Archiv der Kategorie: Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt

Wiener Häuslichkeiten

Ricarda de Haas

Auf dem Weg zum Campus schlendere ich durch den neunten Bezirk, vorbei an Cafés, Trafik* und dem Freud-Museum, das gerade umgezogen ist. Und da entdecke ich es. Unscheinbar steht es da, zwei Stockwerke niedrig, mit geschlossenen Läden träumend, zwischen Gründerzeitbauten, die es um vier Stockwerke stolz überragen.

Traum-Haus. Biedermeierhaus.

Die deutsche Sprache ist merkwürdig. Warum ist ein Traumhaus ein Haus, von dem Menschen träumen, und nicht ein Haus, das träumt? Ist ein Biedermeierhaus ein Haus, in dem Menschen biedermeiern? Oder doch ein Haus, das bieder meiert? Und wie genau zieht ein Museum um? Schlüpft Freud aus der Kiste, um ein letztes Mal Kisten zu packen? Oder zieht das Museum die Wände aus dem Boden und sucht sich ein schönes freies Plätzchen?

Dieses Haus jedenfalls zieht nicht um, und es renoviert sich nicht. Etwas zerzaust steht es da, die Schrift über den geschlossen Läden noch lesbar, das Hausschild über der Tür verblasst. Ein Rudolf Schlapota, Pferdefleischhauer und Selcher, verkaufte hier, ein Alexander Häuser nutzte einen Teil als Lager, ein Rechtsanwalt praktizierte im oberen Stock, ein Fenster- und Zimmerputzer hatte unten ein schmales Geschäft.

Im oberen Stock ein angelehntes Fenster. Blumentöpfe hinter den Scheiben, Fensterschlangen. Irgendjemand wohnt da noch. Trotzt der Zugluft im alten Haus.

Wovon träumt dieses Haus?

Von den wilden Zeiten seiner Jugend? 1781 zwischen Porzellanmanufakturen, Ziegeleien, Webereien und Seidenraupenzucht geboren, hatte es kurz nach der Jahrhundertwende bereits schwere Brände zu überstehen, einen Pestausbruch, die napoleonische Besetzung sowie einen Eisstoß in Donau und Donaukanal. Wasser bekam es erst nach 55 Jahren, Quellwasser, das aus den Bergen durch die Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung nach unten strömte. Knapp siebzigjährig zitterte es sich durch die Wiener Oktoberrevolution, als viele Häuser durch kaiserliche Truppen beschädigt wurden. Als rundum Gründerzeithäuser die Biedermeierhäuser verdrängten blieb das träumende Haus verschont.

Seine späten Jahre waren nicht weniger gefährlich — oder besser: gefährdend? Es überstand Weltkrieg, kommunistischen Putschversuch, Weltwirtschaftskrise. Wurde Zeuge des Novemberpogroms, der Deportation von 12.000 jüdischen Bewohnern aus dem Bezirk. An einige Hundert von ihnen erinnern jetzt in den Boden gelassene „Steine der Erinnerung“, vierzehn davon allein in dieser Straße. Keiner vor diesem Haus. Weil niemand deportiert wurde? Oder weil sich niemand erinnert?

Den Bombenhagel, der viele Häuser im Viertel zerstörte, überstand es fast unbeschädigt. Befreiung durch die Rote Armee und zehn Jahre amerikanische Besatzung hinterließen kaum Spuren. Wirtschaftswunder, Deindustrialisierung, Gentrifizierung und Tourismus folgten – ob es davon noch etwas gemerkt hat? Es träumt so tief..

Als ich es fotografiere, kommt eine Frau vorbei, sagt: „Ewig schad“. Nur diese zwei Worte, hingeworfen in dieser unnachahmlichen Wiener Melancholie. Wo sich Kummer mit Protest mischt, die Stimme erst hoch und dann in den Keller geht. Ich frage, ob sie von dem Haus Genaueres wüsste. Sie verneint. Es sei eine Schande, das Haus verkommen zu lassen. Aber die da hinter den Fenstern, die sei starrsinnig. Sie wolle nicht ausziehen, auch der Gemeinde das Haus nicht übergeben. Ob sie die Frau kennt, die da wohnt? Nein, aber – und nun spricht sie mit Autorität – sie lese die Bezirkszeitung.

