Archiv der Kategorie: Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt

Nairobi, am Abend

Ricarda de Haas

Eine Straße im Zentrum, kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Autos, Musik, Leuchtreklame. Offene Ladentüren. Zigaretten, T-Shirts, Haare & Nägel. Auf dem Gehweg plaudernde Männer, fliegende Händlerinnen, Straßenkinder.

Im zweiten Stock ein Restaurant. Gesprächswolken dick wie Zigarettenqualm. Sieben Sorten Fleisch, neben 🐄 und 🐓 auch 🐐  und 🐫. Kein Alkohol. Dafür frischer Juice aus praktisch allem. Mango, Passionsfrucht, Ananas, Avocado.  Oder Dawa, Medizin. Ein heißer Trank aus Ingwer, Knoblauch und Zitrone.

An der Wand sind Waschbecken für die Gäste. Und ein grün leuchtender Kasten. Ein Automat?

Schließfächer. In jedem Fach ein USB. Während die Gäste speisen, träumen ihre Handies. Es ist der große Traum von einem grün schimmernden Leben nach dem Akku-Tod.

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Sehnsucht nach..

Ricarda de Haas

 

im winter keine sommer märchen erzählen.

niemand kann sich dann erinnern

An warme nächte

cafés in der sonne

goldenen glanz auf nackter haut.

Im winter..

niemand möchte sich erinnern.

An das nachttrunkene glück

vergangener monde

..

..

Im sommer..   warum nicht von winterstürmen faseln.

niemand wird sich noch erinnern

wie frieren geht

unbekümmert schlendern wir

am ufer

nur die kehle hat sehnsucht

nach kühlem eis.

Wohnungsverbesserungsberatung

Ricarda de Haas

Oh, was für wunderbare Ideen Ihr Wiener Geschäftsleute habt! Unbedingt sollte man die Wohnung verbessern. Sofort.
Net vui, nur di ahn oder andre Schönheitsreparatur..

Der See zum Beispiel ist entscheidend verbesserungsbedürftig.
Sehen Sie, die Wohnung hat keinen. Null, niente, nada.

Ich hätt‘ ihn dann gern vorm Küchenfenster.

So mittelgroß.
Mit Badestelle.
Sand und Gras.
Dazu eine dieser hölzernen
Wechselkabinen. Groß genug, dass man einzwei Gästebetten
unterbringen
kann.
Strom muss nicht unbedingt.
Es reicht, wenn die Sonnenstrahlen so schräg durch die Spalten der Bretter fallen. Und das Knarzen der Tür soll bitte echt klingen. So authentisch 50er.

Dazu Bleßhühner im Schilf, mit flauschig
rotschöpfigem Nachwuchs. Ein Boot natürlich. Mit kupferfarbenen Segeln.

Abends jemand, der Fisch ohne Gräten serviert. Weißwein im kühl beschlagenen Glas. Nachts dann Platzregen, Wetterleuchten.

Während man drin warm sitzt.

Das, wenn Sie mir verbessern könnten, bittschön. Zu aufwändig? Ah ja. Na, in dem Fall.. Da verzicht‘ ich eben auf die Bleßhühner.

Aber a Enterl..
A kloans Enterl sollt‘ scho sein.

 

 

SprachZeitRäume

Ricarda de Haas

Eldoret

I

Sprechen
Zuhören
Schauen
Denken
Fotografiert werden
Warten.

II

Konferenzen sind Zeit-Räume. SprachwandelOrte. Schrift wird zu gesprochener Sprache.  Körper zu Text. Komplexe Satzstrukturen zu simplen Schlagworten, an die Wand geworfen.

Viele Worte in vielen Sprachen. Notgedrungen einigt man sich auf eine. Spricht nebenher noch die eigene. Hört die anderen als Klang. Eine sticht heraus. Die neue, die man grade lernt.

Der Klang hallt im Ohr nach. Es ist, als würde ich die Sprache mit Verzögerung hören. Während wer antwortet, verstehe ich erst die Frage. Als wäre ein Kurzzeitspeicher in meinem Kopf, der alle Gespräche aufzeichnet, damit ich sie später rekonstruieren kann.

 

III

Nie wirklich allein sein. Kaum setze ich mich in die Sonne, kommt eine besorgte Sekretärin. Ob mir nicht gut sei. Mir geht’s gut. Ich will nur mal nichts hören, nichts denken, für mich sein. Das Konzept scheint unübersetzbar. Alleinsein ist Einsamkeit ist Unwohlsein. Ich kriege Tee und Kekse für einen wehen Bauch. Einblicke ins Familienleben für Verbundenheit.

