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Postkarte aus dem Regio

Liebe Bettine A., B’tynA, Betty,
ich hätte dich so gern getroffen in Berlin, in der Großstadt. Mit dem Regio wollte ich zum vereinbarten Termin. Ich war mir sicher: du wirst diesmal kommen, da sein. Die Umstände wären seltsam genug gewesen: distanziert.
Allerdings – ich blieb auf der Strecke, in der Provinz.
Ein verdächtiger Gegenstand liegt im Gleis, hieß es. Die Polizei beschäftigt sich mit dem Ding.
Betty? Hast du einen verdächtigen Gegenstand ins Gleisbett gelegt? Wolltest du wissen, was passiert? Wolltest du sehen, wie ich in Erkner aus dem Zug steige, zur S-Bahn gehe, die Anzeige lese: Schienenersatzverkehr (Worte, über die ich noch nachdenke … Schienenersatz, verdächtiger) Betty? Hätte ich nur richtig hinschauen müssen? Warst du die im gelben Kleid, die in der Menge verschwand? Hast du gesehen, wie ich die Treppe hinunterstieg, wie ich mich auf dem Bahnhofsvorplatz umschaute. Kein Verkehr, nur Schilder und Wartende. Standest du da unten am provisorischen Haltestellenschild, Betty? Warst du die mit dem Klapprad? Hast du gesehen, dass ich zurück ging zum Regio, den Lokführer fragte, ob er zurück fährt und wieder einstieg? Hast du gesehen, wie die Türen sich schlossen und der Zug wieder anfuhr – zurück, zurück, zurück?

Wo bist du, Bettine?

In Berlin, Rio de Janeiro und Shanghai lebst du, habe ich gelesen, und tourst gerade in den USA. Aber wo bist du jetzt zu Hause? Brauchst du nicht auch einen Ort des Geborgenseins? 
Ich müsste nicht lange überlegen, wenn ich die Auswahl hätte. Du lächelst vielleicht über meine Engstirnigkeit? Gut tätest du daran, Bettine.
Und doch erwischte ich dich allzu gern. Flanierst durch unsere Texte, ohne dass ich dich zu fassen bekomme. Nicht einmal zu hören.

Schön wäre es, deinem Portugiesisch zu lauschen. Schlängelt es sich wie kunstvoll gezischeltes Vulgärlatein aus deinem Mund und erobert sich gerade die Straßen Rios?

Zischeln geht auch chinesisch ganz gut. Du wirst das perfekt beherrschen. Ja. Aber …  . Du könntest mir Vieles begreiflich machen. Wo bist du, Bettine?

undefinedDieser Brief geht heut noch per Taube ab.

Sie wird dich singen hören. Du wirst sie entdecken. Ich werde auf ihre Rückkehr warten.