* Trafik – zu deutsch-deutsch: Tabakladen

Ricarda de Haas: Alhambra (1994)

ein muster
gemalt auf stein
strich punkt strich
zweidimensional
ein ich
betrachtend sinnierend
als dritte dimension

der klang von schritten
weckt stein um stein
mauern legen sich nieder
im wasser
bemusterte türen
großbogige öffnung
ins früher


wir sind punkte
nichts zählt
nur ein punkt
unter punkten
lächerlich

winziges ich
vibrierend pulsierend
ein ich
vernetzt mit anderen
ein anders-ich
ooh!

ein prinz-ich
ein früher-ich
ein spinnen-ich
spinne ich?

oje
ein über-ich
nichts wie weg

Großstadt Sommer

Ricarda de Haas

I

Die Luft so schwer. Ein anderer Aggregatzustand. Flüssig statt luftig. Bei jeder Bewegung ein Widerstand. Müde die Straße entlang schwimmen.

Gedanken schlafen. Große Pläne lösen sich auf. Das Ich reduziert auf basale Bedürfnisse.  Ruhe. Kühle. Keinen Durst. Nicht bewegen. Das Ende der vielgepriesenen Mobilität.

Die Welt unterteilt in Schatten und Sonne. Auf der Schattenseite des Lebens wohnt das Glück. Wir brauchen neue Metaphern.

.

II

Eine Demo. Laut. Trommeln. Sprechchöre. Go Vegan. Don’t take our lives. Dein Magen ein Tierfriedhof.

Das grüne V  baumelt schlapp von der Stange. Träge Füße auf heißem Asphalt. Tapfer stampfen sie im Takt. Etwas einsame Füße auch. (Ob zweisam laufende Füße je einsam sein können?) Die Vielen sind heute woanders. Unter brennender Sonne kämpft es sich schwer für anderer Tiere Interessen. Don’t take our lives.

.

III

Durch die Mittagshitze schwimme ich nach Norden. Langsam. GaumenZungenVerklebt. Sehnsucht nach Grün. Bäumen am Wasser. Garten mit Bier. GedankenSynapsenVerklebt. Ob Kühe so dumm im Kopf sind wie ich jetzt?

Schau schau.

Dumme Kuh ganz schlau.

I don’t want to take your live. I just wanna swap it.

Der Traum vom Fliegen

Ricarda de Haas

Im überfüllten Bus wieder diese BER-Gespräche. Der Humor, mit dem wir uns verbrüdern, erinnert an ddr-Zeiten. Aber die Security ist freundlicher. Viel. Wir sind Reisende, nicht verdächtige Subjekte. In der Schlange ein paar Osteuropäer. Man erkennt sie an der Professionalität, mit der sie das Anstehen organisieren. Effizient, diskret. Die Schweden dagegen voll überfordert. Laut, hysterisch fast. Sie sausen von Schlange zu Schlange. Beginnen dann verärgert von vorn. Niemand will sie hinein lassen. Niemand mag Nervöse.

Unser Flugzeug muss auch in die Schlange. Vier Maschinen rollen vor uns in dieselbe Landebahn. Ich frage mich, ob der Takt in Tegel nicht längst den der legendären Tempelhofer Rosinenbomber übertrumpft. Und ob nicht doch mal was passiert. Noch machen wir Witze. Fühlen uns seltsam lokalpatriotisch dabei.

Der Traum vom Fliegen ist längst perdu. Erst später, unten, wenn die Schultern wieder schwerer, die Füße langsam sind auf Asphalt, hängt der Himmel plötzlich tiefer. Der Schatten eines Traumes.

Frauentag, Berlin

Ricarda de Haas

Ältere Frau auf buntem Fahrrad.
Sie bremst scharf, steht.