Am nächsten Tag wähle ich eine ferne Bank unter Bäumen. Genieße die leichte Brise. Stille. Sehe von fern eine Schulklasse. Fünf Minuten später sind sie da. Ein paar Jungs traun sich, mich anzusprechen. Als ich antworte, umringt mich die ganze Klasse. Ich schüttele dreißig Hände, lerne dreißig Namen. Selfies natürlich.
Konferenzen sind erholsam, im Vergleich zu Schulklassen.

 

Nairobi

Verhandeln am Eingang zum Campus. Ich habe einen Termin, aber keinen Uniausweis. Die Diensthabende ist überfordert. Ihr Kollege flirtet dezent, winkt mich durch. Da wird sie streng. Ich muss detaillierte Angaben machen: Name, Anliegen, Büro. Und ein Ausweis muss sein. Egal welcher, Hauptsache Foto.

Ihr Kollege ist besorgt. Ob ich den Weg fände? Das weiße Gebäude dort vorn, fünfter Stock. Ich schaue mich um. Alle Gebäude sind mehrstöckig und weiß. Er lacht und bittet jemanden, mich ins Department for Modern Languages zu begleiten.

Ich hatte mehrfaches Verlaufen eingeplant. Jetzt bin ich zu früh und warte auf dem Gang. Alles ist still. Die Mitarbeiter sind im Streik. Nur Prüfungen finden statt. Ich blättere in Kaminers ‚Ausgerechnet Deutschland‘, das ich als Gastgeschenk dabei habe. Schlendere zu den Aushängen. Lese. Stutze.

Dying in Germany?? Und dazu ein fröhliches Gesicht? Ich zupfe am Plakat, das darüber lappt. Jetzt heisst es: ‚dying in Germany – simply tempting.“

Hm, ich habe in den hiesigen sozialen Medien schon einige sehr seltsame Annahmen über Deutschlands Umgang mit Flüchtlingen gelesen. Aber das scheint mir nun doch etwas pointiert. Oder bin ich gerade in eine von Kaminers Geschichten gepurzelt? Es ist so still hier. In welcher Zeit, in welchem Raum bin ich? Diesem Autor ist ja so einiges zuzutrauen..

Schritte hallen. Meine Verabredung kommt. „Bewunderst du unsere Werbung für’s Studieren in Deutschland?“

 

 

 

 

 

 

 

Stadt. Raum. Gender. Stil.

Ricarda de Haas

Karachi

Erster Tag, shoppen gehen. Ich brauche etwas, das hier passend ist. Viele Männer, vor allem die jungen, tragen globalen Mainstream – Jeans und T-Shirt – statt der traditionellen Kurta. Doch meine Sommerkleider sind hier deplatziert. Frauen hüllen ihre Körper in Tunikas und weite Hosen, dazu ein leichter Schal, der oft lose um die Schultern liegt. Junge Mädchen rebellieren, tragen enge Jeans unter langen Hemden, die zart eine Taille andeuten. Eine radikale Gruppe trifft sich einmal pro Monat in einem Strassen-Café. So erobern sie sich die Stadt zurück. Die Frauen, mit denen ich unterwegs bin, finden das gut und mutig, auch wenn sie froh sind, dass ihre Töchter nicht so viel riskieren. Ich höre zu, schaue. Wir fahren zum Bazar.

Trockene Hitze. Linksverkehr, zumindest meistens. Wenn man auf der Schnellstrasse im Stau steht (offiziell 6 Spuren, inoffiziell viele-viele), wenn Hupen nix nützt oder es bis zur nächsten Wendemöglichkeit zu weit ist, wechselt man zu Rechtsverkehr. Geisterfahrer. Vorbei an bunt dekorierten Trucks: Ornamente, Spiegel, Knöpfe – Pakistani Truck Art. Nach drei solcher Aktionen schnappe ich nicht mehr nach Luft. Hoffe, dass der Fahrer weiss, was er tut. Bis das Kamel auftaucht. Direkt vor uns. Herzklopfen. Es ist riesig. Langsam. Macht große Augen vor Angst. Der Wagenlenker zerrt am Zügel, das Maul schwenkt nach links. Wir nehmen die Abfahrt rechts, und sind vorbei. Pfff…

