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Postkarte aus dem Regio

Liebe Bettine A., B’tynA, Betty,
ich hätte dich so gern getroffen in Berlin, in der Großstadt. Mit dem Regio wollte ich zum vereinbarten Termin. Ich war mir sicher: du wirst diesmal kommen, da sein. Die Umstände wären seltsam genug gewesen: distanziert.
Allerdings – ich blieb auf der Strecke, in der Provinz.
Ein verdächtiger Gegenstand liegt im Gleis, hieß es. Die Polizei beschäftigt sich mit dem Ding.
Betty? Hast du einen verdächtigen Gegenstand ins Gleisbett gelegt? Wolltest du wissen, was passiert? Wolltest du sehen, wie ich in Erkner aus dem Zug steige, zur S-Bahn gehe, die Anzeige lese: Schienenersatzverkehr (Worte, über die ich noch nachdenke … Schienenersatz, verdächtiger) Betty? Hätte ich nur richtig hinschauen müssen? Warst du die im gelben Kleid, die in der Menge verschwand? Hast du gesehen, wie ich die Treppe hinunterstieg, wie ich mich auf dem Bahnhofsvorplatz umschaute. Kein Verkehr, nur Schilder und Wartende. Standest du da unten am provisorischen Haltestellenschild, Betty? Warst du die mit dem Klapprad? Hast du gesehen, dass ich zurück ging zum Regio, den Lokführer fragte, ob er zurück fährt und wieder einstieg? Hast du gesehen, wie die Türen sich schlossen und der Zug wieder anfuhr – zurück, zurück, zurück?

heartbeat missing

bettine a wohnt nicht wie wir. vermutlich wohnt sie gar nicht. nirgends.

bettine a nennt sich schon länger nicht mehr so, siehe ihr letzter post, b’tynA, du schreibst ja mit, liest mit hier, bist unser heimlicher herzschlag als mitbegründerin, eine primärbettíne, alpha-bettíne par excellence. und angeblich seist du in der stadt. aufregend!

nur leider bist du donnerstag wieder einmal nicht erschienen in unserer runde, wir alle hatten es uns erhofft. und machen uns langsam so unsere gedanken, ob es dich außer als omnipräsentes, flirrendes netzwesen noch gibt. in echt.

ich habe mir erlaubt, am nächsten tag, gestern also, deine neue adresse aufzusuchen. unangemeldet, das musste schiefgehen, deine tür blieb verschlossen.

auch im souterrain habe ich es vorsichtshalber versucht, du hattest schon immer einen draht zu unterwelten. nobody. 

und während ich da etwas verloren in deinem urban industrial kiez herumstand, unschlüssig, ob ich dich drahtlos zu erreichen versuchen sollte, hatte ich ein déjà-vu.

schon einmal stand ich so vor deiner verschlossenen tür. lange ist’s her. aber geändert hat sich wenig an deinem wohngeschmack.

vielleicht liegt es an der sargassosee, über der du geboren wurdest, hoch in den lüften. ein gewaltiger strudel aus braunalgen bildet ihr zentrum, und wenn diese blühen, leuchtet es grün, von oben betrachtet ein riesiges smaragdgrünes meerauge, es hatte dich von anfang an im blick. (not to mention welch augenfarbe die deine ist.)

vermutlich wohnst du gar nicht. nirgends. netznomadin. we wouldn’t be surprised. wirst du uns das bei gelegenheit verraten? UND: when will we meet again?

Maja Linthe: Eine Nachricht für Bettine

Ich schicke dir diesen Papierflieger aus virtuellem Papier, verfasse eine Instagram-Nachricht an dich, Bettine. Ich habe solch einen kleinen Flieger noch niemals verschickt, tue es aber jetzt, weil ich das Gefühl habe, dich hier am Besten zu erreichen. Du hast sogar ein blaues Häkchen, Bettine, das Nonplusultra auf Instagram. I am very impressed.

Während ich dir diese Nachricht schreibe, habe ich Kopfhörer in den Ohren, kann dich sehen und hören, deine Gitarre, deine Band, deine Stimme, die deine schönen Gedichte singt. Auf deinem Instagram-Account sehe ich Fotos von dir auf deiner letzten Tour, in Austin, Texas, in Santa Monica, mit dem  Victory Zeichen im Grand Canyon oder mit Zigarette und Bier in Chicago vor dem Garderobenspiegel, kurz vor der Show. Du bist schön und androgyn, so wie immer. Mir gefallen die Selfies im Polaroid-Stil am besten.

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