Vor ihr quert eine junge Frau. Vermutlich Frau.
Geht, schreitet. Unberührt vom Verkehr, den Blicken.
Schmale Beine in engen schwarzen Hosen, Stiefel, Lederjacke.
Rot leuchtendes Schottenröckchen.
Um die Schultern wippen schwarze dichte Strähnen.
Das Gesicht davon verborgen, umhüllt.

Wer ist sie?
Ein Goth aus den 80ern, auf der Suche nach dem verschwundenen Kreuzberg?
Eine Manga Figur? Afrofuturistisches Model? Riot Grrrl?
In diesem Kiez, in dem nichts je erschütterte, drehen alle sich um.

Als hätte ein Baum sich keck aufgemacht, urbanes Leben zu erkunden.
Zarte Weidewurzeln aus Erde und Wasser gezogen.
Kariertes Schürzchen umgeschnallt.
Und spazierte nun, mit stolz ausladender Krone, neben der Hochbahn.
Der schmale Stamm von dicht belaubten Zweigen umspielt.

Die ältere steht noch immer, schaut. Sehnsucht im Blick.
Fährt mit der Hand durch kurzes Haar. Was sieht sie?
Ihre eigene verwegene Jugend?
Die Freiheit, alles zu wagen, zu sein?
So sichtbar, und doch geschützt.

Der Verkehr rollt an. Die Geräusche kommen zurück.
Das Baummädchen verschwindet.
Die andere steigt in die Pedale.
In ihrem Gesicht zeigt sich Glück.

Der moment des losgehens..

Ricarda de Haas

… wenn man schon in der tür steht, sich verabschiedet von denen die bleiben.

Dieser moment, der die luft anhält, absolute stille, bewegungslosigkeit. Während eine hand sich noch ausstreckt zu den bleibenden und die andere sich schon zur klinke denkt.

Perfekte balance zwischen da sein und weg gehen.

In diesem augenblick scheint alles möglich.

Während man sich offiziell bereit macht für die geplante reise, ein paar tage nur, blitzt im innern eine tür zu einer anderen welt auf, ein netz möglicher wege.

Man könnte noch abbrechen, sich entscheiden, zu bleiben. Oder aus der tür gehen, um nie zurück zu kehren. Aufbrechen in ein anderes leben.

Man könnte alles wagen, alles..

Und dann ist der moment vorbei. Man hat die tür zugeschlagen, die träume vergraben, die leben, die anderen, verschoben. Auf später.

Augen Blicke

Ricarda de Haas


Immer Wenn Ich So

In Die Welt


Geworfen Bin


Sehe Ich Anders.


Klarer.


Ausschnitte Nur.



I

Gedränge Am Hauptbahnhof.
Ein Mann Bückt Sich Über Den Abfall.
Sucht Nach Flaschen.
An Seinem Handgelenk Baumelt Leer Eine Tasche
Vom Drogeriemarkt.
Darauf Dicke Buchstaben: Home Sweet Home.

II
Der Flug Nach Wien Nicht Ausgebucht. Sie Stopfen Uns In Eine Kleinere Maschine. Mit Propellern. Eine Frau Fragt, Wann Das Ding Gebaut Wurde. Niemand Will Die Antwort Wissen. Wir Stöpseln Uns Musik In Die Ohren Und Hoffen Das Beste. Die Zur Arbeit Müssen Öffnen Laptops Auf Knien, Die An Den Vordersitz Stoßen. Vermutlich Hätte Die Fluggesellschaft Uns Menschen Gern Eckig. Dann Könnten Sie Uns Stapeln, Wie Tetrapacks.

III
Addis Abeba, Nachts, Von Oben.
Kleine Bunte Lichter Blinken Im Schwarz.
Sie Sind Rot, Blau, Grün,
Doch Meistens Gelb.
Punkte Nur.
Hingeworfen.
Ohne Struktur.
So Sahen Städte Im Dunkeln Aus, Als Ich Kind War.
Je Nördlicher Wir Fliegen Desto Heller Wird
Die Nacht Am Boden.
Lichterketten, Streifen, Autobahnkreuze.
Muster.
Städte Wie Landkarten,
Aus Licht Gezeichnet.