Vorm Bazar stehen Männer und plaudern, lehnen an Autos oder liegen lässig auf ihren Mopeds. Ich bin fasziniert. Wie entspannt sie die Balance halten! Doch meine Neugier provoziert Reaktionen. Unsere kleine Gruppe, in der Mehrzahl Frauen, fällt auf der Strasse ohnehin schon auf. Wir hasten nach drinnen, froh, vor zudringlichen Blicken geschützt zu sein. Glitzernde Stoffe, Baumwolle, Seide. Pastelltöne neben kräftigen Farben. Silberfäden, in den Stoff gestickte Spiegel, Perlen. Wir gehen von Stand zu Stand, kaufen Stoffe und Tücher, überlassen der Gastgeberin das Handeln. Gehen dann weiter in die Mall. Und finden uns plötzlich in einer Öffentlichkeit, die weiblich dominiert ist. In Cafés und beim Burger, in der Eisbar oder müßig schlendernd: erwachsene Frauen und Grüppchen junger Mädchen, enge Freundinnen und Frauen in der Großfamilie, manche mit und manche ohne Schleier.

Lahore

Siebter Tag. Wir besuchen das Lahore Fort, Shahi Qila, UNESCO Weltkulturerbe. Diesmal sind wir nur zu dritt, doch unter all den Touristen hier fallen wir auf. Es kommen kaum noch Ausländer, und sicher nur wenige, die ihr Schwulsein so offen mit schrägem Outfit betonen (auch wenn Händchen haltende Männer hier ein gewohnter Anblick sind). Meine Begleiter werden dauernd um Selfies gebeten, und zum ersten Mal geniesse ich die Geschlechtersegregation, die mich davor bewahrt, mein Konterfei mit allen teilen zu müssen.

Irgendwann spricht mich dann doch eine Frau an, ihre Töchter möchten ein Selfie. Wir reden eine Weile. Dann sagt sie: ihr müsst unbedingt das Spiegelkabinett ansehen. Es ist so schön – da sind überall Spiegel, sogar an der Decke. Ich gebe mich höflich-erfreut. Wir drei sind uns einig: wir haben in unserem Leben genug Spiegelkabinette gesehen. Tee und Gebäck ist jetzt eher unsere Liga.

Während wir Richtung Ausgang schlendern, denke ich über Spiegel nach. Spiegel in Pakistan, in Truck Art und Mode. Dieses Spiegelkabinett könnte ganz anders aussehen als bei uns. In der Ferne blitzt etwas auf. Wir machen einen kleinen Umweg. Und finden den Palast aus 1001 Nacht. Zieselierte Bögen aus Marmor, in Stuck gefasste Spiegelsplitter, teilweise blind vom Alter, restaurierte gläserne Blumen. Man steht unter dieser blendend weissen Kuppel, inmitten von Gefunkel, und denkt: überall sind Spiegel, sogar an der Decke!

Stadtspaziergang, Wien

Ricarda de Haas

Entzücken über architektur und kaffeehäuser. Ich trinke schönheit, esse punchkrapferl und hefigen strudl. Wann immer ich in wien bin, fällt etwas von mir ab. Vielleicht eine anstrengung, die berlin einem abverlangt: dass man immer so viel trostloses ignorieren muss, um das schöne genießen zu können – sei es grauer beton, schlafsäcke unter brücken oder trauriges gebäck. Hier dagegen sind ästhetik und genuss selbstverständlich.

Wenn man durch diese strassen läuft – mit verwaltungs- und regierungsgebäuden, die älter, höher, reicher sind als alles, was in berlin je gebaut wurde, wo selbst die keller, in denen man shoppen oder clubben geht, mehrere geschosse und hohe, verzierte decken aufweisen – scheint es unglaublich, dass die preußen jemals maria theresia besiegen konnten.

Ich stehe an einer kreuzung, warte bei rot, schaue auf die ampel und muss lachen. Selbst die gibt sich mühe, unser berühmtes ampelmännchen zu toppen. Sie haben zwei ampelwesen hier, ein ampelpärchen steht hand in hand. Ich freue mich über gleichberechtigung im strassenverkehr. Die ampel springt auf grün. Das pärchen läuft los, mit klopfendem herzen zwischen den köpfen.

Während ich über
die strasse schlendere
frage ich mich
was wohl die wiener
queer-community
zu dieser zurschaustellung
von hetereonormativität
sagt.

An der nächsten kreuzung
sehe ich
die antwort

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Dreiländereck

Ricarda de Haas

Grenzland ohne Grenzen. Wilde Wege durch wuchernden Wald. Bergauf, bergab. Die Federgabel arbeitet, die Knie auch. Knirschende Reifen, Keuchen. Ansonsten Stille. Grünes Laub, rote Beeren. Licht und Schatten.

Pling – eine sms, die einen im Ausland begrüßt, über Tarife in Europa informiert. Man hat wohl eine Grenze überquert. Pling – man ist wieder eingereist. Rechte Biege – pling, linke Biege – pling. Abends zählt man Nachrichten und weiß, wie oft man im Ausland war. Andere Nachrichten kriegt man nicht. Notrufe, ja – normale Rufe, nein. Im Wald sind Sendemasten rar.

Im Dorf ist der Empfang kaum besser. Doch das Quartier soll Internet haben. Es läuft über eine alte Überlandleitung zum Haus. Und gibt tatsächlich ein Signal. Wenn man den Hocker unters Dachfenster schiebt. Sich darauf stellt. Das Handy aus dem Fenster streckt. Wir lachen, als wir auf Nachrichtenfang gehen. Du die Emails, ich die Zeitung. Zum Umblättern muss wieder eine auf den Hocker klettern.

Bei Gewitter gibt es kein Netz. Der Blitz hat schon vier Geräte geschmolzen. Der Gastgeber hütet das fünfte, schaltet bei Regen ab. Bei Regen? Sie nennen Regen, was bei uns Unwetter heisst. Blitze tanzen um den Berg, Donner kracht, Wege verschwinden: Es gießt von oben, spritzt von unten, gurgelt, wirbelt, flutet ins Tal. Wir suchen Schutz unter Bäumen.

Zwei Einwohner spazieren gemütlich vorbei, suchen Pilze. Ein Hund tobt ausgelassen, schüttelt sich. Tropfen stieben aus seinem Fell, neue fallen von oben nach.

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Wir frühstücken auf dem Balkon. Plaudern. Schauen. Schweigen. Der Gastgeber schickt das fünfte Gerät zur Reparatur. Abends braten wir Pilze.

Fahren fahren durch die nacht..

Ricarda de Haas

Licht innen, schwärze hinter dem fenster. Nachts in bewegung sein. Sanftes schaukeln. Ein besonderes gefühl von geborgenheit. Bei sich sein und doch die welt durchstreifen. Eine stimmung, die jeder form nächtlichen reisens zu eigen ist.

Im fluss sein während draußen alles schläft. Die gedanken folgen sich selbst. Sie scheinen eigene Ideen zu haben, wohin sie möchten. Die Korrekturinstanz ist ausgeschaltet. Schreiben als bloßes aufzeichnen. Sichtbar machen, was schon da ist.

Die bewegung im kopf ein sanftes gleiten, passend zur bewegung des zuges über gleise. Stationen als störungen im gedankenfluss.

Dann plötzlich gestrandet. Unser lokführer geht nach hause. Die ablösung ist noch nicht da. Vierzig minuten warten. Auf jemanden, von dem es heisst, er sei noch auf der strecke. Vierzig minuten gedankenstau.

Einzige erkenntnis: Nächte auf schlafenden bahnhöfen gehören zu den langweiligsten erfahrungen seit der erfindung des künstlichen lichts. (Möchte man wirklich die erfahrung machen, nachts auf einem bahnhof ohne künstliches licht zu sein?)

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Warum ist es unangenehm, in einem stehenden zug an einem tisch zu sitzen und zu schreiben, während man dieselbe bewegungslosigkeit an einem tisch im café geniesst?

Stecken geblieben. Das ist die erfahrung. Und das ist auch das gefühl beim schreiben. Nicht vom fleck zu kommen.

Eine stunde später ein einfahrender zug. Hoffnung, dass wir dessen lokführer ausborgen können. Da kommt er. Bleibt stehen. Allein, mitten auf dem bahnsteig, raucht. Muss das sein? Immer diese süchtigen! Wir wollen endlich weg hier.. Ok, ok. Der mann hat seine pause verdient. Rauche, bitte, in ruhe. Und fahr uns dann, entspannt, sicher, nach hause.

Eine zweite erkenntnis: Abhängig sein macht schlechte laune. Und eine delle in die kreativität.

Wir rollen wieder. Korrekter: Wir rumpeln. Liegt es an den gleisen oder an der wahrnehmung? Es dauert – lange – bis dieses gefühl von freiheit, leichtigkeit, zurück kommt.

In sich ruhend durch die welt fahren, nachts..

Aprilwetter, remediated

Ricarda de Haas

Früher Morgen.

Die Leute laufen hintereinander. Einzeln, stumm, in langer unregelmäßiger Reihe. Von zu Hause kommend, auf dem Weg zur U-Bahn. Die Sonne scheint warm, niemand blickt in den Himmel. Jeder schaut nach unten, in die Hand, die das smartphone hält. Jede wird von unten fahl beleuchtet. Gespenstergesichter mitten in einem goldenen Morgen.

