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Maja Linthe: Bloggen mit Mut

Wir treffen uns im virtuellen Blograum und wir treffen uns im realen Berlinraum, dort hinter verschlossenen Türen. Im Blograum sind wir uns manchmal nicht bewusst, dass da noch andere anwesend sind – außer uns. Wir verhalten uns im Blograum so, als würden wir zuhause am Schreibtisch sitzen und unseren Text aus dem Fenster rufen. Es hören uns nicht viele, denn unser Schreibtisch steht im 4. Stock und unten ist es laut, viel Verkehr. Und doch ist der Blog etwas dazwischen, zwischen dem Schreiben am Schreibtisch und dem Treffen im öffentlichen Raum. Unten auf der Straße könnte uns jemand hören, trotz lautem Verkehr, und bei uns klingeln. Dann müssten wir eigentlich öffnen, ihm oder ihr alleine Rede und Antwort stehen, denn weshalb sollten wir sonst aus dem Fenster rufen? Und natürlich hören wir uns gegenseitig zu, weil wir aufmerksam sind, füreinander. Denn wir schreiben alleine und wir schreiben als Gruppe, wir schreiben füreinander und wir schreiben für andere, am Schreibtisch und aus dem Fenster rufend. Wir schreiben dazwischen im Blog. Maja Linthe: Bloggen mit Mut weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Was bedeutet es, für ein Blog zu schreiben?

Hat es im Blog eine Bedeutung, dass ich Texte schreibe, die nie auf Papier erscheinen werden? Wie verändern sich Texte auf Papier? Oder wie verändert sich unser Schreiben, wenn wir die Texte gedruckt sehen möchten? Was bedeutet es, dass Leser*innen mir zurückschreiben können? Ähnelt das Blog einem Brief?

Was bedeutet es für ein Blog zu schreiben?

Ewig und schnelllebig

Texte, die online erscheinen, sind kurzlebiger, weil sie schneller verschwinden. Bei Snapchat z.B. verschwinden die Stories nach 24 Stunden. Aber ist das Internet nicht auch der Ort, an dem alles erhalten bleibt? Wird das Printbuch nicht schneller verramscht als das E-book und die gedruckte Zeitung schneller weggeschmissen als ihre Online-Version aus dem Netz verschwindet? Ich schreibe also in das Verschwinden und das Nie-Vergessen gleichzeitig hinein.

Und ja, ich bin mir beim Schreiben bewusst, dass ich für einen kurzen, kurzlebigen Blog schreibe. Kurzlebig deshalb, weil es schon nach einer Woche des Herunterscrollens bedarf, um ihn hinter den darauffolgenden Blogbeiträgen aufzuspüren. Andererseits weiß ich auch, dass jeder, der mich unter meinem Namen sucht, unter Umständen immer diesen einen Blogbeitrag finden wird.

Spontan

Ist mein Schreiben im Blog spontaner, lehnt sich also eher an das automatische Schreiben, die Improvisation z.B. der Beatniks an?

Meine Freundin Dane hat einmal gesagt, sie sei nicht fürs ständige Optimieren gemacht, sie sei mehr für Rock’n Roll. Und ich finde, das ist auch eine gute Beschreibung des Blogs. Ein Blog ist eher Rock’n Roll, sich etwas trauen, ohne es lange auszuprobieren, Mut beweisen zur Spontanität, sich in Texten zeigen, ohne ewig darüber zu reflektieren, wie sie denn auf andere wirken könnten, welches Bild sie von mir als Autorin geben.

Multimedial

Das Blog bietet multimediale Möglichkeiten, die vom reinen Text ablenken, ihn bereichern können. Dies erfordert auch von mir andere Fähigkeiten als nur das Schreiben, wie z.B. die Bildbearbeitung. Ich musste mir einiges an technischem Know-How aneignen, um ein Blog führen zu können.

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Für meinen eigenen Blog habe ich eine für mich neue Blogart zu schreiben entwickelt, kleine Texte, die sich auf die Fotos beziehen, die wiederum Teil der Geschichte sind. Selbst die Hauptfigur ist einem Graffiti, einem Foto entsprungen. Hier im alphabettinenblog experimentiere ich z.B. mit Audios und mit Kommentaren, die ich selbst zum Bestandteil meiner Blogtexte mache. Solche Texte könnte ich auf Papier nie schreiben und sie könnten nur schwer gedruckt werden.