IV

In Frankfurt Wird Unsere Gruppe Geteilt. Hier Die EU-Pässe, Da Alle Anderen. Die Schlange Der Anderen Ist Lang.
Wir Gelten Als Maschinenlesbar. Passieren Mitten Im Flughafen Die Grenze
Zwischen Der Welt Und Schengen, Per Automatischer Schranke.
Mein Automat Kann Mich Nicht Lesen. Muss Ich Jetzt Zu Den Anderen?
Natürlich Nicht. Eine Menschliche Assistentin Hilft. Mir…
 


Mobility Als Paradigma Unserer Zeit.

Ich Denke Darüber Nach, Wer Eigentlich Mobil Ist.

Sein Kann. Darf. Muss. Wohin. Und Wann.

Nairobi, am Abend

Ricarda de Haas

Eine Straße im Zentrum, kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Autos, Musik, Leuchtreklame. Offene Ladentüren. Zigaretten, T-Shirts, Haare & Nägel. Auf dem Gehweg plaudernde Männer, fliegende Händlerinnen, Straßenkinder.

Im zweiten Stock ein Restaurant. Gesprächswolken dick wie Zigarettenqualm. Sieben Sorten Fleisch, neben 🐄 und 🐓 auch 🐐  und 🐫. Kein Alkohol. Dafür frischer Juice aus praktisch allem. Mango, Passionsfrucht, Ananas, Avocado.  Oder Dawa, Medizin. Ein heißer Trank aus Ingwer, Knoblauch und Zitrone.

An der Wand sind Waschbecken für die Gäste. Und ein grün leuchtender Kasten. Ein Automat?

Schließfächer. In jedem Fach ein USB. Während die Gäste speisen, träumen ihre Handies. Es ist der große Traum von einem grün schimmernden Leben nach dem Akku-Tod.

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Sehnsucht nach..

Ricarda de Haas

 

im winter keine sommer märchen erzählen.

niemand kann sich dann erinnern

An warme nächte

cafés in der sonne

goldenen glanz auf nackter haut.

Im winter..

niemand möchte sich erinnern.

An das nachttrunkene glück

vergangener monde

..

..

Im sommer..   warum nicht von winterstürmen faseln.

niemand wird sich noch erinnern

wie frieren geht

unbekümmert schlendern wir

am ufer

nur die kehle hat sehnsucht

nach kühlem eis.

Wohnungsverbesserungsberatung

Ricarda de Haas

Oh, was für wunderbare Ideen Ihr Wiener Geschäftsleute habt! Unbedingt sollte man die Wohnung verbessern. Sofort.
Net vui, nur di ahn oder andre Schönheitsreparatur..

Der See zum Beispiel ist entscheidend verbesserungsbedürftig.
Sehen Sie, die Wohnung hat keinen. Null, niente, nada.

Ich hätt‘ ihn dann gern vorm Küchenfenster.

So mittelgroß.
Mit Badestelle.
Sand und Gras.
Dazu eine dieser hölzernen
Wechselkabinen. Groß genug, dass man einzwei Gästebetten
unterbringen
kann.
Strom muss nicht unbedingt.
Es reicht, wenn die Sonnenstrahlen so schräg durch die Spalten der Bretter fallen. Und das Knarzen der Tür soll bitte echt klingen. So authentisch 50er.

Dazu Bleßhühner im Schilf, mit flauschig
rotschöpfigem Nachwuchs. Ein Boot natürlich. Mit kupferfarbenen Segeln.

Abends jemand, der Fisch ohne Gräten serviert. Weißwein im kühl beschlagenen Glas. Nachts dann Platzregen, Wetterleuchten.

Während man drin warm sitzt.

Das, wenn Sie mir verbessern könnten, bittschön. Zu aufwändig? Ah ja. Na, in dem Fall.. Da verzicht‘ ich eben auf die Bleßhühner.

Aber a Enterl..
A kloans Enterl sollt‘ scho sein.