheinander geraten, und das stimmte mich froh. Die Uniformen waren fort oder standen ratlos am Rand.

Einmal in der Zeit ins Rutschen geraten, glitt ich weiter hinab. Ich bettete mich im Hotel auf die Kissen, sank langsam hindurch auf die Rückseite des Schlafs, sah meinen Hinterkopf von unten.

Ich saß auf der Rückbank, mein Vater am Steuer, meine Mutter, die Hüterin des Proviants, auf dem Beifahrersitz. Neben mir auf der Rückbank, meine Schwester, mein Bruder. Wir hatten den Vater noch niemals Angst haben sehen. Die Uniformen kamen und schoben einen Spiegel unter das Urlaubsauto, wie der Zahnarzt in meinen Mund, nur größer und auf Rollen. Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Haben Sie Funk im Auto?

Haben Sie Liebe im Herzen?

Wir schüttelten beide den Kopf. Ich schob ihm den kleinen Spiegel vom Zahnarzt unter das lindgrüne Hemd und sah, dass es stimmte. Er trug ein gepelltes, hartes Herz in der Brust. In seinem Brusthaar schaukelten Reste von Eierschalen.

Als ich erwachte, war ich ängstlich wie damals und suchte im Adressbuch den Namen meiner Schwester.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stimmen

Entschuldigung, aber ich habe das nicht verstanden. Könnt ihr mal bitte ein bisschen leiser sein? Eine nach der anderen, ja? Alle kommen dran. Weshalb hallt das hier so? Der Hall lässt die Wörter ineinander verschwimmen, macht einen Wortbrei aus dem, was ihr sagt.

Ich mach da jetzt einfach was draus, aus dem, was ich nicht verstehe. Bestimmt soll das so sein. Ich schreib mir mal eine innere Stimme, eine, die mir Mut zuspricht, wenn ich wieder nichts verstehe. Ist ganz einfach, eigentlich. Man muss nur die eigene Erwartung zurücknehmen an dem, was man glaubt, verstehen zu müssen. Hört sich kompliziert an und ist es dann auch.

Klangkörper

Sind ermahnende Stimmen im Kopf immer weiblich, so mütterlich? Ab wie vielen Stimmen im Kopf ist man eigentlich verrückt? Wohl dann, wenn man die Kontrolle verliert, nicht mehr ich es bin, die ihnen das Wort erteilt. Ruhe, hab ich gesagt! Schön der Reihe nach. Sieh mal an, meine Stimmen gehorchen mir noch. Und weiblich sind sie, glaube ich, auch nicht. Obwohl sich das schwer unterscheiden lässt ohne Körper am Klang.

Was hast du gesagt? Ja, ist egal, vielleicht hast du Recht, obwohl ich wirklich gern wüsste, mit wem ich mich da unterhalte. Ist schließlich mein Kopf. Was ist denn jetzt besser für die Kreativität? Wenn ich die Diskussionsleitung mache oder lieber so basisdemokratisch? Na, euch kann ich nicht fragen …

Schön wäre, wenn ihr euch einigen könntet, vielleicht auf chorisches Sprechen. Mit Gesang wäre schön! Nur mit Hall ist so schwierig, dass sich da immer Falten bilden bei mir auf der Stirn, die gerunzelte Frage, ob ich nicht eigentlich – ich bessere mich – etwas Anderes, Besseres, Genaueres, Deutlicheres hätte verstehen müssen. Etwas … wie heißt das gleich? Jetzt helft mir doch mal!

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Gestern habe ich Zeit verloren im Netz und heute danach gesucht

Gestern habe ich Zeit verloren im Netz und heute danach gesucht. Ich las die Timeline rauf und runter auf der Suche nach dem Keyword der Zeit. Pfeilschnell überflog ich Websites, so als sähe ich sie ganz weit von oben. Ich scannte hoch hinauf, skimmte im Sturzflug und stieg mit dem Scrollbar wieder auf. Gedanken tanzten mir aus dem Kopf, manche schlugen Purzelbaum. Federleicht waren sie, so wie ich. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

LETIT

Ich betrete den Text und schaue mich um. Direkt vor mir lungern halbstarke Großbuchstaben, lässig aneinander gelehnt. Sie drehen mir den Rücken zu und scheinen mich nicht zu bemerken. Vielleicht rauchen sie oder sie erwarten einen Elfmeter und beraten, wie sie sich aufstellen sollen. „LETIT“, in dieser Reihenfolge stehen sie noch nebeneinander, versperren mir die Sicht. Ich schleiche heran und spähe heimlich durch die Balken des E.

Ich kann keinen Fußball entdecken, aber in der Ferne sehe ich Linklöcher und Zwischenüberschriften wie Hütchen und Hürden beim Sportunterricht. Als das E etwas schreit, schrecke ich auf. Ich renne los und stolpere gleich im ersten Satz über ein Komma, das hier gar nicht hätte herumliegen dürfen. Ich hebe es auf und schleudere es mit Schwung über den Textrand hinaus. Als ich merke, was für Spaß es mir macht, mit Kommas zu werfen, springe ich einen Satz weiter runter und kicke den Punkt vor mir her wie eine scheppernde Dose. Langsam austrudelnd bleibt er in einer Satzkuhle liegen. Weil er nun oben fehlt, sammle ich ihn wieder ein und lege ihn reumütig zurück an die Abschussstelle. Dabei fällt mein Blick ganz zurück und ich sehe, dass das L und das I losgerannt sind, mir hinterher. Die zwei Ts und das E feuern sie an. Was genau sie rufen, verstehe ich nicht. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Obdach

Ob da ein Dach ist? Über meinem Kopf? Ist es lose das Dach? Könnte es wegfliegen? Und wenn ich nicht in der Lage wäre, zum Bauhaus zu gehen, mir Werkzeug zu besorgen und Material, um mein Dach, mein Obdach dauerhaft zu befestigen? Dann wäre ich schutzlos, dachlos ausgeliefert dem Wetter, den Blicken, den mitleidigen wie den neugierigen, den bösen wie den hasserfüllten, dem Schmutz und dem Hunger. Ich müsste mir provisorischen Schutz suchen, einen Pappkarton vielleicht, der ironischerweise aus dem Bauhaus kommen könnte, oder eine Autobahnbrücke, ausgerechnet ich, die ich fast nie Auto gefahren bin.

Aber darauf käme es nicht mehr an, denn mit dem Obdach gingen auch Teile von mir verloren, so wie unter dem Schmutz meine Kleidung und meine Mimik verschwinden, meine Sprache nicht mehr anderen gilt, sondern nur noch mir selbst. Bin ich das Dach los, so bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, igel mich ein in einem Kokon aus Schutzschmutz. Ich flüstere darin auf mich ein, beschwörend vielleicht über das, was einmal war, erzähle es mir selbst, um es nicht zu verlieren, wie schon das Dach. Weil doch ohne Dach alles davonfliegen könnte, alles, was mich einmal ausmachte, von mir abfallen könnte, so wie meine Hose, die nun zerrissen ist, viel zu groß ist und rutscht. Bald bin ich sie los. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen