Archiv der Kategorie: Ricarda de Haas. Bildgeschichten.

Sommerloch, das

Ricarda de Haas

Es gibt wörter, über die man erst nachdenkt, wenn man sie braucht. Sommerloch zum beispiel. Bisher bin ich gut ohne dieses wort ausgekommen. Ich kannte es, ich fand es doof. Fertig.

Und nun das: ich befinde mich in einem. Ich habe mir das nicht ausgesucht, es wurde mir vielmehr über geworfen. Über die entfernung von ein paar kilometern hat es mich ereilt. Und da sitze ich nun, mittendrin.

Und frage mich: was ist das überhaupt?

Ich kenne langeweile. Langeweile ist der zustand, bevor einem einfällt, was man stattdessen tun möchte. Ich kenne enttäuschung. Das ist der zustand, nachdem etwas nicht stattgefunden hat. Oder nicht so stattgefunden hat, wie es stattfinden sollte. Ich kenne auch Frust. Frust hat man, wenn etwas nicht stattgefunden hat, von dem man schon vorher wusste, dass es niemals stattfinden würde. Obwohl man es dringend brauchte.

Sommerloch ist anders. Sommerloch scheint ein zustand zu sein, wenn nichts da ist, obwohl etwas da sein sollte. Paradoxerweise weiss man weder, was dieses etwas gewesen wäre, noch warum dieses etwas fehlt. Zugleich kriegt man ohne jede vernünftige erklärung etwas vollkommen anderes, von dem man nur weiss, dass man es garantiert nicht braucht.

Wie zum Beispiel dieses Foto. Also wenn man Sommerloch ins internet schreibt. Und man kriegt dann dieses bild von dem strassenschild von dem ort der sommerloch heisst, aber kein sommerloch hat.

Oder das Sommerlochtier. Dieses wort war bisher an mir vorbei gegangen (ach, wie glücklich war ich gestern!). Leider erschliesst es sich schnell. Das sommerlochtier ist jedes beliebige tier, das irgendetwas tut, was es normalerweise nicht tut. Ohne dass es eine vernünftige erklärung dafür gibt, warum es tut, was es tut. Solange man darüber faseln kann, qualifiziert es sich als sommerlochtier.

Wie zum beispiel diese tiere hier, über die man super spekulieren kann:


Ist das nun ein krokodil, das nicht schwimmen kann?

Oder ein krokodil, das schwimmende menschen nicht essen darf?

Wieso ist hier überhaupt ein krokodil?

Hat es ihm an der unstrut nicht gefallen?



Und warum hängt der frosch am baum?

Sind dem Frosch Bäume verboten?

Oder ist der frosch selbst verboten?

Hofft man, dass das krokodil das schild liest und versteht, dass es auch frösche nicht fressen soll?

Nichts ist klar, nur eins ist klar: das sommerlochtier hat wieder mal keiner vernünftig erklärt.

(Ethisch wäre es eigentlich ein problem, dass hier nicht steht, dass dieser frosch in brandenburg lebt und jenes krokodil in kenia, dass sie sich also praktisch in echt nicht kennen. Ist aber kein problem. Es gehört zur DNA der sommerlochtiere, dass jeder alles behaupten darf und keiner irgendwas belegen muss.)

Im englischen heisst sommerloch übrigens „silly season“. Und ein paar smarte briten haben vor ca. 160 jahren eine sinnvolle definition für ihren begriff der parlamentarischen pause gefunden:

„[…] we sink from nonsense written with a purpose to nonsense written because the writer must write either nonsense or nothing.“

An dieser definition sieht man, dass die briten glückliche menschen sind. Das englische wort betont die komik, das deutsche die agonie. Von den briten lernen heisst… glücklich nonsense schreiben.

Zitat:
„The Silly Season“. Saturday Review. 12 (298): 37–38. 13 July 1861. Retrieved 31 July 2021.

Der Gesang Der Ratten

Ricarda de Haas

Mit dem Leben kommen zugleich alle Geräusche zurück. Töne, Sound, Musik. Die ersten Nachbarn, die live auftreten, sind Katzen. Jellicle Ball im Hinterhof.

Anders als bei Cats ist die höfische Victoria eine reinschwarze Katze. Klein, elegant, mit scharfen Krallen. Macavity ist viel netter als sein Ruf, aber er gibt sich Mühe, dass niemand das merkt. Bombalurinas Stimme, wie könnte es anders sein, ist am häufigsten zu hören. Nächtelang. Kater finden sie sehr verführerisch. Mr Mistoffelees ist neu eingezogen, aber verzaubert schon alle. Und ist vermutlich nicht binär (soweit Menschen das bei Katzen beurteilen können).

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Und Alt Deuteronomus? Schläft.
Und interessiert sich ansonsten für Hühnchen.

Alle zusammen bilden eine Compagnie.
Sie singen für sich, nicht für uns, und man hört, dass sie Spaß daran haben.
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Noch vor den Katzen sangen die Ratten.
Im Lockdown verteilten sie sich auf die Fenster,
pro Fenster eine Corona-Gemeinschaft.
Die bekannten „Interpretationen der
Kirchenchor-Top-Ten und DDR-Arbeiterkampflieder“
(O-Ton rattenbar.com) schallten durch die Höfe,
enthusiastisch, politisch
und nicht ganz synchron.

