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Das sinnlose Leben der Litfaßsäule

Ricarda de Haas

Letztes Jahr, irgendwann im März, mutierten Berliner Litfaßsäulen zu Grabsäulen. Man ging vorbei, in stummer Trauer, und dachte an Berlin, wie es gewesen war. Oder vielmehr, wie es gewesen sein soll, vor der eigenen Zeit. Als Litfaßsäulen jung waren, Symbol einer Moderne, die Mitte des 19. Jahrhunderts eher erahnt als erlebt wurde.

Und nun das. Ende einer Ära. Aussortiert, nicht würdig zu existieren in einer Zeit, in der Papier nicht geduldig, sondern nur geduldet war. Verblüffend nur, dass die Leerstellen nicht auffielen. Als wären die Flecken an den Ecken der Plätze, an denen die Säulen über hundert Jahre wie festgewachsen standen, schon immer nur freies Pflaster gewesen, über das Füße geschäftig liefen.

Dann, plötzlich, im März diesen Jahres die Entdeckung: eine neue Säule steht da, nicht ganz am Platz der alten, aber doch am selben Eck. Voll jugendlicher Tatkraft schaut sie in den Kiez. Anders als angekündigt leuchtet sie nicht. Nur der Haarkranz oben ist aus Plastik statt aus Eisen und Beton. Ansonsten lässt sich kaum ein Unterschied bemerken. Noch einmal trauert man. Die alte hätte doch noch etwas bleiben können.

Doch nun steht ist sie da, die Neue. Und steht. Kündigt Veranstaltungen an, die Ende März schon gestern waren. Und keiner kommt, und keiner klebt was Neues auf. Und keiner weiß, wann es wieder etwas zu verkünden geben wird. Fast möchte man sie bedauern. So jung ist sie, so sinnlos schon ihr Dasein.

Reiseandenken

Ricarda de Haas

Wer kennt noch dieses schöne Wort ‚Reiseandenken‘. Aus der Zeit, bevor man ‚Souvenir‘ sagte. Als Reisen etwas Besonderes war. Sommerurlaub. Klassenfahrt. Wintersport. Je einmal im Jahr. (Zu Freunden wurde nicht gereist, das galt als ‚Besuch‘). Etwas, an das man sich jedenfalls erinnern wollte, später. Im Alter? Oder wenn man wieder zu Hause saß? Fernweh bekam.

Das Reiseandenken erzählte davon, dass die Welt größer war. Selbst wenn die Reise manchmal nur in die nächste Stadt führte. Ein paar hundert Kilometer nach Norden, Süden oder Osten. (Westen war keine Reiserichtung. Im Westen lag Fantasia.) Bei manchen wohnten Reiseandenken hinter Glas. In der Guten Stube. In der Mitte der Schrankwand. Neben der Glaskugel, in der es schneite. Das Souvenir hat nie eine solche Magie besessen. Darin ähnelte es dem Mitbringsel: eine Kleinigkeit, die, sofern nicht essbar, bald verstaubte.

Jetzt könnte das Reiseandenken ein Revival erfahren. Statt an eine konkrete Reise zu erinnern, könnte es ein Gedenken ans Reisen sein. An eine Ära, in der Reisen alltäglich war. Damals, vor März 2020. Als Unterwegs sein eine Selbstverständlichkeit war, eine Art des In-Der-Welt-Seins. Mobilität eine Lebenshaltung. Ein Diktum individueller Freiheit.

Fragt sich nur, wie diese Art Reiseandenken beschaffen sein wird. Wie lässt sich die Abwesenheit von etwas darstellen? Die Lücke zwischen Hier und Dort.

Eine App, die Selfies vor den schönsten Hintergründen der Welt im Loop projiziert? Die Stimme in der S-Bahn, die unverändert ansagt, dass Reisende Richtung Flughafen Tegel in Jungfernheide umsteigen sollen? Ein virtueller Ticketgenerator, der Reise-Gutscheine für eine nicht näher bezeichnete Zukunft ausspuckt? Ein Gedenktag, an dem die einen lauthals trauern, während andere sich leise schämen?