Es könnte eine Performance sein, entwickelt von einem Berliner Off-Theater in den 90ern, remediated 2015.

tapsen

Ich, die ich in die andere Richtung will, laufe im Slalom durch die Reihe derer, die entgegen kommen. Weiche aus – rechts, links. Einmal ahnt jemand mein Kommen, sanftes Ausweichen zur selben Seite. Fast stoßen wir aneinander. Ein kurzes ‚Entschuldigung‘, hoch schauen, dann wieder versinken.

Es ist, als träumten alle, solange es geht. Und ich, überwach, sehe den Träumenden zu.

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Später Abend

Menschenleer die Strassen. Das kurze Sommerglück vorbei. Kälte kriecht unter die Jacke. Regen peitscht von vorn. Ich strecke den Schirm schräg vor mich. Er fängt den Sturm ab. Blind tappe ich in seinem Schatten. Falls wirklich wer entgegen kommt, wird er dem Schirm ausweichen.

Ein dumpfer Stoß. Das Geräusch von Metall, das über gespannten Stoff streift. Der Puls rast. Ich weiche links aus, die anderen Schritte nach rechts. Irgendwie kommen wir auseinander. Wir sehen uns an. Sie sieht meinen schwarzen Schirm. Ich sehe ihr smartphone.

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Wir lachen los. Sprechen klappt nicht. Stammeln. Wir sehen uns an – sehen, was die andere sieht. Lachen, lachen ohne aufzuhören. Erleichterung. Und ein Spritzer Hysterie. Die Andere ist auch eine Frau. Nachts, auf menschenleerer Strasse.

Wir wünschen uns einen guten Heimweg. Streben in entgegengesetzter Richtung ins Licht.

Im Park

Ricarda de Haas

schauen

ein kleinkind tappst stolz seine ersten schritte. ein hipster mit zwei hunden wirft stöckchen. ein mann mit kinderwagen krault seine freundin unter dem kinn. eine band schleppt fröhlich equipment.

das kind plumpst glücklich in den matsch. die hunde fressen die stöckchen auf. die frau lässt ihr haar fliegen. die band öffnet das erste bier.

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die hunde sehen nach D.I.Y. aus, designed mit einer app, die noch nicht läuft: große blauäugige husky-köpfe auf krummen stummelbeinen, mit schleppendem schweif à la waldfuchs.

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die frau sieht aus, als würde sie ihm gern mal erklären, wie mann eine frau berührt, verschiebe das aber, weil sie froh ist, dass er das mit dem kinderwagen jetzt macht.

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gehen

ich nehme den schmalen weg. er verschwindet in einer pfütze. dicht am bauzaun liegt ein brett. wie alle vor mir balanciere ich darüber, eine hand im zaun. es wackelt, wasser drückt hoch. einer von der band kommt mir entgegen, unter dem linken arm ein verstärker, rechts ein kasten bier. ich frage mich, wie er über das brett kommen will.

ich gehe zu dem eck, das rosengarten heisst. eine treppe führt hinunter. treppe, das heisst: keine hunde, keine kinderwagen, keine fahrräder. heute ist sie gesperrt. ich schaue, ob der andere eingang auch verschlossen ist. ist er. trotzdem sind die bänke besetzt. sie müssen über die absperrung geklettert sein. lauter einzeltäter, jede und jeder mit einem buch in der hand. ich folge ihrem beispiel, setze mich auf die letzte freie  bank.

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sein

letzten sommer hat sich hier ein lesesaal etabliert, zwischen rosen und statuen. jetzt finden sich die nutzer_innen wieder ein, sitzen zwischen struppigen ranken und leeren podesten, tanken die frühe sonne.

es ist ein anachronistisches bild. keine aufgeklappten bildschirme. kein vom smartphone fahl beleuchtetes gesicht. kein herumnesteln, tippen, scrollen. statt dessen stille. natürlich ist die stadt um uns laut. verkehrslärm. baustellen. und dennoch dieses gefühl von oase. lesende sind stille menschen. tauchen ein in ihre welt, vergessen alles um sich herum.

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ich möchte wie der engel sein aus himmel über berlin, der den lesenden still die hand auf die schulter legte, und so hören konnte, in welcher welt sie grade weilten. in welcher zeit.

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als ich gehe, sind auch die podeste mit lesenden besetzt. auf dem rückweg höre ich die band proben.