Sie probten für einen Sommer mit Live-Auftritten. Rattenbar und Rattenchor werden dieses Jahr zwanzig. Und der CSD ruft, natürlich.
Sie sangen für sich, nicht für uns, und man hörte, dass sie Spaß daran hatten.

Und doch: Hinterhof-Konzerte gehören allen, die zufällig hinhören. Sie sind der Sound eines heißen Sommers.

Bleibt nur die Frage: Wieso hat noch niemand Rats komponiert? Das queere Kiezmusical mit „Räkeldamen“, „Armdrücken“ und „Trashexzessen“. Laut, schrill, widerständig. Und selbstverständlich asynchron.

shownotes:
http://rattenbar.com/rattenbar/

Der kurze Traum vom Sommer

Ricarda de Haas

Manchmal träumt man ja völlig bekloppt. Wirr, bunt. Als wäre man in ein Wimmelbild gepurzelt.

Japanische Familien picknicken unter rosa Kirschbäumen. Junge Mädchen in weißen Kleidern drehen sich unter fallenden Blüten, die schwarzen Haare fliegen. Ihre Freunde fangen ihre Bilder mit dem Handy.

Am Spreeufer lassen Leute die Beine baumeln, nackte Waden neben Plateaustiefeln neben bunten Söckchen, eine nicht endende Reihe. Wenn ein Schiff kommt, gehen alle Füße hoch.

Leute, die auf rohen Steinblöcken sitzen. Mitten drin eine Rockband, coole Jungs 60plus, gestreifte Hosen, Stirnband im Haar. Sie sind gut, nur das Schlagzeug ist aus dem Rhythmus. Der Song ist zu Ende, die Trommeln nicht. Gegenüber steht eine Sambagruppe im Kreis. Als die Band wieder loslegt, trommeln sie weiter.

Ein zehnjähriger Junge mit Mafiabike reisst das Vorderrad hoch, fährt ein Wheelie. Fährt und fährt um den halben Platz. Ein Knirps mit Roller guckt mit großen Augen. Reisst den Lenker herum, fährt auf einen Hügel. Schaut stolz in die Runde.

Zwei Frauen in Tanktops sonnen sich auf hölzernen Liegen. Ein paar Männer mit wilden Bärten werfen Blicke. Als die Frauen genervt aufstehen, schnappen sie Tüten und Taschen und stürzen hin. Zwei erobern die Liegen, verscheuchen die anderen. Die schlagen grummelnd ihr Lager unter Bäumen auf.

An der Eisdiele sitzen Menschen auf Bänken, auf denen steht, dass sie da nicht sitzen sollen. Die Polizei kommt, schließt den Laden: „Einundzwanzig Uhr, Sperrstunde!“ Die Leute essen gemütlich ihr Eis auf.

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Als ich aufwache, rauscht Regen vorm Fenster.

Das war so‘n typischer Berlin-Traum,
denke ich.

Frage mich, wie das aussehen würde.

Wenn man Träume fotografieren könnte…

Stille Frauen

Ricarda de Haas

Wohin man hört dieselben Worte. Unter der Akzeptanz ein leiser Ärger. Ziellos, richtungslos.
Frühlingsmüdigkeit, diesmal anders. Und still.

Die Performerin, die keine online Performances mehr macht, weil die icons klatschender Hände sie leer zurück lassen.

Die Hochschullehrerin, die das Gefühl hat, durch digitale Tage zu rasen, ohne jemals anzukommen.

Die Krankenschwester, die sich in die Klinik quält, vor ihrer Schicht fürchtet.

Die Forscherin, die zwei Projekte gleichzeitig abschließen muss, und sich fragt wofür.

Die Mutter, die sich zwischen home office und home schooling abhanden kommt.

Die Lehrerin, für die der Impftermin das Licht am Ende des Tunnels bedeutet, bevor er wieder abgesagt wird.

Die Rentnerin, die nicht immer alleine mit sich vor die Tür gehen mag.

Überall dieselben Worte: Müde. Ausgebrannt. Mag nicht mehr. Nicht nachvollziehbar. Akku leer. Kann nicht, muss ja.

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Festhalten an kleinen Freuden.

Warme Tage.

Aus dem Boden knallende Tulpen.

Leichte Jacken.

Skaten, Radfahren, Joggen.

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Doch diese Worte, diese Frauen, sind immer noch überall still.

Überall? Nein. Ein kleines queerfeministisches Grüppchen in Pankow leistet Widerstand…

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Frühlingstrunken

Ricarda de Haas

Freitag:
Mit dem schnee ist der blogtext geschmolzen. Worte und fotos hatten zu viel weiß. Viel zu viel weiß.

In einem geschlossenen cafe ein gedeckter tisch mit reserviert-schildchen: Es war einmal. Es wird nochmal.

Samstag:
Spazieren mit einem freund. Eine echte live-begegnung. Wir holen uns coffee-to-go und reden alles mögliche. Vermeiden das c-wort. Beim abschied fällt es doch. Er sagt: es fühlt sich an, als wäre corona vorbei.

Wir lachen. Spüren das lebendige in uns, in der stadt.


Sonntag:
Wieder draußen.

Ganz berlin ist auf den beinen.
Kein fleckchen grün ist unbesetzt, unbelaufen.

Wir schlängeln uns durch, laufen bögen.
Pausieren, wenn eine meute kommt.

Abends denke ich: gefühle können verdammt gefährlich sein. Irrational eben.
Nie hätte ich gedacht, dass dieser satz mal eine so andere bedeutung haben kann.

zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
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für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
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und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.