Sicher ist nur, dass es eins nicht sein wird: Eine Kugel, in der Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe durcheinander wirbeln, wenn man sie schüttelt.

Postkarte aus meinem Schubfach

Nein, ich habe noch nicht alle Schubkästen und Schränke aufgeräumt. Im Garten wächst noch Unkraut. Es stehen immer noch ungelesene Bücher im Regal, die Fenster sind noch nicht geputzt und der Schal ist auch noch nicht fertig gestrickt. Aber ich schreibe: Briefe, Postkarten, Tagebuch, Blogbeiträge, Gedichtzeilen, E-Mails und am Manuskript fürs nächste Buch.

Notizen aus dem Papierkorb

 

II: wir zählen :II 

: weißt du wie viel sternlein : mücklein : fischlein :

: kinder frühe stehn aus ihren bettlein auf :

ich habe begonnen, listen zu schreiben 

ist ein bisschen wie tote zählen

zwanghaft, beinahe 

was gelistet ist, ist gebannt

gezählt, erfasst

dinghaft und welt wieder beschreibbar gemacht

: flüchtlingskinder, vielleicht aufzunehmende :

: coronakollerwochen, pro woche ein ritzer im alten tisch :

: fenster, zu putzende :

: ostereier, gefundene :

: kilometer, gerannte – könnte die app für dich :

: kalorien, verbrannte – könnte die app für dich :

: atemschutzmasken, nicht angekommene :

: bäume, gefällte : 


: mäuse, gefangene :

: mäuse, monetäre :

: tore, virtuell gefallene :

: betten, noch bereitzustellende :

: coronafälle – könnte die app für dich:

: coronatote – könnte die app für dich : 

: coronaverdächtige in deiner nähe – könnte die app für dich :

allein auf verlorenem posten 

: existenzen, scheiternd, scheidend :

: existenzangst, unzählbar : 

: kinder, hungernd : frauen, geschlagen : missbrauch, unzählbar :

: demente, durchdrehend : behinderte, verzweifelnd :

: alte, sehr alte, gar nicht so alte, vereinsamend :

Freud schrieb: Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, 

ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.

ich habe begonnen, listen zu schreiben 

ich beginne außerdem allergisch zu reagieren

auf die wortfamilie corona

meine gedanken entwickeln ausschlag, der langsam auf die texte übergeht

(rote, juckende pünktchen, kaum sichtbar)

ungesunde texte

ich gebe auf (schreiben, zählen, listen erstellen) und installiere die APP

hasch mich, ich bin das virus (beispiel für ungesunden text)

II: gott der herr hat sie gezählet dass ihm auch nicht eines fehlet :II

Wiki: Das „Zählen“ ist im Alten Testament ein göttlicher Herrschaftsakt,

der dem Menschen nicht zusteht.

so lasset uns singen das alte lied von der menschlichen 

: selbstermächtigung : 

: hypbris : 

: krone der schöpfung : 

neu

II: corönchen der schöpfung :II

II: the counting must go on :IIII: foreveeeeeeeeeeeeer :II

Leeres Land

Ricarda de Haas

Platz, wohin man schaut. Im doppelten Sinn. Wo die Leute fehlen, ist statt dessen Platz da.
Zugleich ist es das, wonach der Blick Ausschau hält: Wo ist Platz?
Leute-freie Lücken finden. Beim Einkaufen. Im Park. Um sich Platz nehmen zu können.

Diese Leere ist vertraut. Von früher. Auch jetzt ist alles ein bißchen grau. Wie damals. Als wir hier in dem anderen Land lebten. Als wir auch abends zu Hause saßen. Distanzlos, mit Freunden um den Küchentisch. Damals.

Doch im Park die Bänke sind alle in Ordnung. Heute.