Vernetzt

Als Blogschreiberin schreibe ich gleichzeitig bei mir in der Poetinnenstube als einsame Poetin, als ich mich auch wie bei einer Lesung auf einer Bühne präsentiere. Über die Links und SEO-Möglichkeiten des Blogs bin ich ganz nah dran an der Vernetzung, aber auch am Marketing.

Auf Augenhöhe

Als Schreiberin eines Blogs reagiere ich direkt auf Kommentare. Vielleicht ist eine Blogschreiberin am ehesten mit einer Stadtschreiberin in einer kleinen Stadt vergleichbar, deren Bewohner sie besuchen kommen, während sie schreibt, Besucher, die die Schreiberin nach ihren Texten fragen und von ihr Antworten erhalten. In diesem Sinne ist das Blog eine Möglichkeit, seinen Leser*innen, aber auch anderen Blogger*innen auf Augenhöhe zu begegnen.

 Gemeinsam

Unser alphabettinenblog ist ein gemeinsames Projekt. Zwar schreibe ich in einer eigenen Kategorie, nämlich „Bloggen mit Hut“, aber dennoch erscheinen unsere Texte hintereinander und gemeinsam hier im Blog, wie in einer Blogparade. Manchmal beziehen wir uns aufeinander und kommentieren uns.

 Blograum – Schreibraum

Das Blog scheint mir nicht nur ein Text sondern auch ein Raum zu sein, ein Raum, in dem ich privat schreibend sitze, ein Raum in dem ich veröffentliche, ein Raum, in dem mich andere besuchen kommen, ein Treffpunkt, ein Textraum, ein Klangraum, eine Galerie.

Wir alphabettinen, die bloggen, gehen hinein in den Blograum, treffen uns dort, wissen, wen von uns wir dort als Schreibende antreffen, wir, die wir sonst an verschiedenen Orten wohnen, in Frankfurt/Oder, Heidelberg, Berlin und Halle. Das Blog schafft den Schreibenden einen Raum, keinen Rückzugsraum sondern einen Raum, in dem wir schreiben, den Text bearbeiten, ihn hineinstellen, öffentlich schalten, ihn kommentieren und dazu Kommentare beantworten, einen Ort, an dem wir andere Blogger*innen treffen. Das Blog ist ein Ort und ein Text, Schreibort und Schreiben zugleich. Es liegt an uns, ihn auch als solchen zu gestalten.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Als ich auf der Weihnachtsfeier der alphabettínen eintreffe, begrüßen sie mich mit den Worten:“Du schreibst ja diese Woche unseren Blog, nicht wahr?“ Tatsächlich! Das hatte ich verdrängt. Während die erste Pizza verteilt wird, gehe ich online, logge mich ein und betrete den Blograum.

Manche, die mir am Tisch weihnachtsfeierlich gegenüber sitzen und ihr erstes Stück Pizza essen, sind gleichzeitig im Blograum anwesend. Anjas Notizen liegen im Papierkorb, Carmens Postkarten treffen immer wieder ein und Claudia lässt ihren kurzsichtigen Blick schweifen. Ich wandere durch die verschiedenen Kategorien, höre mir dabei Musik an und Geräusche, lasse mir etwas vorlesen und blättere durch die Fotos.

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Am Tisch reden sie jetzt über die notwendige Verlinkung unseres Blogs in der Blogosphäre. Da ich mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs bin, sind meine Gedanken beim Blogschlendern langsamer geworden und ich kann der Unterhaltung bei der Weihnachtsfeier kaum noch folgen.

Mittlerweile bin ich so schnell geworden, dass ich bereits in der Zukunft angekommen bin. Mein Blogbeitrag ist schon erschienen, ohne dass ich mich erinnern könnte, ihn geschrieben und online gestellt zu haben. Ich füge noch einen Kommentar hinzu: „Entschuldigt bitte, dass ich so lange weg war.“ Dann kehre ich zur Weihnachtsfeier zurück. Die anderen verabschieden sich gerade. Ich darf mit zur U-Bahn laufen und bemühe mich, mit ihnen  Schritt zu halten. Die Gravitation macht mir hier unten zu schaffen, während mein Blogbeitrag seine Umlaufbahn erreicht.