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Frühlingstrunken

Ricarda de Haas

Freitag:
Mit dem schnee ist der blogtext geschmolzen. Worte und fotos hatten zu viel weiß. Viel zu viel weiß.

In einem geschlossenen cafe ein gedeckter tisch mit reserviert-schildchen: Es war einmal. Es wird nochmal.

Samstag:
Spazieren mit einem freund. Eine echte live-begegnung. Wir holen uns coffee-to-go und reden alles mögliche. Vermeiden das c-wort. Beim abschied fällt es doch. Er sagt: es fühlt sich an, als wäre corona vorbei.

Wir lachen. Spüren das lebendige in uns, in der stadt.


Sonntag:
Wieder draußen.

Ganz berlin ist auf den beinen.
Kein fleckchen grün ist unbesetzt, unbelaufen.

Wir schlängeln uns durch, laufen bögen.
Pausieren, wenn eine meute kommt.

Abends denke ich: gefühle können verdammt gefährlich sein. Irrational eben.
Nie hätte ich gedacht, dass dieser satz mal eine so andere bedeutung haben kann.

zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
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für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
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und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.

Das sinnlose Leben der Litfaßsäule

Ricarda de Haas

Letztes Jahr, irgendwann im März, mutierten Berliner Litfaßsäulen zu Grabsäulen. Man ging vorbei, in stummer Trauer, und dachte an Berlin, wie es gewesen war. Oder vielmehr, wie es gewesen sein soll, vor der eigenen Zeit. Als Litfaßsäulen jung waren, Symbol einer Moderne, die Mitte des 19. Jahrhunderts eher erahnt als erlebt wurde.

Und nun das. Ende einer Ära. Aussortiert, nicht würdig zu existieren in einer Zeit, in der Papier nicht geduldig, sondern nur geduldet war. Verblüffend nur, dass die Leerstellen nicht auffielen. Als wären die Flecken an den Ecken der Plätze, an denen die Säulen über hundert Jahre wie festgewachsen standen, schon immer nur freies Pflaster gewesen, über das Füße geschäftig liefen.

Dann, plötzlich, im März diesen Jahres die Entdeckung: eine neue Säule steht da, nicht ganz am Platz der alten, aber doch am selben Eck. Voll jugendlicher Tatkraft schaut sie in den Kiez. Anders als angekündigt leuchtet sie nicht. Nur der Haarkranz oben ist aus Plastik statt aus Eisen und Beton. Ansonsten lässt sich kaum ein Unterschied bemerken. Noch einmal trauert man. Die alte hätte doch noch etwas bleiben können.

Doch nun steht ist sie da, die Neue. Und steht. Kündigt Veranstaltungen an, die Ende März schon gestern waren. Und keiner kommt, und keiner klebt was Neues auf. Und keiner weiß, wann es wieder etwas zu verkünden geben wird. Fast möchte man sie bedauern. So jung ist sie, so sinnlos schon ihr Dasein.

Großstadt Sommer

Ricarda de Haas

I

Die Luft so schwer. Ein anderer Aggregatzustand. Flüssig statt luftig. Bei jeder Bewegung ein Widerstand. Müde die Straße entlang schwimmen.

Gedanken schlafen. Große Pläne lösen sich auf. Das Ich reduziert auf basale Bedürfnisse.  Ruhe. Kühle. Keinen Durst. Nicht bewegen. Das Ende der vielgepriesenen Mobilität.

Die Welt unterteilt in Schatten und Sonne. Auf der Schattenseite des Lebens wohnt das Glück. Wir brauchen neue Metaphern.

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II

Eine Demo. Laut. Trommeln. Sprechchöre. Go Vegan. Don’t take our lives. Dein Magen ein Tierfriedhof.

Das grüne V  baumelt schlapp von der Stange. Träge Füße auf heißem Asphalt. Tapfer stampfen sie im Takt. Etwas einsame Füße auch. (Ob zweisam laufende Füße je einsam sein können?) Die Vielen sind heute woanders. Unter brennender Sonne kämpft es sich schwer für anderer Tiere Interessen. Don’t take our lives.

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III

Durch die Mittagshitze schwimme ich nach Norden. Langsam. GaumenZungenVerklebt. Sehnsucht nach Grün. Bäumen am Wasser. Garten mit Bier. GedankenSynapsenVerklebt. Ob Kühe so dumm im Kopf sind wie ich jetzt?

Schau schau.

Dumme Kuh ganz schlau.

I don’t want to take your live. I just wanna swap it.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Standort Berlin

Ich bin wieder in Berlin, teile hiermit meinen Standort mit euch. Ich bin wieder in Berlin, zunächst in Kreuzkölln um genau zu sein, ein Bezirk, den es, als ich fortging von hier, so noch nicht gab. Und, dass ich wieder in Berlin bin, stimmt eigentlich nicht, weil dieses Ich, welches jetzt das meine ist, so noch niemals in Berlin war, eine binsige Wahrheit, die sowohl auf Berlin zutrifft, als auch auf mich. Manchmal treffe ich Berliner*innen, die heimlich älter geworden sind, die ich nur von der Straße kenne, deren Namen ich weder heute weiß noch damals wusste. Nur meine Freundinnen altern gemeinsam mit mir, begleitetes Altern sozusagen, was tröstlich und schön ist, denn das Alter kann cool sein und entspannt, hier in Berlin allemal. Und so sammle ich meine Freundinnen wieder zusammen, in Kreuzberg und Alt-Treptow, bringe uns auf den neuesten Stand, Berlin und mich, umarme die Alten im Neuen und die Neuen im Alten. Demütiger sind wir geworden, auch weil die Mehrzahl der Jahre nicht mehr vor, sondern hinter uns liegt. Und die Demut steht uns gut. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Frauentag, Berlin

Ricarda de Haas

Ältere Frau auf buntem Fahrrad.
Sie bremst scharf, steht.

Vor ihr quert eine junge Frau. Vermutlich Frau.
Geht, schreitet. Unberührt vom Verkehr, den Blicken.
Schmale Beine in engen schwarzen Hosen, Stiefel, Lederjacke.
Rot leuchtendes Schottenröckchen.
Um die Schultern wippen schwarze dichte Strähnen.
Das Gesicht davon verborgen, umhüllt.

Wer ist sie?
Ein Goth aus den 80ern, auf der Suche nach dem verschwundenen Kreuzberg?
Eine Manga Figur? Afrofuturistisches Model? Riot Grrrl?
In diesem Kiez, in dem nichts je erschütterte, drehen alle sich um.

Als hätte ein Baum sich keck aufgemacht, urbanes Leben zu erkunden.
Zarte Weidewurzeln aus Erde und Wasser gezogen.
Kariertes Schürzchen umgeschnallt.
Und spazierte nun, mit stolz ausladender Krone, neben der Hochbahn.
Der schmale Stamm von dicht belaubten Zweigen umspielt.

Die ältere steht noch immer, schaut. Sehnsucht im Blick.
Fährt mit der Hand durch kurzes Haar. Was sieht sie?
Ihre eigene verwegene Jugend?
Die Freiheit, alles zu wagen, zu sein?
So sichtbar, und doch geschützt.

Der Verkehr rollt an. Die Geräusche kommen zurück.
Das Baummädchen verschwindet.
Die andere steigt in die Pedale.
In ihrem Gesicht zeigt sich Glück.